O men, it’s an omen.

Wir schreiben den Oktober im Jahre 2014, der Herbst legt seine goldenen Fühler über die norddeutsche Großstadt zwischen Hafentourismus und Ostseeemigration, kiezfidelen Ganzjahresbeinexhibitionisten und wetterberichtfrommen Quiddjes, die sich überrascht die Kleider vom Leib reißen. Auch ich gehöre zu den den Outdoorbekleidungsundausrüstungsmarkt ankurbelnden Exilsüdländern, den das scheinbar hanseatisch wohlwollende Schicksal nach einigen lebensläufigen Fehlschlägen in seine Arme schloss. Man hätte ahnen müssen, dass der von der milden Herbstsonne umlächelte Neuanfang nicht von Dauer sein würde.

Es passierte bei Tageslicht im mittäglichen Rummel der Straßen. Ein Eingriff ins offene Herz der pulsierenden Stadt. Man wird von einem fremdenfeindlichen Hintergrund munkeln, neue Stimmen zum Burka-Verbot werden aufkommen, öffentliche Plätze werden gemieden werden.

Der zweite Angriff erfolgte an derselben Stelle. Lautlos und erniedrigend.

Dem dritten Mal ging ein greller Schrei voraus, der zwei Frauen in der letzten Sekunde vor dem Unglück bewahrte.

Nicht jedoch mich. Ich war an allen drei Anschlägen anwesend. Mittendrin statt nur dabei. Ich werde es nicht Zufall nennen. Ich werde meine Faust in den goldblauen Oktoberhimmel strecken und mich von meinen eigenen Stoßgebeten beregnen lassen müssen. Wenn es doch nur der Regen gewesen wäre, der vom Himmel kam.

Das erste Häuflein landete auf meiner Schulter und wurde von einer schnellen Handbewegung abgewischt, von der Tagesordnung gestrichen, unter den Teppich gekehrt. Der zweite Vogelfladen schummelte sich heimlich ins Haupthaar, verknotete sich dort und mischte sich unauffällig unters Volk, streute Metastasen. Als man ihn entdeckte, war es schon zu spät. Vor der dritten Tat schlug der Alarm aus. Eine wachsame Bürgerin identifizierte die täterliche Taube vor ihrem Abwurf und brachte damit sich und ihre Freundin aus der Gefahrenzone. In die stattdessen ich hineinstolperte.

Nach dem dritten Vorfall kehrte Ruhe ein. Gefährliche, angespannte Ruhe. Das Motiv wurde nie vollständig aufgeklärt, die Unsicherheit wurde Dünger für zahlreiche Verschwörungstheorien, die Angst vernebelte die goldumrandete rosarote Brille.

Zwei Jahre vergingen ohne weitere Zwischenfälle.

Meine Beine kennen mittlerweile jeden Riss und jede Beule auf dem Bürgersteig, über den mich mein täglicher Gang zur Arbeit bringt. Herbstlaub zerbricht unter meinen hastigen Schritten, man wird schneller mit der Zeit, bewegt sich zum Rhythmus der Stadt. Ich bemerke sie nicht sofort. Die Taube. Die sich vor mir auf dem Gehweg kurz zu mir umdreht und dann weitertippelt. Schneller wird, als ich näherkomme. Im Höhepunkt des Stringendos die Flügel hebt und aus dem Takt ausbricht. Mich aus dem Takt wirft.

Am nächsten Tag das gleiche Szenario. Vielleicht dieselbe Taube. Vielleicht auch nicht. Man wird nicht genau wissen, was eigentlich passiert ist, ob überhaupt etwas passiert ist. Doch man wird darüber berichten, die früheren Ereignisse heranziehen, neu aufwiegeln, Vergleiche ziehen. Und die fehlende Gewalt in dieser neuen Anschlagsserie, die vielleicht gar keine ist, wird die Angst und Unsicherheit ins Unermessliche schüren. Denn eine Gewissheit unter der allwissenden Dreieinigkeit wird bleiben: etwas, irgendetwas, eines passiert noch.

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