Am Hafen

Die müde Augustsonne legt ihre goldene Decke über den Hafen, während uns der frische Abendwind seine Herbstmelodie ins Ohr flüstert. Möwen segeln durch den fast wolkenleeren Himmel, ein rosa Schimmer liegt am Horizont und spiegelt sich im leise vor sich hinplätschernden Elbwasser. Ich beobachte, wie sich langsam ein großer Schatten über die Hafenpromenade zu unseren Füßen schleicht und die Sonne mit einem letzten gleißenden Aufbegehren in den Glasfassaden hinter den dicken Backsteinhäusern verschwindet. Ein kalter Blitz zuckt durch meinen Körper, reißt die Härchen aus ihren Sitzen und beutelt mich. Ich verschränke die Arme und reibe über den dünnen Stoff meines Sommerjäckchens. Leises Gelächter dringt zu mir herüber, Gläserklirren, der Schrei einer Möwe.

Ich stecke mein Smartphone zurück in die Handtasche und erhebe mich. Schräg hinter mir sitzt ein junges Pärchen auf einer bunten Picknickdecke auf den Stufen, Schulter an Schulter, zwei halbvolle Gläser Sekt vor ihren Füßen. Sie blinzeln dem Wind und den vereinzelten blendenden Strahlen der Sonne entgegen, die noch einen Spalt durch den Häuserblock gefunden haben.

„Hallo, wollt ihr vielleicht einen Muffin?“ Ich bleibe vor ihnen stehen, hole die Plastikdose aus dem vollgestopften Stoffbeutel, öffne den Deckel. „Ich hab viel zu viele gemacht, ich weiß gar nicht, wie ich die alleine essen soll“, erkläre ich, lächle und strecke dem verblüfften Pärchen die Dose hin. „Die sind mit Haferflocken und Äpfeln, schmeckt leckerer, als es im ersten Moment klingt. Und ist noch dazu relativ gesund. Fast kein Zucker drin.“ Ich lächle immer noch. Sie lächeln auch. Er beugt sich jetzt nach vorne, um einen Blick in die Dose zu werfen, bis er auch endlich hineingreift.

„Das ist ja nett“, sagt sie und legt die Hand an die Stirn, um ihre Augen abzuschirmen, der Himmel hinter meinem Rücken scheint sie zu blenden. Er reicht ihr einen Muffin und legt sich selbst einen in den Schoß. Sie bedanken sich. Ich lächle. Sie lächeln zurück. Und als ich mich von ihnen abwende, bemerke ich noch, wie sie sich einen überraschten Blick zuwerfen.

„Wollen Sie auch einen Muffin?“ Ich erspähe einen Mann, der ein Stück weiter auf den Stufen sitzt und eine Dose Bier an seine Lippen legt. Er scheint die Szene beobachtet zu haben. Sein Schnurrbart zuckt, als ich ihm das kleine Gebäck reiche.

„Hier haben Sie noch einen zweiten. Einen schönen Abend!“ Vier Muffins leichter stapfe ich weiter quer über die Stufen, ohne einen Blick zurückzuwerfen. Am anderen Ende sitzen zwei Männer mit einem Hund und stoßen gerade mit zwei vollen Gläsern Weißwein an. Die T-Shirts spannen sich um ihre Oberkörper, die Haare sind zu einer geschmeidigen Tolle über den Kopf geworfen. Sie lachen. Der Hund hechelt zufrieden, lässt den Wind durch das weiße Fell streichen.

Das Lachen klingelt in meinen Ohren, vermischt sich mit dem steten Rauschen der Elbe. In der Dose in meiner Hand liegen noch zwei Haferflocken-Apfel-Muffins. Mit ganz wenig Zucker. Im Stoffbeutel sind noch zwei Tafeln Schokolade. Eine halbe Wassermelone. Eine verschlossene Flasche Hugo.

„Hallo, darf ich euch ein paar Muffins anbieten?“ Ich baue mich vor den beiden Männern auf. Über ihnen färben sich die Wolken im orange-rosa Sonnenuntergang zu lockeren Zuckerwattebällchen.

„Och wie lieb“, sagt da der eine. „Was sind das denn für Muffins?“

„Haferflocken-Apfel. Sind echt lecker. Meine Schwester hat mir das Rezept geschickt, ich war am Anfang auch etwas skeptisch, aber die schmecken überraschend gut!“ Ich lächle.

„Hört sich lecker an. Na, da nehmen wir doch gern welche, oder, Schatz?“ Er greift in die Dose und schnappt sich die letzten Muffins. Schatz mustert mich.

„Magst du keine Muffins mehr?“, fragt er.

„Ich hab zu Hause noch einen Haufen. Wollt ihr auch Wassermelone? Hätte da noch eine Hälfte.“

Schatz mustert mich noch immer, während sein Partner mit spitzen Fingern am Muffinpapier zupft.

„Was ist mit dir?“, fragt Schatz. Ich stutze. Halte in der Bewegung inne, als ich gerade die Wassermelone aus der Tasche holen wollte.

„Wie gesagt, ich hab noch genug.“ Ich lächle.

Ein Schatten legt sich auf Schätzelchens Gesicht. Und auch seine Begleitung blickt plötzlich auf, lässt vom Muffin ab. Der Wind bläst mir durch das Haar. Mich fröstelt.

„Ein hübsches Mädel wie du sollte nicht alleine im Sonnenuntergang am Hafen sitzen“, sagt Schatz in die Stille. Mein rechter Mundwinkel will automatisch nach oben zucken, doch anstatt zu einem ironischen Schmunzeln zu werden, wandert das Zucken über meine Wange zum Auge, das zu brennen beginnt. Die Hand, die vorhin noch mit dem Muffinpapier kämpfte, liegt jetzt auf Schatz‘ Knie. Beide schauen mich an.

„Schon gut“, sage ich und versuche, das Lächeln wieder aufzufangen. Die flauschigen Bäuche der Zuckerwattewolken sind mittlerweile in ein dunkles Blau getaucht, das sich immer mehr über den Himmel ausbreitet. Der Deckel der Plastikdose rutscht mir aus der Hand, als ich ihn wieder schließen will. Hastig bücke ich mich und begegne dabei den neugierigen Blicken des Hundes. Ich schniefe vom Wind, doch das Geräusch erschreckt mich und ich wünschte, ich hätte es nicht zugelassen, man könnte es falsch verstehen. Ich fühle mich ertappt.

„Lasst euch den Muffin schmecken“, sage ich, ohne die beiden anzusehen, sie sollen nicht sehen.

„Eine Frau versetzt man nicht“, höre ich noch seine Stimme gegen den Wind, als ich mit großen Schritten die Treppe hoch eile. Doch. Das tut man anscheinend. Ich schniefe noch einmal und renne zur U-Bahn.

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2 Gedanken zu “Am Hafen

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