Nummer 28 – Teil 3

In seinem Kopf sang die liebliche Stimme seiner Frau das Lied, das sie auf dem Sterbebett angestimmt hatte, ihm selbst war nur ein Grummeln entwichen. Damals und auch am ersten Tag, als sie ihn am Arm aus dem Auto auf die Straße gezerrt hatte, das Autoradio lief und sie tanzten und sangen, sie tanzte und sang, er beobachtete sie mit einem Gefühl der Angst und gleichzeitig einer unendlichen Gewissheit, damals mitten auf der Straße und fünfundvierzig Jahre später im Krankenhaus. Ihr Lied klang in seinen Ohren, als der ältere Herr aus der Nummer 37 die Klingel der Nummer 28 betätigte. Er hatte nichts mehr zu verlieren, dachte er.

Eine Woche später parkte ein alter VW-Bus an der Hecke der Nummer 28. Ein junger Mann sprang aus dem Auto und öffnete den Kofferraum, während sich ein alter Mann aus dem Fahrersitz schob und auf die Straße plumpste. Er verfluchte sein kaputtes Knie und rückte sein Sakko zurecht. Er klopfte seinem Enkel auf die Schulter und hob die Hand zum Gruß, als er Carlotta am Fenster erspähte.

Der Nachbar aus der Nummer 37 stand an der Fensterfront des Wohnzimmers der Nummer 28 und betrachtete, eine Tasse Kaffee in der Hand, den auch unbelaubt recht verwachsenen Garten, der sich unter der dünnen Schneeschicht duckte. Die Spuren eines Tieres führten über die Terrasse, er konnte nicht ausmachen, von welchem, vielleicht eine kleine Katze. In seinem Rücken spürte er den leichten Luftzug der offenen Tür, der Geruch des Winters vermischte sich mit dem Kaffeedampf vor seiner Nase. Er umklammerte die Kaffeetasse. Für einen Moment erkannte er die Stille, das leise Wispern der Wände, als ihn ein lautes Geräusch schreckte. Er folgte ihm in den Flur.

Sein Enkel hievte gerade die große Bass Drum über die oberste Treppenstufe aus dem Keller, dicht gefolgt von einer mit Beckenstangen geschulterten Carlotta. Auf dem schmalen überdachten Absatz vor der Haustür stapelten sich bereits weitere Trommeln und die großen runden Taschen, in denen sich die Becken befinden mussten. Stumm beobachtete der Nachbar, wie Stück für Stück weitere Einzelteile aus dem Keller geholt wurden, selbst nachdem er glaubte, es müssten schon alle gewesen sein. Er stellte seine leere Kaffeetasse auf die kleine Küchenzeile, griff sich den Hut vom Garderobenhaken und folgte den jungen Leuten zum Auto. Er platzierte sich seitlich seines Wagens, mit einer Hand am alten Metall gestützt, seine Augen verfolgten jede Handbewegung, als die sperrigen Teile in den Kofferraum verstaut wurden.

Die ferne Sonne neigte sich schon über die eisigen Baumspitzen, als die Lichter der Nachbarstadt am Horizont auftauchten, denen ein alter VW-Bus entgegenrauschte, ein verbissen das Lenkrad umklammerter Hutträger am Steuer, zwei junge aufgeregt plappernde Menschen auf der Rückbank und ein zusammengefaltetes Schlagzeug im Kofferraum.

Der ältere Herr aus der Nummer 37 hatte sich widerwillig von dem wirren, nach Zigarettenrauch stinkenden Haufen dazu überreden lassen, der ersten Bandprobe in der engen Garage am Rande des Industriegebiets beizuwohnen. Ein halbleerer Bierkasten hatte in einer Ecke noch Platz gefunden, auf der er sich nun mit Carlotta quetschte und den Klängen der jugendlichen Musik lauschte. Er hätte nicht sagen können, ob ihm gefiel, was er hörte. Seine Augen waren allein auf die Bewegungen seines Enkels gerichtet, der anfangs etwas zurückhaltend, mit jeder Minute aber immer energischer auf sein neues Schlagwerk eindrosch. Aus dem Scheppern und Dröhnen in seinen Ohren kristallisierte sich langsam ein bekannter Rhythmus und ohne dass sie es gegenseitig bemerkten, trommelten bald auch seine und Carlottas Finger auf den Oberschenkeln.

Eine tiefe Müdigkeit übermannte den Bewohner der Nummer 37, als er sich zurück in sein Auto setzte. Aus den geschlossenen Garagentoren drang noch immer die euphorische Musik, die erst jetzt zu wachen schien, während sich der Himmel verdunkelte und sich die kalte Winterluft um die Häuser legte. Er überließ Carlotta das Steuer und legte den Kopf ans Fenster, sodass ihm der Hut schief übers Ohr rutschte und ihm halb die Sicht vernebelte. Er hatte das Gefühl, dass es so sein musste. Er bemerkte noch das Knacken des Radios, das vertraute Rauschen, als er einschlief.

Auf der Hälfte der Strecke bemerkte Carlotta das pfeifende Schnaufen ihres Beifahrers, das regelmäßig von einem leisen Grummeln begleitet wurde. Sie schaltete das Radio aus und lauschte den Geräuschen der Reifen auf dem Asphalt, wie der alte Wagen die kalte Luft durchschnitt und in seinem Inneren die friedliche Melodie der Atemzüge konservierte. Carlotta wusste nicht, ob sie das Richtige getan hatte. Wie in ihren Geschichten hatte sie Anfang und Ende klar im Blick gehabt, doch ihr war, als hätte sie im Mittelteil etwas vergessen. Als könnte sie das vorbestimmte Ende nicht mehr erreichen. Und das beunruhigte sie.

Hier geht’s zu Teil 2.

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