Weil jeder seine eigene Welt gebärt

Das perlweiße Hemd dehnt sich über seinem prallen Bauch, der ein Baby beherbergen könnte, höchstwahrscheinlich jedoch meistens nur dem Braten in der Röhre beim Brutzeln zuguckt. Die Stofffalten um die Plastikknöpfe sind gefährlich gespannt. Der Bauch hebt sich über seine schmale Hüfte, thront über den ebenso schmalen Oberschenkeln.

Er hat einen dunklen Teint, über den sich graue Haare bis zu den Fingerknöcheln erstrecken. Lediglich auf dem Kopf ist das Fell licht und von einzelnen schwarzen Strähnen durchzogen. Das Haupthaar glänzt feucht und liegt ordentlich über der Halbglatze. Große braune Rehäuglein wandern in den von Lachfältchen umrahmten Höhlen hin und her.

Seine Zunge wühlt in den perlweißen Zähnen, während die Finger eine Kaugummiverpackung aus der Hosentasche ziehen, zu einer eckigen Kante falten, um dann die Zunge abzulösen. Eine professionelle Handbewegung mit dem gecrafteten Alu-Werkzeug und der Zahnzwischenraum ist von Braten und Co. befreit. Die Lippen stülpen sich über die Alufalz, befördern die Essensreste zurück in den Rachen, der sie mit einem kurzen Zähneknirschen verschlingt. Die Verpackung wird glattgestrichen und in der Brusttasche verstaut, ein Kaugummistreifen entpackt und in den Mund geschoben. Feuchtes Schmatzen. Schnalzen.

Zwei Minuten später erhebt er sich wieder, schnappt sich die bunte Plastiktüte eines Spielzeugladens. Das Smartphone findet noch Platz in der Hemdtasche auf der schmalen Brust, unter der sich seine Weltkugel den Weg zum Ausgang bahnt.

23. September 2016, Hamburg Underground

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