Vom Lügen und Lieben

Gemeinsame Wohnung, Hochzeitspläne, Kinderwunsch, acht Jahre Beziehung und ein jähes Ende. Kurz vor dem dreißigsten Lebensjahr, dem selbsternannten Stichtag, dem Ende der Welt, plötzlich wieder Single. Noch wohnt der Ex in der Wohnung, bis er zu seiner Neuen zieht, die Single-Freundinnen melden sich wieder, Pärchenabende, um sich die Fotos der Hochzeit, der Flitterwochen, des Ultraschalls der anderen anzusehen, werden abgesagt. Es hätte alles perfekt sein können, und abgeschlossen, in trockenen Tüchern. Nach all den Jahren wieder alles von vorne. Neuanfang. Und die Uhr tickt.

„Ich dachte, ich hätte das alles hinter mir“, sagt sie und bei den Worten bleibt mir der weichgekochte Reis der Cafeteria im Hals stecken. Sie geht jetzt wieder feiern, in Clubs und Bars, das letzte Mal vor fünf Jahren, darüber war sie eigentlich schon hinweg. „Aber wo soll ich denn sonst jemanden kennenlernen?“, sagt sie. Sie will einen, der älter ist als sie, der mit beiden Beinen fest im Leben steht, aber in dem Alter sind sie doch schon alle verheiratet. Oder geschieden mit Kindern. Alles wieder von vorne.

Das Curry lähmt etwas meine Zunge, ein Reiskorn hängt quer in der Röhre, ich muss husten. Was, wenn die Partnerschaft die größte Lüge der Menschheit ist?

Mit dem Ende der Beziehung beginnt das Leben von vorne. Wer sich und sein Leben über die Partnerschaft definiert, landet mit der Trennung auf dem Spielfeld wieder am Anfang, würfelt und ärgert sich.

Es gibt Ziele, die ein Mensch zu verfolgen hat. Der Mensch muss arbeiten und lieben, muss erfolgreich sein. „Was machst du nach dem Studium, was macht das Liebesleben?“, fragen die Eltern am Telefon. Die ganze Welt dreht sich um die Frage „Wie finde ich den oder die Richtige?“ Bei aller Individualität, den Menschen gibt es letzten Endes nur zu zweit.

Mit Anfang zwanzig verflucht man die vierte Beziehung, die nächste muss für immer sein, man ist die Suche leid. Mit Ende zwanzig verflucht man die Trennung, man war kurz vor dem Ziel, nochmal alles von vorn, man beginnt zu rechnen. Mit Anfang dreißig verflucht man die Pärchen, den Singletisch auf Hochzeiten. Alle bekommen Kinder, man verflucht die Bälger, die versauen einem ja nur das Leben, man belügt sich selbst, man würde die Freiheit genießen.

Denn wer sich das alles nicht wünscht, der belügt sich selbst, oder?

Ich bin fünfundzwanzig Jahre alt, Single, Jungfrau, ungeküsst, wohne in einer Stadtwohnung zur Untermiete, habe kein Auto, kein geregeltes Einkommen, kein Geld, um ein Haus zu bauen, eine Familie zu gründen. Ich gehe nicht feiern, bin nicht auf Datingportalen unterwegs, teste nicht meine Flirt-Skills am Wochenende, bin nicht auf der Suche. Wenn ich mit sechzig heirate und Glück habe, kann ich immer noch silberne Hochzeit feiern.

„Aber man muss ja auch mal anfangen und Erfahrungen sammeln“, sagt er. „Der Erste ist es meistens nicht“, sagt sie. „Du weißt gar nicht, was Liebe ist.“

Was, wenn die Liebe die größte Lüge der Menschheit ist?

Denn wir machen Unterschiede. Wir unterscheiden die sexuelle Liebe, die Liebe zu einem Partner, die bedingungslose Liebe, die Liebe zu den Eltern und Geschwistern, die Liebe zu Freunden. Wir unterscheiden Freundschaft, Familie und Liebe. Wir unterscheiden die erste Liebe, die Beziehung, die Partnerschaft, die Ehe. Wir lieben Dinge, Momente, Gefühle, Ereignisse. Wir versuchen, den Nächsten zu lieben und uns selbst. Und dann gibt es die Liebe, die Antwort auf alles ist. Die Moral von der Geschichte, die unbesiegbare Superkraft, das, was die Welt im Innersten zusammenhält. Gott ist Liebe.

Liebe, wie wir sie kennen, sie definieren, ist eine Erfindung der Menschheit. Wir wissen nicht, was Liebe ist. Von all den Lieben, die es gibt, suchen wir uns eine aus, die unser Leben definiert, die im besten Falle das andere Geschlecht haben, mit einem Ring und Nachwuchs besiegelt werden muss. Diese Liebe privilegieren wir, erheben sie zu unserem Gesellschaftsideal, geben ihm den staatlichen Stempel und Gottes Segen.

Ich bin ein Geschlecht, ein Alter, ein Beziehungsstatus, ein Beruf, ein Hobby. Ich bin eine Karteikarte, ein Profil, ein Topf ohne Deckel, die schlechtere Hälfte.

„Ich dachte, ich hätte das alles hinter mir“, sagt sie, die Suche, das Spiel. Jetzt wieder alles von vorne. Und ich werde wütend, weil nichts von vorne beginnt, weil es das Leben nur von Geburt bis zum Tod gibt, weil es den Menschen nur von seiner Geburt bis zu seinem Tod gibt, weil nicht jeder Tag ist, als wäre er der Erste oder der Letzte. Weil unsere Vorstellung vom Leben nicht die einzig Richtige ist. Weil das Leben, wie wir es leben, eine Erfindung der Menschheit ist. Wir müssen das Rad nicht neu erfinden und vergessen dabei, dass wir es könnten.

Ich bin Generation beziehungsunfähig.

„Es ist halt schon was anderes, jemanden zu haben“, sagt sie. „Es ist einfach schön.“ Und ich werde ein bisschen traurig. Weil mir manchmal selbst die Liebe, die ich liebe, nicht genug ist, ich mir eine andere wünsche, eine zu zweit.

Doch ich bin Erfinder.

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3 Gedanken zu “Vom Lügen und Lieben

  1. „Wenn ich mit sechzig heirate und Glück habe, kann ich immer noch silberne Hochzeit feiern.“ Ein schöner Satz.
    Zweisamkeit, die mit Partner, ist schön. Sehr schön sogar. Trotzdem glaube ich, dass man auch ohne sie ein glücklicher Mensch sein kann. Das Glück wird dann eben von anderen Quellen gespeist. Erzwingen kann man es eh nicht.

    Gefällt 1 Person

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