Glas

Im Gästezimmer steht ein fremder Schreibtisch, umgeben von Umzugskartons. Man kann ihn von der Terrasse aus durch das große Fenster sehen. Wie er dort steht und nicht dorthin gehört. Doch ich weiß nicht, wem er gehört. Wohnzimmer, Küche, das Elternschlafzimmer, der Flur, das Treppenhaus, unsere Schlafzimmer im ersten Stock, das gesamte Haus liegt im Halbschatten der anbrechenden Nacht.

Ich schließe die Tür hinter mir, gehe ins Treppenhaus, betätige den Lichtschalter, hüpfe die Stufen hinunter zur Haustür. Fertig angezogen, Jacke, Schuhe, Schal. Doch ich habe meine Handschuhe vergessen. Ich stapfe zurück nach oben. Als ich den obersten Treppenabsatz erreiche, geht plötzlich das Licht aus und ich stehe im Dunkeln. Es ist stockfinster, der Abend hat sich unwiederbringlich in die Nacht verabschiedet, die sich mit all ihrer Undurchsichtigkeit um mich schlingt. Jemand ist hier. Ich spüre es. Spüre den Atem, die Existenz, spüre die Hand, die nach mir greift, noch bevor sie meinen Arm streicht. Schreiend und kreischend poltere ich die Treppe wieder hinunter. Das Licht geht an.

Im Gästezimmer steht ein fremder Schreibtisch, ganz aus Glas, wuchtig und schwer. Ich höre Geräusche vom Balkon. Schritte. Stimmen. Ich verlasse mein Schlafzimmer, schalte das Licht im Treppenhaus an, gehe die Stufen nach unten in Richtung Haustür. Unten angekommen bemerke ich, dass ich meine Handschuhe vergessen habe. Ich laufe zurück nach oben. Das Licht geht aus. Völlige Dunkelheit umgibt mich und ich weiß, ich bin nicht allein. Eine Hand greift nach mir und ich erkenne die Konturen einer Gestalt. Ein Mann. Ich reiße mich los und stürme nach unten.

Lautes Trampeln und Keuchen kommt vom Balkon. Vater kämpft mit einem fremden Mann. Sie schlagen aufeinander ein, Vater schnauft heftig, sie zerren aneinander, werfen einander in Richtung der Balkonbrüstung. Mehr als einmal hängt Vater gefährlich mit dem Oberkörper darüber. Ich brülle und schreie, weine. Ich stehe im Treppenhaus. Das Licht geht an, als ich den Schalter betätige. Ich gehe nach oben.

Die Deckenlampe verglüht, sobald ich die letzte Stufe erreiche. Aus dem tiefschwarzen Schatten der Dunkelheit löst sich eine Gestalt. Ich erkenne den Mann und wache mit einem sich überschlagenden Herzen auf.

In unserem Gästezimmer steht ein fremder Schreibtisch, durchsichtiges Glas, zwischen halbgeöffneten Umzugskartons. Vaters Bett ist leer.

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