#DuBistSchön – ein erster Erfahrungsbericht

So zog ich also los, ein paar „Du bist schön“-Botschaften im Gepäck. In alter Manier beobachte ich die anderen Fahrgäste in der U-Bahn. Eine Gruppe junger Mädels sticht mir ins Auge, sie könnten Geschwister sein, haben lange, gelockte Haare. Eine von ihnen scheint nur Englisch zu sprechen, schweigt die meiste Zeit. Mit ihnen eine ebenso gelockte Erscheinung, vielleicht die Mutter. Sie lächelt ununterbrochen, milde und sanft, beugt sich immer mal wieder zum englischen Mädchen und zeigt aus dem Fenster.

Ich stehe im Türbereich, eingekesselt von anderen feierabend- und wochenendwütigen Fahrgästen. Neben mir ein älterer Herr mit tiefen Augenringen und Aktentasche. Nervös wandern seine Augen umher, die Enge im Waggon scheint ihm nicht zu behagen, mit zittrigen Händen hält er sich an der Haltestange fest und wandert wackelig umher, sobald sich die Masse im Waggon an der nächsten Haltestelle in Bewegung setzt. Er entschuldigt sich, als er sich an mir vorbeidrückt.

Wenn sich die Mädelstruppe erhebt, wage ich es, nehme ich mir vor. Sie erheben sich, drängeln sich durch die  anderen Fahrgäste und meine Hand an meiner Handtasche verkrampft sich. Ich bleibe regungslos.

Wir fahren weiter. Der ältere Herr steht mir immer noch mit gesenktem Kopf gegenüber, klammert sich an die Tür. Unsere Blicke treffen sich. Und ich sehe ihn. Wenn er aussteigt, wage ich es, nehme ich mir vor. An der nächsten Haltestelle flüchtet er erleichtert aus dem Waggon. Ich hätte reagieren können, aber tue es nicht.

Frustriert wechsle ich die U-Bahn. Hier ist weniger los. Am anderen Ende des Waggons sitzt ein hübscher junger Mann, ich sollte ihm statt einem der Zettel, die schwer in meiner Handtasche wiegen, lieber meine Telefonnummer zustecken. Ich muss schmunzeln. So wird das nichts. Ich steige aus.

An der Ecke spricht mich ein Mann auf Englisch an. Ob er nach dem Weg fragen oder mir etwas andrehen will, ich weiß es nicht, aber ich bin so erschrocken, dass ich einfach weiterlaufe. Ich folge einem Obdachlosen, der plötzlich stehen bleibt und auf die Straße rotzt. Der Gedanke daran, ihm eine meiner Botschaften zuzustecken, amüsiert mich. In der Fußgängerzone stehen zwei Männer mit großen Schildern. Sie wollen Jesu Botschaft verbreiten, drücken ahnungslosen Passanten Flyer in die Hand. Kurz überlege ich, ihnen meine Botschaft zu vermitteln.

Ich mache mich auf den Heimweg. So funktioniert das Ganze nicht. Je mehr Gedanken ich mir mache, desto größer wird die Mauer, die ich um mich aufbaue. Ich lehne mich ans Fenster und nehme mir vor, es für heute sein zu lassen. Ich muss es in meinen Alltag einbauen, der richtige Moment ergibt sich dann schon von alleine.

Ein junger Mann mit verwuschelten Stirnfransen steht im Türbereich. Er bewegt die Lippen, als würde er Formeln vor sich hin beten. Ich lasse das Beobachten für heute bleiben und verliere mich in meinen Gedanken.

Ein paar Stationen bevor ich aussteigen will, hebt sich mein Blick wieder und fällt auf den etwas verwuschelt wirkenden jungen Mann, der sich in der Zwischenzeit hingesetzt hat. Er wirkt traurig, in sich zusammengesunken. Einsam. Ich will ihm ein Geschenk geben. Seinen großen braunen Augen, wie er sich mit dem Handrücken die Nase reibt. Wenn ich aussteige, wage ich es, nehme ich mir vor. Ich werde ihm den Zettel zustecken und dann nach draußen verschwinden.

Er erhebt sich. Wir steigen beide aus. An verschiedenen Türen. Er verlässt den Bahnsteig auf der anderen Seite. Auf der Rolltreppe werfe ich noch einen Blick zurück und sehe ihn langsam davonstapfen. Ich spüre einen kurzen Stich in meinem Herzen und ärgere mich über mich selbst. Oben angekommen, drehe ich um und laufe an der Straße zum anderen U-Bahn-Aufgang. Die Straße ist leer und dunkel. Ich sehe ihn nicht. Ich sehe ihn nicht mehr. Ich laufe in den Supermarkt an der Ecke und hoffe, dass er dort ist.

Ich kaufe mir Schokolade und gehe nach Hause. Nein, so funktioniert das nicht. Ich habe die Lektion gelernt. Man kann es nicht erzwingen. Es wird von alleine kommen. Für Momente, in denen ich mir bis jetzt immer einen solchen Zettel gewünscht hätte, werde ich ab sofort auch einen in der Tasche bereit haben. Und ihn genau dann übergeben. Wenn es passt. Wenn es sich richtig anfühlt.

14. Oktober 2016, Hamburg

Wie ihr mich bei der Aktion unterstützen könnt, findet ihr hier heraus.

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5 Gedanken zu “#DuBistSchön – ein erster Erfahrungsbericht

  1. Liebe Berni!
    Ihr Rummel ist der erste Jahrmarkt, bei dem ich solch wunderschön geschriebene Zeilen entdecken kann. Nun ja, schlendert man über einen „echten“ Rummel sieht man freilich auch eine ganze Menge Geschichten, doch nicht so schön in Form gebracht und wohlbehalten dargeboten. Es ist eine Freude, hier zu verweilen.
    Übrigens, die Zuckerwatte schmeckt vorzüglich! 🙂
    Herzliche Grüße aus der Faltwerksatt
    Mallybeau

    Gefällt 1 Person

    1. Oh vielen Dank, liebe Mallybeau! Dieses Kompliment kann ich nur zurückgeben. Ich kann gar nicht ausdrücken, welch Freude es mir bereitet, mit Ihnen zu plaudern. Hab ich schon erwähnt, wie wunderschön Sie sind?
      Herzliche Grüße aus dem Kaaaaruuusseeellll, Berni

      Gefällt 1 Person

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