Jetzt aber flott

Da der Montag so bescheiden begonnen, sich aber im Laufe des Tages immer positiver entwickelt hat, beschließe ich zum Feierabend, meinen Mitmenschen mit größtmöglicher Freundlichkeit und Offenheit zu begegnen. Kann man ja mal machen.

Zum Beispiel den Busfahrer beim Einsteigen nett begrüßen und tief in die Augen schauen. Kommt an. Der Bus ist erstaunlich leer, was meinen neuen Freund hinterm Steuer nicht davon abhält, eine Durchsage zum ausbalancierten Verteilen der müden Körper im gesamten Busraum vom Stapel zu lassen. Er habe nämlich heute nur einen kurzen Bus. Manche haben halt Komplexe. Natürlich folge ich seinem Aufruf. Nett und offen und so.

Der Fahrgast, der an der nächsten Haltestelle aussteigt, findet es nicht so nett, dass ihn die schließenden Türen mitten in der Fluchtbewegung fast in die Zange nehmen. Immer langsam, scheint seine Handbewegung draußen in Richtung Busfahrer zu sagen. Doch der tritt schon wieder aufs Gaspedal. Der hat’s aber eilig, denke ich noch, als er zu einem riskanten Überholmanöver ansetzt, sich an dem Bus vor ihm vorbei zurück auf die Straße schummelt. Der Kollege weiß gar nicht, wie ihm passiert und guckt ganz bedröppelt. Kopf hoch, Junge, die Sonne lacht.

An der nächsten Haltestelle stauen sich weitere Omnibusbrüder. Anstatt zu bremsen, betätigt mein Kumpel von den Verkehrsbetrieben sein geliebtes Gaspedal. Man muss Komplexe eben kompensieren. Und so rauschen wir gekonnt an der Haltestelle vorbei. Wollte eh keiner raus. Noch zwei Stationen bis zum Linienende. Die vorletzte nehme ich. Und die restlichen fünf Fahrgäste. Stellt auch der Busfahrer fest und dreht sich erwartungsvoll um, scannt die Sitze. Doch da! Auf dem Sitz genau hinter ihm verkrümelt sich noch eine junge Frau. Ich hoffe, er hat sie noch gesehen, bevor er im Feierabendtaumel die Endstation sausen lässt, denke ich noch, doch da bin ich schon ausgestiegen. Ein Minuspunkt auf der Nettigkeitsliste. Naja.

Ich muss auf die andere Straßenseite, warte den Bus ab, der an der Ampel fröhlich Fußgänger und Fahrradfahrer weghupt. Aus dem Augenwinkel sehe ich einen sonnenbebrillten, hipsterbärtigen Öffiverweigerer auf seinem Ich-kann-Stadt-und-Land-Zweirad heranstrampeln. Geht noch, denke ich, und gehe los.

„Jetzt aber flott!“, ruft der sonnenbebrillte, hipsterbärtige Öffiverweigerer auf seinem Ich-kann-Stadt-und-Land-Zweirad, kurz bevor er mich und ich den Gehsteig erreiche. Wusste gar nicht, dass man in der Dreißigerzone so rasen kann. Meine Reaktion ist, denke ich, angemessen. Kurz vorm hypothetischen, mit praktischem Menschenverstand durchaus zu verhindernden Zusammenstoß werfe ich ihm noch einen kecken Blick über die Schulter in die dunkelverglasten Augen zu, halb Zwinkern, halb Augenrollen. Kann man machen.

Bin heil zu Hause angekommen. Danke der Nachfrage.

12. September 2016, Hamburg Bus

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4 Gedanken zu “Jetzt aber flott

  1. Klasse geschrieben- man hat das Gefühl mit im Bus zu sitzen…

    Und als bekennender Öffiverweigerer weiß ich wieder einmal mehr, warum ich meiner Linie treu bleibe und auch morgen wieder mit dem eigenen Auto zur Arbeit fahre 😉

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