Wenn die Familie zu Besuch ist

Viele Indizien sprechen dafür, dass diese Familie nicht oft U-Bahn fährt. Vater schiebt die Familie in den Waggon. Mutter schweigt. Sohn und Tochter zögern. Vater schiebt die Kinder noch weiter in den Waggon.

„Setzt euch!“, sagt er, befiehlt er, als die Kinder einfach im Gang neben zwei freien Plätzen stehen bleiben.

„Ist da noch frei?“, fragt der etwa 16-jährige Sohn die von der Frage überrumpelte Sitznachbarin. Seine kleine Schwester mault.

„Nein, setz dich, glaub mir, ist besser so“, sagt Vater. Sohn und Tochter setzen sich. Vater und Mutter bleiben im Türbereich stehen.

„Mach deine Beine aus dem Gang“, schimpft der Vater und das Mädchen zieht seine Beine ein. Die nächste Station wird angesagt.

„Wie heißt die nächste Station?“, fragt der Sohn.

Eine junge Frau, vielleicht Anfang zwanzig, im Vierersitz nebenan meldet sich zu Wort. Und ich verstehe, dass das die große Schwester sein muss, die sich mit dem Rest der Familie in den Waggon geschummelt haben muss. Wie es routinierte U-Bahn-Fahrer tun. Wahrscheinlich findet hier grade der große Familienbesuch statt.

„Guck doch auf die Karte, da oben an der Decke“, schlägt Vater vor. Der Sohn dreht seinen Kopf um neunzig Grad nach rechts und blickt ans andere Ende des Waggons.

„Wo ist die Decke?“, fragt Vater. Wieder schaut der Sohn sich um.

„Wo ist die Decke?!“, lacht die kleine Schwester. Der Kopf des Bruders dreht sich verwirrt.

„Wo ist die Decke?!“, ruft Vater jetzt, mit einem ungeduldigen, fast anklagenden Unterton, gleichzeitig aber mit einer Stimme, als würde er zu einem Kleinkind sprechen. Fast schon wieder gnädig. Den Sitznachbarn platzt ein Lachen heraus. Endlich entdeckt der Sohn die Karte. Er blinzelt durch seine Brille.

„Das kann ich doch so nicht lesen“, murmelt er. „Wo müssen wir aussteigen?“, fragt er. Vater zeigt es ihm.

„Drückst du?“ Er wirft einen Blick zu seiner großen Schwester hinüber.

„In der U-Bahn muss man nicht drücken. Die hält überall.“

„Boah, das dauert dann ja ewig!“

„Nein, die U-Bahn ist schnell.“

„Kann man hier auch aufstehen und rumlaufen?“

„Was willst du?“ Vater mischt sich ein.

„Hier rumlaufen?“

„Nein, auf keinen Fall, das ist gefährlich.“

„Warum ist das gefährlich?“ Die kleine Schwester hebt die Augenbrauen.

„Na, weil man da nach vorne fallen kann“, erklärt der Bruder, „und dann fliegst du voll auf die Fresse und blutest.“

Sie schweigen. Auch Mutter schweigt noch immer. Vater legt eine Hand auf ihre Schulter.

„Alles okay, Schatz?“, fragt er. Und sie nickt. Schweigend.

22. August 2016, Hamburg Underground

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