Nummer 28 – Teil 1

In dem Paket vor der Haustür lagen ein Dutzend selbstgemachter Muffins und eine kleine Notiz. Ein herzlicher Willkommensgruß aus der Nummer 28. Nummer 28 lag hinter einer herbstlich lichten Hecke, die langsam ihre krüppeligen Arme ins Nachbarsgrundstück ausstreckte. Die Steinplatten durch den winzigen Vorgarten und die zwei Stufen zur überdachten und von beiden Seiten abgeschirmten Haustür waren gefegt. Die Klingel schellte laut und grell.

Eine junge Frau öffnete mit einem breiten Lächeln.

„Oh schön, die neuen Nachbarn!“, rief sie und ihre Augen glänzten. Nettigkeiten wurden ausgetauscht, Komplimente für das Haus, dankbare Worte für die Muffins, Händeschütteln.

Es sei doch immer wieder schön, die neuen Nachbarn kennen zu lernen. Die junge Frau, die sich als Carlotta vorstellte, lächelte immer noch. Es wurde auf einen Kaffee ins Haus geladen, Schuhe abgeputzt, Jacken abgenommen.

Am anderen Ende des schmalen Hausflurs eröffnete sich ein lichtdurchfluteter Wohnraum mit einer breiten Fensterfront, die auf einen verwilderten Garten zeigte. Davor standen ein klobiger Ohrensessel und ein kleines, mit bunten Kissen überfülltes Zweimannsofa. Ein ebenso überquellendes Bücherregal trennte die Sofaecke von einer Küchenzeile und einem großen Kühlschrank. Ein runder Tisch mit drei unterschiedlichen Stühlen und einem Strauß Sonnenblumen auf einem gehäkelten Deckchen nahmen den restlichen Platz ein.

Neben dem vollgestopften Sofa und Bücherregal wirkte der Raum sauber und aufgeräumt. Erst auf den zweiten Blick fehlten Gewürzdosen und Pfannen. Der Geruch des Laubes von draußen und des Blumengedecks schienen sich im Haus zu verbreiten und war ob der Stille besonders intensiv wahrzunehmen. Selbst die eigenen Schritte verloren sich auf den weißen Teppichen, die die knarzenden Dielen vom Hausflur ablösten.

Carlottas Hand wies zum Sofa und man versank darin, während die Hausherrin hinter dem Bücherregal verschwand und eine Kaffeemaschine zum Glucksen brachte. Ein Eichhörnchen huschte durch den Garten, das Ereignis wurde laut verkündet, Carlotta lachte.

„Das ist Skippy.“ Ihr Kopf lugte um die Ecke, fragte nach Milch und Zucker, man nickte und eine Minute später erschien sie mit einem wackeligen Tablett, das sie auf dem niedrigen Tischchen zwischen Sofa und Sessel abstellte. Aus dem Kaffeekännchen floss tiefschwarze Flüssigkeit in die zierlichen Tässchen mit blumenverziertem Rand, die sodann ob des fehlenden Platzes auf dem Beistelltischchen in die Hände gedrückt wurden und dort eine wohlige Wärme verbreiteten. Zuckerwürfel plantschten in die dampfende Brühe, Carlotta riss Kaffeesahnekapseln auf und überreichte sie. Ein paar Momente lang war nur der gleichmäßige Rhythmus von den rührenden Stahllöffeln im zarten Porzellan zu hören. Mit jedem Schluck lockerte sich die Stimmung.

Man sei aus der Stadt in den Vorort gezogen, kürzlich verlobt. Die Finger hoben sich von der Kaffeetasse und zeigten den kleinen, aber feinen Klunker. Carlotta gratulierte, erhob sich und kam mit einem Teller Kekse wieder, den sie auf dem Tablett durch flinke Bewegungen arrangierte. Sie und ihre Schwester wohnten auch erst seit einem Jahr hier. Die Schwester?

Carlottas jüngere Schwester war Musikerin. Schlagzeugerin. Nicht weltberühmt, aber sie zog mit den Bandkollegen gern mal um die Häuser, wie es eben Anfang zwanzig so war. Carlotta lachte. Schlagzeugerin? Ja, das Schlagzeug stand unten im Keller. Carlotta entschuldigte sich für den Lärm, der regelmäßig durch die Nachbarschaft dröhnte, die anderen Nachbarn hätten sich damit abgefunden, so schlimm sei es gar nicht. Man lachte. Bis jetzt hatte man auch noch nichts gehört. Heavy Metal sei auch nicht jedermanns Sache. Die Muffins waren also ein Bestechungsversuch? Man lachte.

Carlotta selbst war Schriftstellerin. Ach, Schriftstellerin? Im Obergeschoss hatte sie sich ein kleines Atelier eingerichtet, ein Atelier, das sei nicht nur den Künstlern vorbehalten, lächelte sie, auch Schriftsteller seien Künstler. Man nickte. Ganz romantisch, wie man sich Klischee-Autoren vorstellte, ein alter Schreibtisch unter dem Fenster mit Blick auf den Garten. Skippy rannte wie auf Kommando über die Terrasse.

Eine spannende Wohngemeinschaft. Mit dem letzten Schluck setzte sich die Kaffeekanne an die Tasse, man lächelte sich zu.

„Ich kann mir nicht vorstellen, mit jemand anderem zu wohnen als mit meiner Schwester“, sagte Carlotta. Sie schob die Kaffeekanne wieder auf das Tablett und lehnte sich im Sessel zurück. Das Glitzern war aus ihren Augen verschwunden. Wieder war es unheimlich still in dem Haus.

Obwohl, manchmal nerve es schon, wenn die Bass Drum und die Becken das gesamte Haus zum Wackeln brachten und man selbst oben am Schreibtisch grübelte. Aber man kenne es nicht anders. Carlottas Augen glänzten wieder.

„Es würde fehlen, wenn es nicht da wäre“, erklärte sie. Man nickte. Familienanekdoten wurden ausgetauscht, Geschichten über die Schnelligkeit des Stadtlebens, erste Hochzeitspläne, Tipps aus der Nachbarschaft, Warnungen vor dem älteren Herrn aus Nummer 37, mit dem sei nicht zu spaßen. Der restliche Kaffee wurde getrunken, der halbe Teller Kekse leergegessen, Komplimente zur Inneneinrichtung ausgesprochen, sich für den Kaffee und nochmals für die Muffins bedankt, die Jacken über den Arm gehängt, man wohne ja nur eine Tür weiter, sich verabschiedet. Man könne gegenseitig die Post annehmen, zusammen ausgehen, vielleicht die Pizzeria am anderen Ende der Straße testen, die Schwester kennenlernen. Man winkte.

Manchmal drang in den späten Abendstunden ein schwaches Klopfen in das Haus mit der Nummer 26, das die Bewohner nicht zuzuordnen wussten. Die Hecke verlor ihr Kleid und der Wind wehte es mitsamt Skippy in ihren Garten. Am nächsten Tag war das bunte Blättermeer verschwunden und ein Notizzettel klebte an der Tür. Zwei Tage später fand man sich wieder versunken in den Kissen der kleinen Couch im Geruch von frischen Blumen und aufgebrühten Tee.

Je kürzer die Tage wurden, desto lauter wurde das Klopfen, das schließlich ab und an von einem Scheppern begleitet wurde. Mit Einzug des Dezembers blinkten bunte Lichter von den Dachgiebeln der Nummer 28. Auf dem runden Tisch brannte eine Kerze auf dem sorgsam geflochtenen Kranz, dann zwei, dann drei. Glühwein dampfte aus den Tassen mit den blumenverzierten Rändern.

Als die Kinder der Nachbarschaft in der Silvesternacht die Straße in ein explodierendes Lichtermeer verwandelten, stand eine hagere Gestalt am Fenster im Obergeschoss der Nummer 28. Ihre Augen blitzten mit den Feuerwerkfunken um die Wette und verschwanden dann wieder im Dunkel. Geschrei und Böllerlärm überdeckten die Straße, überdeckten das Klopfen und Scheppern, das aus dem Keller der Nummer 28 drang.

Hier geht’s zu Teil 2.

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