Monster

Der Mond zwinkert mir ein letztes Mal zu, bevor Mutter den dicken Vorhang zuzieht und sein warmes Licht aussperrt. Die kalte Deckenlampe wirft die immerselben Schatten auf die Zimmerwände. Mutter schüttelt das Kopfkissen auf, streicht mir eine Strähne hinters Ohr, zupft mit spitzen Fingern an den Zipfeln der Bettwäsche, schiebt sie mir bis unters Kinn. Legt mir Ferb auf die Schulter, streichelt über seinen plüschigen Schildkrötenpanzer, flüstert ihm etwas ins Ohr, weil ich es nicht kann, eingeschlossen in meinem bauschigen Baumwollkokon.

Mutter öffnet den großen Kleiderschrank am anderen Ende des Zimmers. Ich blinzle über die Kante der Bettdecke. Mutter lässt die Schranktüren weit auffallen, sodass sie in den Angeln knacken. Die Schatten der Deckenlampe verwischen den Inhalt und Mutters Gesicht. Doch bestimmt lächelt es zufrieden.

„Siehst du, keine Monster im Schrank“, sagt sie und ich nicke. Ferb schmiegt seinen Kopf an meine Wange. Keine Monster im Schrank. Mutter schließt die Türen, trippelt zurück zum Bett und kniet sich auf den Boden. Krabbelt gebückt über den Teppich und sucht unter dem Bett nach Monstern. Ich kann Mutter von meinem Posten aus nicht sehen, ich höre ihr lautes Schnaufen, wie sie sich die Nase kratzt, als sich ein Staubkorn darin verfängt. Mutter stemmt sich an der Bettkante hoch. Eine Strähne hängt ihr ins Auge, die sie mit einer hastigen Kopfbewegung über die Stirn zurückwirft.

„Kein Monster unterm Bett“, sage ich und sie nickt. Sie zupft noch einmal an den Ecken der Bettwäsche, um sich dann draufzusetzen, an die Kante der Matratze, nur mit einer Pobacke, den Rücken halb zu mir. Ich betrachte ihr Profil, während sie im Märchenbuch blättert. Zu lesen beginnt. Von Prinzessinnen in großen Schlössern, von tapferen Rittern, bösen Stiefmüttern und gefährlichen Monstern. Die Schatten im Zimmer zittern leicht. Der Lichtkegel der Deckenlampe reicht nicht bis in die Ecken. Doch es verstecken sich dort keine Monster. Keine Monster im Schrank. Keine Monster unterm Bett.

Und Mutter liest, bis ich die Augen schließe, bis der Ritter die Prinzessin befreit. Mutter schlägt das Buch zu. Ich spüre ihre Blicke auf mir. Ich halte die Luft an. Die Matratze vibriert unter mir, als Mutter sich erhebt, das Buch auf das Nachtkästchen legt, das Licht löscht und die Tür hinter sich schließt.

Später kommt Vater ins Zimmer, schlüpft im Dunkeln unter meinen Kokon und küsst mich Gutenacht. In einem fernen Königreich läuten Hochzeitsglocken. Während das Monster in meinem Bett erwacht.

Skizze einer Kurzgeschichte, inspiriert von „Stuffed Friend“, einem Kurzfilm von Studenten der HdM Stuttgart, basierend auf dem gleichnamigen Clarissa-Comic.

Zum Film.

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