Multilinguales Temperament

Ein Pärchen sitzt mir gegenüber. Sie, lange schwarze Haare, ein blasses, glänzendes rundes Gesicht, rote Augen und ein farblich angepasster Lippenstift. Er, gebräunt, in kleinen Locken gekräuseltes hellbraunes Haar, kurzer Bart und bunte Klamotten. Sie, bewegt sich nicht, sitzt nur da, starrt in die Ferne oder ins Nichts, den Mund halb geöffnet. Er, redet, Koreanisch, schnell, leise, von der Seite, ohne sie anzusehen, dann pausiert er, fängt wieder an, pausiert.

Sie, schließt die Augen, atmet durch den Mund, versinkt in den Sitz. Und er, redet. Pausiert. Redet. Ohne sie nur für einen kurzen Moment anzusehen. Nur seine Mundbewegungen zeigen in ihre Richtung. Sie, schweigt. Reagiert nicht. Nicht mit einer Wimper.

Durch das geöffnete Fenster dringt der frische Durchzug vom U-Bahn-Schacht, der ein bisschen nach der frühen Nachtluft schmeckt, obwohl wir uns tief unter der Erde befinden. In den Kurven rattert es laut, die Geräusche im Waggon werden übertönt.

Sie, erschrickt. Reißt die Augen auf. Wirft den Kopf in den Nacken. Schaut verwirrt um sich. Er, redet. Pausiert. Redet. Sie, sinkt zurück in den Sitz. Er, erhebt sich. Ohne sie anzusehen. Ohne auf eine Reaktion von ihr zu warten. Steigt aus. Auch sie stemmt sich jetzt hoch, trottet ihm hinterher. Mit müden, aber großen Augen.

Und hinter mir zwei Spanier. Aufgedreht. Angeheitert. Amüsiert. Gackern, lachen auf Spanisch, tänzeln zum Ausgang und verschwinden in die Nacht.

„Die Zukunft wartet!“, hör ich noch ihren Abschiedsgruß über den Bahnsteig.

16. August 2016, Hamburg Underground

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