Von der Brutalität der Schönheit

Es gibt Dinge, die überrennen dich einfach. Der eine Ton in dem Lied, der dir eine Gänsehaut über den Rücken jagt, der Geruch nach Schnee, der dein Herz höher schlagen lässt, die raue Zunge der Katze an deiner Fingerspitze, das Kitzeln, das in einem Glitzern in deinen Augen explodiert. Du möchtest dich diesen Momenten entwinden, ihre Brutalität und Intensität schlägt dir deine Hand an die Brust, du kannst es nicht ertragen, und doch ist es schön, du möchtest es festhalten, nicht mehr loslassen. Du möchtest schreien, zerplatzen. Ein kurzer Moment, der dich überrennt.

Du schaust dich um und verstehst nicht, warum nicht auch der Rest der Welt mit dir für eine Sekunde stehen geblieben ist. Du rümpfst die Nase, kräuselst die Stirn, kneifst deine Augen zusammen, versuchst zu begreifen, was gerade geschah, fühlst dich plötzlich einsam und machtlos, weil nur dich der Moment so überrannt zu haben scheint. Du würdest ihn gerne teilen. Doch es gelingt dir nicht. Kannst ihn nicht mit Worten beschreiben, das Gefühl hat dich selbst schon wieder verlassen. Am liebsten würdest du weinen, ein sanfter Tränenregen scheint dir die einzige Antwort zu sein. Doch auch das kannst du nicht.

Und so sitzt du nur da, dein Atem pendelt sich wieder ein. Der Nachhall bleibt, schickt dir die letzten Wellen hinterher. Schenkt dir ein neues Gefühl. Das Gefühl von Leben.

Allein die Tatsache, dass sie mir schräg gegenüber auf der anderen Seite des Türbereichs und damit genau im Blickfeld sitzt, macht mich auf sie aufmerksam. Ein ganz normales Mädchen, vielleicht zwölf Jahre alt, unterwegs mit ihren Eltern, die mit dem Rücken zu mir sitzen. Es ist nichts Besonderes an dieser Situation, mein Blick ist schwer und vernebelt, die Sensoren für eine neue Geschichte eingefahren.

Dem Mädchen scheint es ähnlich zu gehen, auch ihr Blick ist versteinert, ihre braunen Augen glänzen, spiegeln das Licht im Waggon wider, wären ohne sie leer. Meine Aufmerksamkeit erhöht sich etwas, da es mich erstaunt, wie klar es zu erkennen ist, dass ihr Blick nicht fokussiert ist, nicht aus dem Fenster gerichtet, obgleich ihre Augen es andeuten. Sie starrt in die Leere, ins Nichts, nicht einmal in ihre Gedanken. Einen Moment später, ich kann es genau beobachten, kehrt sie zurück in den realen Wahrnehmungsraum, sie blinzelt kurz und die Spiegelung in ihren Augen verändert sich, kaum merklich, aber sie tut es. Ich freue mich über meine Entdeckung, sie fasziniert mich, ich überlege mir Worte, wie ich sie beschreiben kann. Doch dann passiert es.

Das Mädchen steht auf, streckt den Arm aus, beugt sich nach vorne. Mit einer zärtlichen Handbewegung streichelt sie die Wange ihres Vaters, das von einem kratzigen Dreitagesbart gerahmte Gesicht. Der Vater regt sich nicht, lässt es geschehen, es dauert nur eine Sekunde, dann lässt das Mädchen wieder von ihm ab, setzt sich zurück auf ihren Platz. Der Fokus ihrer Augen verändert sich wieder.

Und ich sitze da. Möchte mir die Hand an die Brust schlagen, schreien und weinen, ich kann kaum atmen, meine Augen zucken unkontrolliert. Ich kann es kaum ertragen. Diese Schönheit. Ich kann es nicht beschreiben.

4. November 2016, Hamburg Underground

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2 Gedanken zu “Von der Brutalität der Schönheit

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