Schwarzäugige Susanne

Eine Taube schleicht durch die Bahnhofshalle, pickt die Spuren des Tages vom Boden, bis sie ihren eigenen Weg verlieren wird. Sich erheben, erst eine, dann zwei, dann drei Runden über die Köpfe der vereinzelten Fahrgäste drehen wird, die langsam verschwinden. Sie wird bleiben. Ihr Flügelschlag wird hektisch.

Ich warte an der Ecke des Zeitungskiosks, betrachte die Auslagen vor der geöffneten Ladentür, die die ansonsten leere Bahnhofshalle mit schwarz-weißem Leben füllt. Herzschlagzeilen. Der asiatische Imbiss auf der anderen Seite schiebt die gebratenen Nudeln zum hundertsten Mal von rechts nach links, die Taube hebt angewidert den Kopf vom Boden und tippelt zu den Brotkrumen vor dem Bäckertresen, über den der feuchte Feierabendlappen fegt. Rollläden versperren den Blick auf die Kartonmöbel aus recyceltem Material. Die gelbe Masse im Smoothiespender dreht sich nicht mehr.

Die Blumendame räumt die Töpfe von den Aluminiumregalen vor ihrem Laden, baut damit einen bunten Wall um den Eingang, vor den sie schließlich wackelige Scheiben schiebt, einzeln ins Schloss knacken lässt, zwei Drehungen mit dem Schlüssel. Der Besen mischt Blütenblätter, Straßenschmutz und Brotkrumen, verjagt die Taube. Die Blumendame wischt sich den Schweiß von der Stirn.

Ich würde gerne noch Blumen kaufen. Die letzte Rose an mich nehmen, vielleicht auch eine Sonnenblume, hast du die schwarzäugige Susanne im Park gesehen? Ich musste an dich denken. Ich würde gerne, bevor die letzte Schlüsseldrehung den Tag aussperrt, mit einer Hand voll Leben zusammen mit den anderen Fahrgästen in alle Richtungen zerstäuben. Sieh mich nicht so an, kleine Taube.

Ich verlagere mein Gewicht auf das andere Bein, die Zeiger der Uhr läuten in den sonnabendlichen Feierabend. Die automatische Tür öffnet sich, ein großer Anzugträger mit graumeliertem Haar betritt schnellen Schrittes die Bahnhofshalle, zieht ein einzelnes Laubblatt über den Boden in Richtung Blumendame. Seine Schuhe knirschen auf dem Staub der Erde vor dem Laden, der Besen lehnt an dem vorletzten Stück der Glasfront, die Blumendame kniet davor und hantiert mit dem Schlüssel. Sie blickt hoch. Erhebt sich. Lächelt.

Die letzten Blumensträuße des Tages stehen hinter dem Blumentopfwall. Er betrachtet die Auswahl, streicht sich übers Kinn, zeigt mit dem Finger auf ein Exemplar. Die Blumendame steigt über die Auslage, greift nach einem kleinen bunten Blumenstrauß. Er nickt. Beide bahnen sich den Weg zur Kasse. Er zieht sein Portemonnaie aus der Hosentasche.

Ich würde dir eine Blume kaufen. Eine gelbe Rose, die nach Zitrone riecht. Nach unserem ersten Sommeranfang. Ich leg sie mir auf die Aktentasche auf meinem Schoß, es ist Sonnabend, ich komme zu dir. Ich komme nach Hause.

Schwere Messingraben sitzen zwischen den Servietten und den Gebäckresten auf den Tresen und verschrecken die Taube. Die Schlagzeile des Tages flattert unter ihrem Flügelschlag, noch eine Runde, noch eine Runde, noch eine Runde. Die automatische Tür öffnet sich nicht für deinen kleinen Körper. Ich weiß, kleine Taube. Nur du und ich. Wir werden bleiben. Mein Herzschlag wird hektisch.

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6 Gedanken zu “Schwarzäugige Susanne

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