Kein Abschiedsgruß an den Sommer

Mit leisen Fingern webt der Herbst sein nebelumschlungenes Netz über die Stadt, durch das der warme Regen als letzter Sommergruß tröpfelt und uns vom kalten Wind ins Gesicht gepeitscht wird. Wir reiben uns die Augen, ungläubig und müde, Jacke und Schal schmiegen sich an unsere Körper, als wären sie nie fortgewesen, die Ausbeulungen erzählen von den alten Geschichten, ihr Geruch hängt noch im Stoff.

Es wird still zwischen den tropfenden Regenschirmen und nassen Fußabdrücken im Waggon, Striemen des sich befreienden Kondenswassers ziehen sich über die beschlagenen Fenster, verwehren uns den Blick nach draußen, auf das Schwarz des U-Bahn-Schachts, das Grau des Himmels, auf die Sternschnuppen. Unsere Wünsche fallen mit unseren Schultern zu Boden, der April ist auf Sommertour, doch uns ist nicht nach Scherzen zumute.

Hat sich der Sommer schon verabschiedet? Haben wir die Gelegenheit versäumt, den Zehn-Meter-Sprung ins Freibadbecken, das Wellenreiten an der dänischen Küste? Aus Erdbeeren wurden Himbeeren und dann nur noch ein dunkler Fleck auf dem Pflaster, dort, wo die Hütte stand. Jeden Tag vorbeigelaufen, die Preiskurve und die Verwandlung der Produkte beobachtet. Nichts gekauft.

Wir werfen einen Blick zurück, aber die U-Bahn bringt uns weg, unumkehrbar in eine Richtung, aus dem Trubel der Stadt in den Feierabend. Doch wie wir den Tag nicht vor dem Abend loben, beschwören wir nicht die Nacht, bevor der letzte Sonnenstrahl in seinen tausend Farben über den Horizont bricht.

13. August 2016, Hamburg

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