Leseprobe: Merle und der Nordwind

Leseprobe aus Merle und der Nordwind (Kinderbuch, 2015)

Heute sitzt Merle am Hafen neben den vielen fremden Möwen und schaut den Fluss entlang, ob denn schon das Meer zu sehen ist. Der Wind ist frisch und treibt ihr die Tränen in die Augen. Merle glaubt, das Meer zu spüren, doch anstatt dem Flusslauf und dem Nordwind weiter zu folgen, verweilt Merle an der Uferpromenade unter den hohen Gebäuden, im lauten Stimmengewirr der vielen Menschen, dem Geschnatter der anderen Möwen und hat Angst. Die bunten Schiffe im Hafen sind wie eine große Armee, die sie erstarren lässt, selbst das andere Flussufer scheint bedrohlich, geschweige denn das ungewisse Ende des Flusses hinter dem Horizont. Und in den vielen Geräuschen um sie herum sucht Merle plötzlich die Stimmen ihrer Familie und Freunde. Gern würde sie näher an die anderen Möwen nebenan auf dem Geländer rücken, um sich zu wärmen, doch diese scheinen sie gar nicht zu bemerken und haben schon eigene Grüppchen gebildet.

„Und wenn ich wirklich nicht mehr nach Hause finde?“, überlegt Merle und kuschelt sich noch weiter in das eigene Federkleid. „Wenn mich der nächste Windstoß davontreibt, wenn das Meer mich verschlingt?“ Und das erste Mal seit ihrer Reise wendet Merle ihren Kopf gen Süden und sucht den Horizont nach den weißen Bergspitzen ab. Tatsächlich blicken ihr jedoch große Kräne, gläserne Hausfassaden und dicke Backsteinwände entgegen. Merle merkt, sie kann weder weiter vor noch zurück.

(…)

„Moin!“, sagt da plötzlich eine Stimme über Merles Kopf. Erschrocken schaut Merle nach oben. Eine Taube reckt ihren Hals zu Merle herab und mustert sie neugierig. Dann spreizt sie die Flügel, flattert zu Merle herunter und setzt sich neben sie. „Ich bin Sjard“, sagt die Taube und lässt ihren Kopf auf dem Hals auf und ab hüpfen. Dabei gurrt sie zufrieden. Auch ihre Augäpfel hüpfen wie ein Gummiball vor Merles Gesicht auf und ab. Dann plötzlich stoppt die Taube, legt ihren Kopf schief und betrachtet Merle durchdringlich.

„Ich bin Sjard“, wiederholt die Taube. „Merle“, murmelt Merle mit brüchiger Stimme. „Ah, du sprichst ja doch unsere Sprache!“, ruft Sjard und wackelt wieder aufgeregt mit dem Kopf. „Und woher kommst du?“ „Süden“, antwortet Merle zaghaft. „Ein weiter Weg“, bestätigt Sjard mit unaufhörlichem Kopfnicken. „Und was treibt dich hierher?“

Merles Blick wandert über die Wellen des Flusses, wo der Horizont in einem grauen Nebel verschwindet. „Ist schön hier, was?“, zischt Sjards Stimme mit dem Wind in Merles Ohr. „Aber kalt, brrrr!“ Sjard lacht laut auf und schwingt sich mit einem Flügelschlag in die Luft.

Unmerklich atmet Merle auf und rutscht ein Stück zur Seite, wo Sjard vorhin noch wie ein Verrückter auf und ab hüpfte. „Los jetzt!“ Im Sturzflug rauscht Sjard an Merles Kopf vorbei, vollführt mit hektischem Geflatter eine tollpatschige Schlaufe, um dann wieder über Merle zu schweben. „Na, was jetzt?“, hört Merle die Stimme der Taube durch die Windböen. Ja, was jetzt? Merle reckt ihren Hals in die Höhe und verfolgt mit den Augen die Taube, die unermüdlich ihre Kreise zieht. Als Sjard Merles Blicke bemerkt, löst er sich abrupt aus seiner Route und braust über den Fluss davon.

„Warte!“, ruft Merle, stößt sich vom Geländer ab und katapultiert sich in den grauweißen Himmel. Es dauert nicht lange, bis sie Sjard eingeholt hat. „Wo fliegen wir hin?“, fragt sie schweratmend. Statt zu antworten, legt sich Sjard in die Luftschwaden und rauscht unbeirrt geradeaus. Trotzig nimmt Merle die Verfolgung auf und zieht dann unaufhaltsam an ihm vorbei.

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