Nummer 28 – Teil 2

Am sechsten Tag des neuen Jahres stürzte Melchior auf dem Gehweg zwischen der Nummer 26 und 28 und legte sich mit dem Gesicht voraus auf den eisglatten Untergrund. Das friedliche Singen wurde jäh von Schmerzenswimmern und dem aufgeregten Engelskreischen, schließlich von der Sirene des Rettungswagens unterbrochen. Carlotta stand mit verschränkten Armen in der halbgeöffneten Haustür und beobachtete die Szenerie.

An diesem Tag begann es zu schneien. Flauschige Flocken umnebelten die Nachbarschaft und verschluckten das sich wieder entfernende Martinshorn, bedeckten die aufgeregten Spuren der verkleideten Jugendlichen, die nun zitternd nach Hause stapften und den restlichen Nummern der Straße den jährlichen Segen verwehrten. Carlotta indes schnappte sich einen Besen und kehrte Eis und Schnee von den Wegen durch ihren Vorgarten, bog um die Ecke und blieb vor dem Tatort stehen. Sie stand dort und starrte auf den kleinen, kaum sichtbaren Blutstropfen, der zwischen den Schneeflocken am Boden hing, während sich weiße Punkte in ihr dunkelbraunes Haar und auf den dünnen Pullover setzten. Dann kehrte sie auch den Bürgersteig.

Carlotta war eine sonderbare Frau, dachte der ältere Herr aus der Nummer 37, während er an der Kaffeetasse nippte, eine sonderbare Frau, sagte er. Vor allem, nachdem die Schwester verschwunden war, obwohl man nicht von einem Verschwinden hatte sprechen können, man hatte sie auch vorher nie gesehen. Eine erfundene Schwester, dachte der ältere Herr aus Nummer 37, es gab keine Schwester, sagte er in die verwirrten Gesichter der Nummer 26. Ihm war noch immer nicht klar, warum sie ihn eingeladen hatten, er hatte die Einladung ablehnen wollen, Hausbesuche waren ihm ein Graus, die ganze Nachbarschaft war ihm ein Graus. In einem eingehenden Gespräch mit seiner verstorbenen Frau, die auf dem Kaminsims im Wohnzimmer wachte und noch immer wusste, wie sie mit ihrem Gatten zu sprechen hatte, um ihn zu beruhigen, ließ er sich dann doch davon überzeugen, dass es durchaus von Vorteil war, seine Nachbarn zu kennen. Außerdem hatte man aus dem Badezimmer der Nummer 26 einen guten Blick auf die Nummer 28.

Man würde aber ab und an Geräusche aus dem Keller hören, sagten sie, die durchaus nach einem Schlagzeug klangen, erklärten sie und der Herr aus Nummer 37 hatte Mühe, sich ein Grinsen zu verkneifen. Er entschuldigte sich. Das Fenster im Badezimmer war kläglich klein und man musste auf den Rand der Badewanne klettern, um überhaupt nach draußen blicken zu können, doch selbst ein schmerzendes Knie sollte ihn nicht aufhalten. Sonderbare Dinge geschahen, seitdem diese Frau in das Haus gezogen war, dachte er, seltsame Dinge, hatte er gesagt und den Käsekuchen entgegengenommen, was sich als Fehler herausstellte, er war trocken und schmeckte nach Gummi. Deswegen hasste er Hausbesuche, er fluchte auf seine Gattin, um sich im selben Moment wieder seiner Mission bewusst zu werden. Das immerzu händchenhaltende frischverlobtnaiv glucksende Pärchen, das weder Kuchen backen noch richtigen Kaffee kochen konnte, schien jedoch keinen geeigneten Verbündeten abzuliefern. Das Badezimmerfenster, das hatte er schon von weitem gesehen, konnte aber durchaus nützlich sein.

Verschwunden?, hatten die Bewohner der Nummer 26 erstaunt gefragt. In der Silvesternacht vor genau einem Jahr war es gewesen. Carlotta war, kurz nachdem die ersten Feierwütigen ihre Böller verschossen hatten, plötzlich aus dem Haus gestürmt und hatte wie eine Irre geschrien, sie ist weg, sie ist weg, schrie sie. Am nächsten Morgen stand ein Polizeiwagen vor der Nummer 28, der erst am späten Nachmittag wieder wegfuhr. Die Schwester sei verschwunden, wahrscheinlich abgehauen, hieß es an der Bäckertheke, verschleppt, hieß es an der Fleischtheke, tot, munkelte man am Bartresen. Er hatte nie an eine Schwester geglaubt, es gab keine Schwester, hatte er gesagt und den Teller mit dem ungenießbaren Kuchen wieder abgestellt.

Ihre Blicke trafen sich. Der Gast aus Nummer 37 erschrak, als er das Gesicht am gegenüberliegenden Fenster erkannte, und rutschte von der Badewannenkante.

Sie glaubten ihm, dass es ein Unfall war, natürlich glaubten sie das, das aufgeregte Pärchen aus Nummer 28, das den Krach hörte, als der Vorhang mitsamt Stange nachgab, der Arzt, der die geprellte Schulter untersuchte, alle glaubten dem älteren Herrn aus Nummer 37 die Unfallgeschichte, was sollten sie auch anderes glauben, sie wussten es nicht besser. Er wusste es spätestens, als ihn das Taxi vor seiner Haustür absetzte und er den Notizzettel fand.

Hier geht’s zu Teil 1.

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