Leseprobe: Roy

Leseprobe aus Roy oder Die Reiseroute der Störche (Novelle, 2016)

Roy lachte fast nie in der Öffentlichkeit, wenn sie es aber tat, dann erwachte ihr ganzer Körper, er krümmte sich und aus ihrem Mund klatschte das gesamte Publikum einer Comedy-Show. Spätestens dann hatte sie die ungeteilte Aufmerksamkeit aller. Doch sie bemerkte es nicht und grölte weiter, bis ihr Lachen immer mehr zu einem Quieken abklang. Dann wischte sie sich mit dem Handrücken über das Gesicht, schniefte kurz und war wieder ruhig. Ihr Blick wurde starr und ihre Lippen nahmen eine halboffene Stellung ein. Auch ihr Körper richtete sich wieder auf und ihre Hände wanderten auf ihre Oberschenkel, wenn sie saß, und an ihre Hüften, wenn sie stand. Ich liebte es, wenn sie lachte.

Wenn sie einen dieser unerwarteten Lachanfälle hatte, wenn er plötzlich, fast wie aus Versehen, am Stehimbiss, in der Bahn oder auf der Straße aus ihr herausplatzte, schaute ich mich anfangs etwas peinlich berührt um und begegnete den neugierigen Zuschauern mit entschuldigenden Blicken. Wenn sich deren Mundwinkel dann zu einem amüsierten Lächeln verzogen, stellte ich mich schützend vor Roy. Es störte mich, dass sie Roys Lachen mit ihren Blicken aufsogen und ich wünschte mir, ich könnte es nur für mich behalten, ich könnte es einfangen und verhindern, dass es so schnell verschwand, wie es gekommen war. Als wäre es nie dagewesen. Während Roy sich das Lachen vom Körper strich, wandten die Passanten ihre Köpfe ab und liefen mit einem unbewussten Nachklang im Ohr weiter.

Ich beneidete sie, um jede Schallwelle, jedes Glitzern ihrer Augen, das sie eingefangen und mit sich genommen hatten. Roy hatte nichts von alledem bemerkt. Sie bemerkte es nie.

Vielleicht war ich nur eine der vielen, die in ihrem Bann gefangen waren. Die nach jedem Molekül lechzten, das sie einatmete und wieder ausblies. Vielleicht war auch nur ich es, die jede Regung, jede Veränderung in ihrer Haut- und Augenfarbe verfolgte. Weil sie kostbar war und allzu schnell wieder hinter verschlossenen Türen verschwand.

Schweigend verließen wir um fünf nach halb die Wohnung, setzten uns ins Auto und fuhren los. Wie jeden Mittwoch. Der Weg führte uns ein Stück durch die Stadt, kurz bevor der Feierabendverkehr über uns herabbrechen würde. Im Radio wurden soeben leichte Schauer prophezeit, als Roy abschaltete. Ich protestierte nicht. Roys Kopf lehnte gelangweilt am Fenster. Ihr Blick schweifte über die mit Einkaufstüten bepackten Passanten und die vor ihren Müttern weglaufenden Kinder, bis sie an der roten Ampel gerade rechtzeitig aufgehalten wurden. Ich trat ins Gaspedal und der Motor heulte auf. Jemand hupte. Roy zeigte keine Regung.

Ein paar Kreuzungen später verließen wir die belebten Straßen und kamen in einen ruhigeren Vorort. Die Menschen auf den Gehwegen wirkten weniger gestresst, die Kinder liefen brav neben ihren Eltern her und statt den Ampeln hielten mich zahlreiche Zebrastreifen auf. Es wurde grüner, die Häuser prächtiger und bunter. Auf den Verkehrsinseln blühten Stiefmütterchen und Tulpen statt Getränkedosen und Plastiktüten. Ich kurvte etwa fünf Minuten lang durch die Siedlung, bis ich das Auto vor einem gelben Haus mit weißen Fensterrahmen auf einem der beiden Parkplätze abstellte.

„Ich warte hier“, sagte ich, bevor Roy die Autotür hinter sich zuschlug. Ich sagte es immer. Unnötigerweise. Sie wusste es. Ich blickte ihr nach, wie sie um das Auto ging und den Weg zur Haustür einschlug. An der Tür hing ein Kranz aus gelben Blumen. Roy klingelte, wartete ein paar Sekunden und drückte dann gegen die Tür. Ohne einen Blick zurück verschwand sie im Haus. Ich blickte auf die Uhr. Sechs nach fünf. Sechs Minuten zu spät. Wie immer.

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