Wenn ich gesund bin

Ich bin gerne krank. Wenn ich verschnupft bin, lächle ich, ich huste dir ein Lachen ins Gesicht, reib dir die Fleischwunde unter die Nase, die Brandblase erinnert an den ersten Adventmorgen, das Humpeln läuft besser als das Tanzen. Die Migräne hält mich von der Arbeit ab, du schickst mich in den Feierabend, reichst mir ein Pflaster, wenn ich blute. Wenn du mich fragst, wie es mir geht, heb ich die Hand an die Stirn, ans Knie, ich bin krank, sage ich und fühle mich gut dabei, mich schlecht zu fühlen. Die Diagnose des Arztes wird zur Geschichte des Abends. Nach zehn Minuten über der Kloschüssel fühle ich mich schwerelos, der Luftstrom durch die freie Nase riecht nach Frühling, das erste Stück Toastbrot auf den fahlen Magen öffnet alle Geschmacksknospen, der Atem geht wieder gleichmäßig, durchströmt mich mit Leichtigkeit. Der Körper spuckt die Krankheit aus und pendelt sich in der Mitte ein. Wenn ich krank bin, fühle ich mich am Leben.

Wir stehen jeden Tag mit einem Bein im Sterben, sagst du, Diagnose Brustkrebs, deine Cousine ist noch viel zu jung. Der Nachbar hat nur knapp den Motorradunfall überlebt, ob er wieder aufwacht, vielleicht querschnittsgelähmt. Hauptsache gesund, sagt die schwangere Freundin und wir streicheln über den kugelrunden Bauch.

Ich bin an dreihundertsiebenundfünfzig Tagen im Jahr gesund. Keine ansteckende Virusinfektion hält mich vom Tanzen im Club ab, keine Schmerztablette von einem Gläschen Wein, oder zwei, kein Attest befreit mich von der Arbeit, kein Gipsbein von der Last-Minute-Reise.

Jeder hat mal eine depressive Phase, sagst du. Geh an die frische Luft, schlaf dich aus, mach was mit Freunden, lass dich nicht runterziehen, alles ist halb so schlimm, Kopf hoch, lass dich nicht so hängen.

Du hast Angst vorm Alter, wenn der Körper nicht mehr mitmacht, ob das Leben dann noch lebenswert ist, in Würde sterben willst du, bevor der Körper zerfällt, du die Kontrolle über ihn verlierst. Gesundheit ist die Voraussetzung zum Glück.

Ich bin gerne krank, wenn der Körper seine Schleusen öffnet, schreit und blutet und schmerzt und zerbirst, dann fühle ich mich am Leben. Gesund. An den anderen dreihundertsiebenundfünfzig Tagen möchte ich sterben.

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4 Gedanken zu “Wenn ich gesund bin

  1. Dieser Blick auf die Krankheit kann Mut machen, wenn man nur nicht gar so übel dran ist. Am schönsten ist doch der Moment, wenn die Krankheit überwunden ist, wenn die Lebensgeister zurückgekeht sind, wenn man aber die Krankheit noch leise ahnt. Dann ist’s als hätte man einen schweren Anstieg bewältigt und kann sich mit Blick auf die Wegstrecke an der überwundenen Müh erfreuen.

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