Blinzeln

„Ich bin krank“, sagt sie und lächelt, nur ein bisschen, ganz kurz, vielleicht war es auch nur mein Wimpernschlag, der das Bild verzerrte, das Zucken über ihrer linken Augenbraue verdeckte. Ich wollte nicht blinzeln, ich blinzle nicht, wenn sie redet, starre auf den Punkt über ihrer Nase zwischen den Augen, den imaginären Fleck, der ihr Blickkontakt vortäuscht, ich schenke ihr diese Täuschung, die Magie der Annäherung ohne den tatsächlichen Kontakt, den dunklen Punkt zwischen den Augen, ich blinzle nicht. Würde sie mich fragen, ich könnte ihr nicht sagen, welche Farbe ihre Augen haben, ob sie es selbst wüsste, ich kann es ihr nicht sagen, sie fragt mich nicht, die Täuschung ist perfekt, doch bestimmt hat sie eine, sicherlich hat sie eine Augenfarbe, ein sattes Grün würde ihr stehen. Mit einem grauen Punkt, den niemand sieht, den nur ich sehe, wenn ich hinsehen würde, ich sehe nicht hin.

Für einen kurzen Moment ist er mir entglitten, der Punkt über der Nase, ein Glitzern hat sich in meinen Augenwinkel geschummelt, eine kleine Tinkerbell, ich nenne sie so, meine Migräne, aber dieses Glitzern war anders, ich musste ihm folgen, rutschte von dem Punkt zwischen den Augen, genau über der Nase, glitt über den feuchten rosa Lidrand, den benetzten Lidrand, Tautropfen unter dem grünen Regenbogen, und dann schloss sich mein Auge. Ich blinzle.

Und als ich zurückkehre, zu ihr zurückkehren will, zu ihrem Punkt, genau über der Nase, mich in die Mulde setzen, wölbt sich ihre Haut, teilt meinen Platz, schiebt mich beiseite. Ich quetsche mich in die Furche, verstecke mich vor dem Kräuseln, das sich langsam festsetzt, wage mich wieder hervor, balanciere über die eingefrorenen Dünen, falle in der Strudel, der mich über der Augenbraue wieder ausspuckt, ich klammere mich an die spröden Härchen, verfange mich, zapple, entgleite, kneife vor Schreck die Augen zusammen.

Sie lacht. Sie lacht mich aus. Amüsiert sich über meine Unbeholfenheit, meine Tollpatschigkeit, sie wirft den Kopf in den Nacken, schleudert mich über ihre Stirn.

Sie muss grüne Augen haben. Wie die Wiese, auf der wir unter der vollen Nachmittagssonne lagen, das Gras, der Klee, der Löwenzahn, wie Kaninchen, angezogen vom saftigen Grün, wir wälzten uns in unserer kindlichen Unbefangenheit darin, unsere kindische Gelassenheit, planschten mit den Fingern, mit den Knien in der sommersatten Farbpalette, gruben mit den Zehen auf den Grund des Farbtopfes, ich mal mir dich und deine Augen, grüner Klee mit erdiger Wurzel, braune Adern.

Ich blinzle nicht, wenn du sprichst, fixiere den dunklen Rand der Narbe, den Fleck zwischen den Augen, direkt über der Nase, den Annäherungspunkt, wir wälzten uns in der Wiese, gruben uns Höhlen, wie Kaninchen zwischen den hohen Grashalmen, über ihnen nur der blaue Himmel, die Straße kam überraschend. Du fällst.

Ich blinzle nicht, beobachte jeden deiner Atemzüge, wie sich die Nasenflügel heben, die Nasenspitze zittert, sich der Punkt zwischen deinen Augen glättet, ich quartiere mich dort ein, unser Annäherungspunkt, dein Kontaktpunkt zum Tod, sechs Stiche waren es, viel Blut, ein roter Fluss, der in deine Augenhöhlen rann, mich mitschwemmte, ich wäre fast mit dir darin versunken, ich versinke mit dir. Der dunkle Fleck erinnert mich daran, zwischen deinen Augen, direkt über deiner Nase, keine Täuschung, ich halte dich daran fest, halte unser Leben daran fest, seitdem blinzle ich nicht mehr.

Wenn ich dich fragen würde, welche Farbe meine Augen haben, könntest du es mir sagen? Ich kann es dir nicht sagen, bestimmt hab ich eine, sicherlich hab ich eine Augenfarbe. Grau wie der Fleck, wie die Straße.

„Ich bin krank“, sagt sie, um mich zu schockieren, diesmal blutet sie nicht, nicht nach außen, ich kann ihr nicht gegen die Stirn drücken, die Mulde, mich im Blut vergraben, den Schmerz aufpicken, sechs Stiche und alles ist gut, nur noch eine Narbe, Erinnerung. „Diesmal kannst du mich nicht heilen“, sagt sie nicht, aber meint sie, sie sagt es nicht. Und so klammere ich mich mit all meiner Verzweiflung an unseren Kontaktpunkt, die Härchen, die Grashalme, doch du schüttelst dich, schüttelst mich ab, mir wird schwindelig, es ist Tinkerbell, meine Migräne, ich blinzle, und du lachst, klopfst mit den Fingerspitzen gegen den dunklen Fleck, meinen Fleck, hämmerst gegen die Narbe, drückst sie unter die Haut, sodass ich gänzlich abrutsche, den Halt verliere, über das Nasenbein stolpere, in die Augenhöhle falle, mich in dem Schwarz der Pupille verliere. Dich verliere.

Nur für einen Wimpernschlag.

Sie lacht. Funkelt mich an, als könnte sie mich verbrennen, zwischen unseren Augen eine Lunte zünden, unsere Pupillen explodieren, ein Urknall unserer Welt, ich explodiere mit ihr.

Wenn wir uns fragen würden, welche Farben unsere Augen haben, wir sähen unsere schwesterlichen Spiegelbilder in unseren Pupillen. Doch wir fragen nicht, ich frage nicht, bleibe still, solange ich deinen Atem höre, wage mich in den schwarzen Ball, wandere über den feuchten rosa Lidrand, den tränenbenetzten Lidrand von den grünen Grashalmspitzen über den dicken Klee durch die braunen Adern ins dunkle Erdreich. Es regnet über der Wiese, der Regen verjagt die Kaninchen, doch nicht mich. Ich bleibe, verharre auf deiner Pupille, auch wenn du blinzelst.

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