Solche Tage

Ich stehe im grell erleuchteten Supermarkt im letzten Drittel der nächtlichen Samstagabendschlange an der Kasse. Auf dem Kassenband landen vor allem in Dosen und Flaschen verpackte Flüssigkeiten, Wachmacher, Launemacher, Trunkenmacher. Eine Tube Zahnpasta. Schwarze Schlieren auf dem Boden zeugen vom Tag, vermischen sich mit Salatblättern und bröseligen Zwiebelschalen in der zu dieser späten Stunde einer Ramschkiste ähnelnden Frischetheke, verlieren sich in den Gängen und sammeln sich wieder unter den Füßen der am Kassenband ausgebremsten Gestalten. Einen Schritt nach dem anderen.

Der Haarzopf, den ich mir am Morgen schnell auf den Hinterkopf geknotet habe, wippt, wenn ich den Kopf vom Zeitschriftenregal zu den septemberlichen Weihnachtsleckereien drehe. Einen Schritt nach vorne. Die Kälte von der Tiefkühlpizza schleicht in meine Fingerspitzen. Ich höre das Rascheln von Verpackungsmaterial, die Stimmen der anderen Kunden, das Piepen des Scanners, doch die Geräusche bleiben irgendwo in der Hörschnecke hängen, zerstäuben, sodass mir die Umgebung wie ein dumpfes Nebelfeld erscheint, durch das das grelle Morgenlicht der Neonleuchten an der Decke dringt. Ich senke den Kopf.

Es schmerzt, hier zu sein. Die Blicke der Menschen zu spüren, das Leben der anderen hinter den hell erleuchteten Fenstern aufblitzen zu sehen. Der Waschsalon hat noch geöffnet, die Türen stehen weit offen, man trifft sich, unterhält sich, lacht. Lasst uns noch ein Bier holen.

Noch einen Schritt nach vorne. Ich lege die Tiefkühlpizza auf das Kassenband, dahinter einen Warentrenner, ein automatisches Zucken in den Mundwinkeln, kein Blickkontakt, einen Schritt zur Seite, Platz machen, das Geld im Portemonnaie abzählen. Meine eigene Stimme erschreckt mich beim Bezahlen, meine Finger zittern, als sie nach den Centmünzen fummeln, ich verzähle mich, jede Millisekunde wird zu einer Ewigkeit. Die Kassiererin wendet den Kopf ab.

Ich fühle mich beobachtet und laufe mit der Einkaufstasche quer über die Straße, anstatt den gewohnten Weg über den Zebrastreifen zu gehen. In der Ferne nähern sich zwei strahlende Scheinwerferaugen, sie scheinen immer schneller zu werden. Ich husche um den Häuserblock, halte den Wohnungsschlüssel in der Faust bereit, während ich mich nach den Nachbarn umblicke.

Ich lasse die Pizza verbrennen. Ein schaler Geschmack liegt auf meiner Zunge. Ich esse die harte, vor sich hin bröselnde Pizza, doch der Hunger vergeht nicht. Der Belag auf der Zunge bleibt. Der Monitor flimmert noch immer, weiße Schatten legen sich über mein Auge. Mein kurzer Ausflug nach draußen hat mich noch schwereloser gemacht, jedoch ein kleines Migräneblitzgewitter hervorgerufen. Ich reibe mir die Augen. Doch die seltsam schmerzende Schwerelosigkeit klebt an meinen Händen wie Spinnweben, in denen ich mich verheddere. Ich halte es nicht mehr aus.

Ich stülpe mich aus meinem Kokon. Werfe den Laptop zur Seite, mir die Wolldecke von den Knien ans andere Ende des Zimmers. Rolle mich vom Sofa. Lasse mich fallen. Stehe wieder auf. Zuerst gleitet die Hose über meine Hüfte, ich bücke mich für die Socken, schlüpfe aus der Strickjacke, dem T-Shirt. Ich schüttle den Kopf. Wild, sodass sich der Knoten endgültig löst und verzwirbelte Strähnen gegen die Wangen klatschen. Noch eine Handbewegung und der BH liegt am Boden. Dann der Slip.

Und so stehe ich. Im schummrigen Licht der Nachttischlampe zwischen dem nackten Fenster und dem milchigen Spiegel an der Wand. Ich streiche mir über die Hüften, wiege die Brüste in meinen Händen und lege dann die Handflächen an den Hals. Ich poche. Zwei dunkle Augen starren mich an, wandern über meinen Körper, fokussieren schließlich das schwarze Loch meiner Pupillen. Ich atme ein. Ein Luftzug wirbelt durch meinen Körper, die Härchen spielen Domino. Ich lasse los.

Lasse mich bäuchlings aufs Bett fallen. Und bleibe dort liegen. Einfach so. Nackt. Allein. Still. Bis die Schwerkraft meinen Körper fast zum Ersticken bringt. Die Welt endlich aufhört, sich um mich zu drehen. Ich atme aus.

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2 Gedanken zu “Solche Tage

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