Das Sternschnuppenmeer

Der Wind peitscht den Bewohnern von Ahuja ins Gesicht. Noch immer liegt der orangefarbene Streifen der Abendsonne am Horizont, graue Wellen rauschen an die Felsen der Steilküste, an deren Rand sich die Ahujaner versammelt haben. Als das letzte Glühen der Sonne schließlich verschwunden ist, drehen sich die Köpfe der Ahujaner zum Himmel. Es ist still, nur der Wind und die Wellen wiegen sich im Takt der Nacht.

Auch Amon schaut in den schwarzen Nachthimmel, die linke Hand in der seines Vaters, seine rechte Hand umklammert den Griff der kleinen hölzernen Laterne, die leise pfeift, wenn der Wind durch das kleine Loch zieht und die Flamme der Kerze atmen lässt. Amons Finger sind kalt, wie seine Nase, aus der ein Rotzfaden hängt. Amons Augen brennen von der eisigen Luft über dem Sternschnuppenmeer. Vielleicht aber auch von der Kälte, die sich in sein Herz eingenistet hat. Amon schnieft, wie er es schon die letzten Tage getan hat, zu Hause in seinem warmen Zimmer, wenn ihn niemand hört und sieht, wenn nur das leise Schluchzen des Vaters ab und an durch die Wände dringt.

Wenn ein Mensch stirbt, so sagen die Ahujaner, verglüht seine Hülle auf dem Weg in den Himmel wie eine Sternschnuppe, doch die Seele bleibt auf der Erde. Wer sie erspäht, dem schenkt sie einen Wunsch. Einen Lebenswunsch.

Amon hat nur einen Wunsch: Er möchte seine Mutter wieder bei sich haben. Kein Stern am Himmel kann so hell leuchten wie ihre Augen. Wie eine Sternschnuppe sind sie verglüht, Amon hat es gesehen, ihr Licht kommt nicht mehr zurück. Amons Mutter hat die Augen jetzt geschlossen. Für immer.

Wenn ein Bewohner von Ahuja stirbt, versammeln sich die Ahujaner bei Sonnenuntergang am Rande der Steilküste, um nach Sternschnuppen Ausschau zu halten. Und um die Seele des Verstorbenen freizugeben.

Der Himmel über Amon ist schwarz. Sein Blick wird verschwommener, je länger er in das Nichts starrt. Der Wind treibt ihm die Tränen in die Augen. Vielleicht ist es auch die Traurigkeit. Sein Vater hält ihn fest an der Hand, die warme, raue Hand des Vaters, dessen Augenglitzern auch erloschen ist. Wie gern würde Amon es ihm zurückbringen, doch auch vor Amons Augen ist es dunkel. Kein Licht zu sehen. Nur die Flamme der Laterne erhellt ein kleines Stück Boden neben dem kleinen Jungen und seinem Vater.

Wenn die Nacht ihren Schatten über das Meer legt, leuchten tausend Sterne über dem kleinen Dorf Ahuja an der Küste des Sternschnuppenmeeres. Vom Rand der Steilküste kann man sie besonders gut sehen. Und auch die Sternschnuppen scheinen hier besonders nah.

Amon wäre jetzt lieber wieder in dem kleinen Häuschen, wo statt des ohrenbetäubenden Rauschens des Windes und der Wellen ein warmes Kaminfeuer knistert. Dort hängt noch Mutters Geruch in den Kissen, ihr Lachen klingt von den Wänden, ihr Mantel hängt noch an der Tür. Hier draußen ist es dunkel und kalt. Hier draußen scheint Amon seiner Mutter noch ferner zu sein.

Amons Vater lockert den Griff, als er sich plötzlich zu Amon dreht. „Es ist Zeit“, flüstert er. Und auch die anderen Dorfbewohner schauen auf Amon und seine Laterne, lösen ihre Blicke vom Nachthimmel. Amons Vater legt seine Hand auf Amons Schulter und schiebt ihn von der Klippe weg auf die dunklen Gesichter der Ahujaner zu, die schon einen Halbkreis um die beiden gebildet haben. Amon umklammert den Griff der Laterne. Er ist nicht bereit.

Drei Tage nach dem Tod eines Menschen tragen die Ahujaner ein Licht aus dessen Haus an die Klippe über dem Sternschnuppenmeer. Sobald der Himmel sein dunkles Nachtkleid angezogen hat, entlassen sie das Licht in den Wind, in dem es wie eine Sternschnuppe verglüht und über das Meer in die Welt fortgetragen wird.

Die Ahujaner haben jetzt den Kreis um Amon und seinen Vater geschlossen. Alle Augen sind auf die beiden gerichtet. Auf das Licht in Amons Hand. Amon hebt die Laterne vor seine Brust und betrachtet die flackernde Flamme. Ein schwacher Wärmekreis breitet sich auf seiner Wange aus. Das Meeresrauschen in seinem Rücken wird leiser, stattdessen hört er ein helles Wispern. Amon wirft einen kurzen Blick um sich, ob nur er es ist, der das Flüstern hört. Die Augen der Ahujaner fixieren noch immer die gelbe Flamme der Kerze, sie spiegelt sich in ihnen, fast ist Amon, als entzündeten sich in ihnen weitere Kerzen. Verwundert dreht er den Kopf zu seinem Vater, der immer noch hinter ihm steht und ihn an den Schultern festhält.

Eine Träne sitzt am unteren Augenlid seines Vaters und raubt Amon den Atem, sodass er vor Schreck die Augen zusammenkneift. Die Ahujaner tun es ihm gleich. Wer eine Sternschnuppe erspäht, hat einen Wunsch frei. Amon hat nur einen Wunsch.

Als sich Amons Herzschlag wieder etwas beruhigt hat, öffnet er die Augen. Er schnieft sich die Tränen fort und blickt in den Schein der kleinen Flamme. Amon weiß, dass kein Weg daran vorbeiführt.

Amon öffnet das Türchen der Laterne. Die Flamme zittert aufgeregt. Schnell dreht Amon die Öffnung an seine Brust. Die anderen Dorfbewohner rücken näher heran, umschließen Amon und seinen Vater. Umschließen das Licht der Mutter, das in ihren Augen hin und her springt, mit dem Wind und den Tränen tanzt. Vaters Hand legt sich jetzt um die Laterne, sodass Amon hineingreifen kann. Vorsichtig holt er die Kerze aus ihrem schützenden Heim. Die Flamme windet sich in der kalten Nachtluft, doch der Kreis der Ahujaner hält den Sturm ab, der sie erlöschen könnte.

„Hör nie auf, an den Sternschnuppenwunsch zu glauben“, hört Amon die Flamme wispern, er spürt das Säuseln in seinem Nacken, als die Dorfbewohner in seinem Rücken langsam den Kreis öffnen. Wieder blickt Amon in das Gesicht seines Vaters. Noch immer hängt die Träne in seinen Augen. Doch jetzt glitzert sie und für einen kurzen Moment sieht Amon seine Mutter in dem Spiegelbild. Nur ein Wunsch.

Amons Vater nickt kaum merklich. Und Amon dreht sich zur Klippe.

Der Wind reißt die Flamme mit einem Stoß von der Kerze und hätte auch Amon fast mitgerissen. Doch die Hand seines Vaters lässt ihn nicht los. Amon hebt den Blick in den Nachthimmel, wo sich plötzlich ein blinkender Teppich aus Milliarden von Sternen ausbreitet. Ein letztes Kräuseln der dünnen Rauchspur der erloschenen Kerze schwebt noch über Amons Nase. Und als er ihr mit den Augen folgt, bis sie im Sternschnuppenmeer verschwindet, sieht er sie. Eine Sternschnuppe.

Schluchzend wirft er sich gegen die Brust seines Vaters, dessen Arme ihn sogleich umschlingen. Und so stehen sie beide und weinen, während die Wünsche der Ahujaner über das Sternschnuppenmeer in die Welt getragen werden. Eine Welt, die von Wünschen am Leben gehalten wird.

Meine höchst motivierte Schreibgruppe hat mir die Aufgabe gestellt, einen Text über, mit, von, durch, wegen, aus Musik zu schreiben. Zu diesem Text hier hat mich schließlich der Song The Hill von Markéta Irglová aus dem irischen Film Once inspiriert. Während des Schreibens hatte ich die melancholischen Klänge des Albums Ludovico Einaudi: Portrait von Angèle Dubeau & La Pietà im Ohr.

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4 Gedanken zu “Das Sternschnuppenmeer

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