Eine Sekunde

Ein Mann sitzt an der Straßenecke. Sitzt dort regungslos und still, den Blick gesenkt, die Handgelenke auf den Knien, zwischen den Fingern ein leerer Kaffeebecher. Ich sehe ihn nicht an, er sieht mich nicht an, wir spüren uns gegenseitig, unsere Existenz, ich weiß, dass er es tut. Er weiß, dass ich es tue. Ich gehe, er bleibt sitzen.

Manchmal sitzt dort, wenn er nicht dort sitzt, ein anderer. Mit einem Hund. Und einem großen Pappschild. Er mustert mich. Ich senke den Blick.

Ein soziales Experiment. Ein junger Mann „verliert“ sein Portemonnaie vor den Augen eines Obdachlosen. Steckt er es ein? Der ehrliche Finder bekommt eine monetäre Belohnung. Weil er es verdient hat. Tausend Likes auf Youtube.

Weil er es verdient hat.

Manchmal sitzt dort, wenn er nicht dort sitzt und wenn kein anderer dort sitzt, niemand. Aber ich sehe ihn, seinen Schatten auf dem Boden, der mich auf meinem Weg in den Feierabend verfolgt. Meinen hastigen Schritten.

Ein soziales Experiment. Ein Bettler bekommt hundert Euro. Was er sich wohl kauft? Alkohol? Wer teilt, bekommt das Doppelte drauf. Das Video hat hunderttausend Klicks verdient.

Immer, wenn ich die Straßenecke erreiche, frage ich mich, ob dort jemand sitzt, wer dort sitzt, ob er dort sitzt. Ich blinzle kurz, atme ein, richte mir den Riemen der Umhängetasche auf meiner Schulter zurecht.

Ein soziales Experiment. Ich bleibe stehen. Mein Herz bleibt stehen. Ich gehe weiter. Niemand sieht es.

Heute sitzt er wieder dort, dort, wo er sonst immer sitzt, wo, wenn er nicht dort sitzt, ein anderer sitzt, der mit dem Hund und dem Pappkarton, oder niemand. Ich stehe auf der anderen Straßenseite. Warte auf den Bus. Ich sehe ihn, spüre seine Existenz. Er tut es nicht.

Eine Sekunde. Mein Auge zuckt, versucht, den verschwommenen Blick über die vielen Autos auf der Straße zu fokussieren. Eine junge Frau beugt sich zu ihm hinunter, reicht ihm eine Bäckertüte, sagt etwas, läuft weiter, die Hand voll Kaffeebecher, für die Belegschaft, die Kollegen, der morgendliche Gang zum Bäcker, einmal Kaffee für die Kollegen, bitte.

Eine Sekunde. Er hebt den Blick, nimmt die Tüte entgegen, seine Bewegungen sind schwer, er sieht sie nicht, sieht sie nicht an, schon ist sie um die Ecke verschwunden, er spitzt die Finger, öffnet die Tüte, lugt hinein, verharrt einen Moment.

Eine Sekunde. Ich blicke ihr hinterher. Ihren hastigen Schritten. Den Kaffeebechern in ihrer Hand. Den wippenden Rastazöpfen. Meine Augen zucken. Er legt die Tüte auf seine Knie, zieht den Inhalt hervor, isst. Isst mit zu Schaufeln geformten Händen. So essen Menschen, die es gewohnt sind, mit Händen zu essen, denke ich, so essen Menschen, die hungrig sind, denke ich.

Ich schlucke. Der Bus fährt ein, ich verschwinde in seinem Inneren, ich drehe den Kopf zum Fenster, er verschwindet aus meinem Blickfeld, ich verschwinde. Er bleibt sitzen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s