Das Märchen vom Baum des Lebens

Wie viele andere war da einmal ein König in einem großen, fernen Königreich. Sein Volk war fleißig und lebte in Frieden. Durch das Königreich flossen reichhaltige Flüsse, die Wiesen und Wälder erstrahlten das ganze Jahr in sattem Grün, die Äcker brachten die reifsten Früchte, das Vieh wuchs schnell und wurde so fett, wie noch kein anderes Königreich es hervorbrachte. Majestätisch thronte das Schloss des Königs im Zentrum des Reiches.

Eines Tages aber trugen Abgesandte des Königs eine traurige Nachricht in die Lande: Den König hatte eine schwere Krankheit befallen, die ihm die Kraft und die Farbe aus Gesicht und Körper raubte. Seit Wochen lag er schon kalt und regungslos im Bett, mit halboffenen Augen, nach Luft schnappend. Die Königin ließ alle Ärzte des Landes an sein Bett kommen, doch niemand wusste, was dem König fehlte, geschweige denn, wie man es wohl heilen könnte. Heilerinnen aus allen Winkeln des Reiches brachten Kräuter und allerlei Wurzeln, kochten Tinkturen, banden Wickel und räucherten, doch der König blieb schwach wie zuvor. Der leibeigene Koch des Königs stand Tag und Nacht in der Küche und kochte Suppen, Eintöpfe, fünf bis zwölf Gänge aus den dicksten Rüben, den saftigsten Äpfeln und den besten Stücken des Viehs. Fast alles Vieh wurde geschlachtet, den Äckern und Bäumen ihre Früchte entrissen, die Stämme in den Öfen verheizt und die Flüsse halb leer geschöpft. Doch der Körper des Königs krümmte sich unter den Köstlichkeiten, er wurde dürrer und geringer, bis er denn in einen unruhigen Schlaf verfiel.

Der König hatte drei Söhne, der älteste war mutig und ausdauernd, kein Schrecken der Welt konnte ihn vom Weg abbringen. Sein jüngerer Bruder strotzte vor Kraft und Stärke. Er stellte sich allen Hindernissen und gewann die härtesten Kämpfe. Der jüngste unter ihnen war gutmütig und rein, sein Herz saß am rechten Fleck. Doch nun trauerten auch diese drei edlen Prinzen am Sterbebett ihres Vaters und flehten. Mit großer Sorge betrachtete die Königin durch das Schlossfenster das langsam verblassende Königreich.

Inzwischen war die älteste der königlichen Heilerinnen im Schloss eingetroffen. Auch sie untersuchte den kranken Körper, der alle Heilmittel abstieß. Schließlich wandte sich die Alte an die Königin und sagte: „Die Krankheit Seiner Majestät ist auch mir, befürchte ich, ein Rätsel und es scheint, dass kein uns bekanntes Mittel Seinen Zustand verbessern kann. Doch ich erinnere mich an eine alte Erzählung, die von einem Baum berichtet, dessen Frucht jedes Leid zu heilen vermag. Dieser Baum des Lebens wächst in einem magischen Garten. Der Weg dorthin, so erzählt man sich, ist kurz, doch voller Gefahren. Er beginnt zur vollen Mittagsstunde und öffnet sich nur denen, die ein klares Ziel vor Augen haben. Der Reisende, so heißt es, folge dem Lauf der Sonne, lasse sie sterben und wiederauferstehen. Findet er den Garten nicht, bis die ersten Sonnenstrahlen wieder die Erde berühren, endet die Reise und der Baum des Lebens verschließt sich dem Reisenden für immer. Wer sich auf die Suche nach dem Baum macht, findet entweder das Leben oder den Tod. Bis jetzt hat noch niemand die heilende Frucht nach Hause gebracht und die, die heimkehrten, fielen in ewiges Schweigen.“

Als der älteste Königssohn die Heilerin sprechen hörte, schwang er sich auf sein Pferd und ritt sofort los. Die Mittagssonne stand gleißend über seinem Kopf. Er fürchtete sich nicht vor den Gefahren oder vor dem beschwerlichen Weg. Der Lauf der Sonne trieb ihn rastlos durch das Land. Beunruhigt beobachtete er, wie die Sonne immer tiefer sank und der Tag zu Ende ging. Er verirrte sich in dunklen Wäldern, hastete orientierungslos auf weiten Feldern und begegnete keiner Menschenseele. Es wurde Abend und der Prinz hungerte. Es wurde Nacht und der Prinz fror und hing erschöpft auf seinem Reittier. Doch er machte keine Rast. Voller Angst ritt er gegen die Zeit, unermüdlich gab er seinem Pferd die Sporen, bis die Sonne in seinem Rücken erwachte. Mit dem ersten Sonnenstrahl stieg er müde und mit flauem Magen vom Pferd. Er streckte seine starren Glieder und schaute sich um. Vor ihm lag sein Heimatschloss. Erschrocken sank er zu Boden. Er hatte den Weg nicht gefunden und war stattdessen im Kreis herumgeirrt. Er konnte sich diesen Fehler nicht erklären. Voller Scham bestieg er wieder sein Reittier und ließ sich das letzte Stück zum Schloss führen. Der Hunger und die Müdigkeit hatten ihn bis auf die Knochen zerfressen. Ausgemergelt erreichte er das Schlosstor. Man begrüßte ihn erwartungsvoll, doch der Prinz war außer Stande, von seiner Reise zu berichten. Man hob ihn vom Pferd und brachte ihn in sein Schlafgemach. Dort blieb er tagelang und weinte ohne Unterbrechung. Er sprach kein Wort mehr, nur ein leises Wimmern drang aus dem Zimmer, bis es schließlich für immer verstummte.

Der Verlust seines Bruders ließ den zweiten Königssohn noch mehr den Tod seines Vaters fürchten. Voller Tatendrang schwang er sich auf sein Pferd und machte sich auf die Suche nach dem Baum des Lebens. Er war sich sicher, die heilende Frucht für seinen Vater zu finden. Die pralle Mittagssonne erhitzte sein Gemüt und so ritt er selbstbewusst durch das Land. Er erinnerte sich an die Worte der Heilerin, dass der Weg voller Gefahren war. Fest umklammerte er sein Schwert. Bei jedem verräterischen Geräusch zügelte er sein Pferd und wappnete sich für einen Kampf. In seinem Kopf malte er sich riesige Ungeheuer, feuerspeiende Drachen, hungrige Räuberbanden und ein vorfreudiges Lächeln setzte sich auf sein Gesicht. Wachsam folgte er der Sonne, obwohl sich sein Körper vor Hunger krümmte. Er ärgerte sich über diese Schwäche und trieb sein Reittier weiter an. Auf einem kleinen Feld erntete ein armer Bauer sein letztes Korn. Als er den erschöpften Reiter bemerkte, begrüßte er ihn freundlich und zeigte dem Prinzen sein bescheidenes Bauernhaus. „Mein Weib bereitet gerade das Abendmahl. Wir haben nicht viel, aber mit ein bisschen Brot im Magen reist es sich gleich viel bequemer“, lächelte er einladend. Der Prinz aber winkte ab. „Mein kranker Vater erwartet mich“, sagte er ungeduldig. „Dann nehmt diese Handvoll Korn für die Reise“, erwiderte der Bauer. Der Prinz bedankte sich und setzte seinen Weg fort.

Der Tag neigte sich langsam dem Ende hin. Noch immer quälte den zweiten Königssohn der Hunger. Er zügelte sein Pferd und nahm die Handvoll Korn aus der Satteltasche. Wie leichtgläubig doch dieser arme Bauer gewesen war, dachte sich der Prinz. Wie konnte ihn diese Handvoll Korn sättigen. Wütend warf er sich die Körner in den Rachen und verschlang sie gierig. Er trieb sein Reittier weiter an und genehmigte sich keine Rast. Der Königssohn folgte der Sonne, bis diese in der Ferne die Erde berührte. Es wurde dunkel. Die Augen wurden dem rastlosen Reiter müde, doch er achtete nicht darauf. Er spähte nach allen Seiten und vermutete hinter jedem Schatten eine Gefahr. Mehrmals fielen ihm die Augen zu, doch er wollte seine Müdigkeit nicht zulassen. Als die Erde die Sonne vollends verschluckt hatte, ritt der älteste Sohn an einem Wirtshaus vorbei. Die Wirtsleute führten gerade ein paar Lämmchen hinter das Haus, da bemerkten sie den Fremden. „Wir haben noch ein Zimmer frei. Das Bett ist nicht sehr weich, aber mit etwas Frische im Kopf reist es sich gleich viel bequemer“, lächelten sie einladend. Der Prinz aber winkte ab. „Mein kranker Vater erwartet mich“, sagte er ungeduldig. „Dann nehmt eines unserer Lämmchen für die Reise“, erwiderten die Wirtsleute. Der zweite Königssohn bedankte sich und ritt weiter.

Sein Weg führte ihn weiter durch einen dunklen Wald. Weder das Licht des Mondes noch das der zahlreichen Sterne am Himmel fanden durch das dichte Laubdach. Das Pferd stolperte über Wurzeln und Steine. Der Prinz schlug sich durch das Dickicht, merkte aber bald, wie seine Kräfte ihn nun vollends verließen. Er zügelte sein Pferd und lehnte sich zur Rast an einen Baumstamm. Nach ein paar Minuten schreckte er aus dem Schlaf und bemerkte, dass das Lämmchen, das er unbewacht hatte grasen lassen, von einem Wolf gerissen worden war. Er hatte sich sowieso gewundert, wie ein solch geringes und schmutziges Lämmchen ihm hätte dienen können. Er hätte das hagere Tier weder schlachten können, noch hätte er sein Fell zu einem Bett verarbeiten können. Der Prinz stieg wieder auf sein Pferd und setzte seinen Weg fort. Je weiter er sich in den Wald hineinwagte, desto kälter wurde es. Seine Muskeln wurden starr, nur mit Mühe konnte er das Schwert in seiner Hand halten. Doch immer wieder stieß er mit der Schneide ins Dunkel, um keinen Angreifer zu übersehen. Auf einer kleinen Lichtung stand eine krumme Hütte, vor der ein Feuer brannte. Ein altes Mütterchen saß neben den Flammen und wärmte sich. „Ich habe gerade Feuer gemacht. Es ist nicht sehr groß, aber mit etwas Wärme im Herzen reist es sich gleich viel bequemer“, lächelte sie einladend. Der Prinz aber winkte ab. „Mein kranker Vater erwartet mich“, sagte er ungeduldig. „Dann nehmt diese beiden Holzscheite für die Reise“, erwiderte das alte Mütterchen. Der Prinz bedankte sich und ritt davon.

Als er den Wald verlassen hatte, fielen plötzlich dicke Regentropfen vom Himmel und der Wind peitschte ihm ins Gesicht. Er warf sich vom Pferd und duckte sich unter den Büschen am Wegesrand. Dort kauerte er, bis die Wolken fortgezogen waren. Dann suchte er sein Pferd, das sich zurück in den Wald geflüchtet hatte. Auf dem Weg hatte es die Holzscheite abgeworfen, die nun nass im Schlamm lagen. Der Prinz ließ sie dort liegen und ärgerte sich über das alte Mütterchen. Wie hätten diese zwei dürren Stöcke überhaupt ein Feuer entzünden können. Niemals hätten sie seinen Körper gewärmt. Auf dem Rücken seines Pferdes hastete er weiter, bis sich die Sonne durch die Finsternis der Nacht drückte. Vor sich entdeckte er kahles Land, auf dem kein Grashalm wuchs. So sehr er das Land auch mit den Augen absuchte, es war kein Garten oder magischer Baum zu sehen. Der erste Sonnenstrahl fiel vom Himmel und der zweite Königssohn wusste, dass er versagt hatte. Seine Reise war zu Ende. Sein Gesicht verzerrte sich zu einer wütenden Fratze. Er ließ einen verzweifelten Schrei gen Himmel fahren und verfluchte sich und sein Scheitern. Dann schwang er sich auf sein Pferd und jagte es heimwärts. Tobend krallte er sich in sein Reittier, das wie der Blitz über das Land galoppierte. Außer sich erreichte der zweite Königssohn sein Heimatschloss. Er sprang vom Pferd, das sich wie eine Bestie gegen die Stallknechte wehrte. Auch der Königssohn ließ sich von niemandem beruhigen und schlug alle Fragen nach seiner Reise ab. Voller Zorn stürmte er in sein Schlafgemach und warf die Tür hinter sich ins Schloss. Dort blieb er tagelang und wütete. Durch das ganze Schloss hallten sein Gebrüll, das Bersten der Schränke, das Scheppern von zerbrechenden Vasen und Geschirr und manchmal sogar das dumpfe Geräusch von Knochen an Wand und Boden, bis es schließlich für immer verstummte.

Die Königin war untröstlich vor Trauer und Sorge. Weinend schloss sie ihren Jüngsten in den Arm und seufzte, dass nun wohl alles verloren sei. Der jüngste Königssohn aber tröstete sie und versprach, die Reise seiner Brüder zu beenden. Die Königin fürchtete um ihren jüngsten Sohn, doch der Prinz ließ sich nicht aufhalten. Er sattelte sein Pferd und machte sich auf den Weg. Die Mittagssonne tauchte das Land in helles Licht. Noch nie war ihm das Zuhause seiner Familie so groß und mächtig vorgekommen. Noch einmal rief er sich die Worte der Heilerin ins Gedächtnis. Dann richtete er seinen Blick zur Sonne, in der sich das Gesicht seines Vaters spiegelte, und führte sein Pferd behutsam über das Land. Er ritt ohne Eile, aber mit großer Wachsamkeit. Auf einem kleinen Feld sammelte ein armer Bauer ein paar Steine auf. Da die Sonne immer tiefer stand, lud der Bauer den Reisenden zu einem kleinen Mahl ein. Dankend ließ sich der Prinz in die schäbige Hütte der Bauersleute führen. Der Bauer zeigte ihm seine kleine Mühle und gemeinsam mahlten sie eine Handvoll Korn zu Mehl. Danach buk der Prinz mit der Bäuerin einen Laib Brot. Während ihres Schaffens lockerten sich ihre Zungen und der Königssohn teilte mit den Gastgebern die Sorge um seinen Vater. In der Hütte duftete es herrlich. Schließlich setzten sich alle an den Tisch und verspeisten das frische Backwerk. Es schmeckte vorzüglich. So wurde der jüngste Prinz satt und sein Herz ein wenig leichter. In der Abenddämmerung verließ er schließlich das Haus und verabschiedete sich von seinen neuen Freunden. Er schwang sich auf sein Pferd und ritt davon.

Der Reiter und sein treuer Begleiter folgten der Sonne, bis sie die Erde berührte und es dunkel wurde. Staunend betrachtete der Königssohn den Sternenhimmel und den halbvollen Mond. Es musste derselbe sein, den man von den Schlossfenstern aus sehen konnte, derselbe Mond, unter dem sein Vater schlummerte. Bei diesem majestätischen Anblick des Sternendaches dachte er an die vielen Stunden, die er mit seinen Brüdern im Schlossgarten herumgetobt war und wie sein Vater ihn mit den Pflanzen und kleinen Tieren vertraut gemacht hatte. Es waren schöne Erinnerungen und ein Lächeln stahl sich auf das Gesicht des einsamen Reiters. Am Wegesrand befand sich ein Wirtshaus, deren Besitzer den Prinzen freundlich zu sich winkten. Dankend nahm dieser die Einladung an und ließ sich von den Wirtsleuten in den Stall hinter dem Haus führen. Gemeinsam schoren sie ein junges Schaf, wuschen und bürsteten das Fell. Dann stopften sie ein großes Kissen damit und die Wirtsleute zeigten ihm ein kleines Kämmerchen. Das Bett knackte unter seinem Körper, die Luft war staubig und trocken, doch das Lammfell, das ihn bettete, wärmte ihn, sodass er alsbald einschlief. Er träumte von seiner Heimat, dem glücklichen Volk, das stets zu seiner Familie stand. Stolz erfüllte die Brust des schlafenden Prinzen und er erkannte die Verantwortung, die seine Familie für das Königreich trug. Nach wenigen Stunden erwachte er sanft. Sein Geist war hellwach. Er bedankte sich bei den Wirtsleuten für ihre Gastfreundschaft und verließ sie, um den Weg für seinen kranken Vater fortzusetzen.

Bald kam das Zweiergespann in einen finsteren Wald. Wurzeln und dichtes Geäst beschwerten das Vorankommen, doch der Prinz verließ sich auf sein Reittier, das sich sicheren Schrittes über den Waldboden tastete. Währenddessen pfiff er ein fröhliches Lied vor sich hin, das die kalten Schatten über ihren Köpfen verjagte. So gelangten sie schließlich an eine Lichtung, auf der eine kleine Hütte stand und ein fast erlöschendes Lagerfeuer brannte. Ein altes Mütterchen begrüßte die Ankömmlinge und lud sie zu sich ein. Dankend ließ sich der Königssohn hinter das Haus führen und gemeinsam hackten sie noch ein paar Holzscheite. Damit nährten sie das Feuer und schürten es weiter an, bis sie sich schließlich an die großen Flammen setzten. Während er am warmen Feuer saß, vergaß der Prinz das fahle Gesicht seines Vaters und erinnerte sich stattdessen an die grünen Wiesen, die sich im Wind wiegenden vollen Ähren, die rotbackigen Äpfel in den Bäumen vor den Fenstern seines Schlafgemachs und das friedlichen Blöken der Schafe auf den Weiden. Er hörte das Lachen seiner Mutter in seinen Ohren und spürte die starke Hand seines Vaters auf seiner Schulter, von der plötzlich all die Last seiner Reise fiel. Erleichtert erzählte er dem alten Mütterchen seine Geschichte. Die Gastgeberin hörte ihm mit zartem Lächeln und einem steten Kopfnicken zu. Noch bevor die Sonne erwachte, erhob er sich und verabschiedete sich.

Voller Zuversicht verließ der jüngste Königssohn den dunklen Wald und erreichte ein Stück kahles Land. Er wusste, dass in wenigen Momenten die Sonne erwachen würde, doch glaubte er fest daran, dass er den Baum des Lebens noch finden konnte. Nachdenklich betrachtete er die Erde zu seinen Füßen. Er hatte den Kreislauf der Sonne durchschritten, hatte seinen Körper gestärkt, seinen Kopf erfrischt und sein Herz erwärmt. Er fühlte sich wie neugeboren und freute sich auf den neuen Tag, der mit den ersten Sonnenstrahlen beginnen würde. Da erkannte er, dass er sich mitten im magischen Garten befand. Er setzte sich auf die kahle Erde, legte seine warme Hand auf sie und wartete. Die Sonne bahnte sich langsam ihren Weg über den Himmel. Als die ersten Sonnenstrahlen den Boden berührten, erwachte die Erde unter den Fingern des jüngsten Prinzen. Ein kleines Pflänzchen drückte sich durch den harten Lehm und streckte sich im Sonnenlicht. Der Sprössling wuchs und bildete Knospen, die plötzlich aufsprangen und wunderbare Blüten bildeten. Der Himmel schickte kleine Regentropfen, die den Boden beträufelten und so wurde die Pflanze kräftiger und stämmiger. Die Sonne erreichte ihren Zenit und der Baum erstreckte sich in seiner vollen Größe und warf einen kühlen Schatten über den Prinzen. Über dem Garten hing ein süßlicher Duft, als sich in der üppigen Baumkrone eine Frucht formte. Sie wurde praller und saftiger und glänzte in der Sonne, die immer tiefer vom Himmel sank. Der junge Königssohn war überwältigt von der Farbenpracht, die plötzlich ihren Höhepunkt erreichte. Im selben Moment fegte ein kräftiger Sturmwind über den Garten und entriss dem Baum seine Blätter und seine Frucht. Die Sonne fiel vom Himmel und prallte auf die Erde. Der Prinz griff nach der apfelgroßen Frucht und hielt sie fest in seinen Händen. Er spürte das Pochen, das Leben in dieser magischen Frucht. Als die Sonne von der Erde verschluckt wurde, setzte sich ein weißer Schleier über den Garten und den kahlen Baum, der sich verkrümmte und in sich zusammenfiel. Der Prinz aber schwang sich auf sein Pferd und ritt heimwärts, die Frucht des Lebens für seinen Vater fest an seiner Brust.

Bald erreichte der jüngste Königssohn das Schloss und nahm seine erleichterte Mutter in die Arme. Seine Augen strahlten und das Herz in seiner Brust schlug einen steten Takt, als er ihr die heilende Frucht zeigte. Gemeinsam mit seiner Mutter begab er sich in das Schlafgemach seines Vaters und betrachtete einige Momente lang den regungslosen Körper. Dann brach er vorsichtig die Frucht und beträufelte die Lippen des Kranken mit ein paar Tropfen des Saftes.

Draußen wurde es Frühling. Die Flüsse füllten sich mit Wasser, die Baumstümpfe trieben Äste, die Wiesen grünten und das Getreide sprießte aus den Feldern. Der Körper des Kranken wurde warm und gewann an Farbe, bis er erwachte. Es wurde Sommer und das Königreich erstrahlte in altem Glanz. Im Schloss herrschte geschäftiges Treiben, das ganze Land füllte sich wieder mit Leben. Im Zentrum des Reiches thronten das Schloss und sein wiederauferstandener König. Es wurde Herbst und die Ernte wurde eingefahren. Man feierte ein großes Dankesfest und preiste die Früchte der Erde. Im Winter legte sich eine sanfte Ruhe über das Land. Der König überreichte seine Krone seinem jüngsten Sohn, der von nun an das Reich der Sonne regierte. Und so verging Jahr um Jahr, in dem das Reich frostige Nächte, erdrückende Regentage, hitzige Sommerstürme und warme Brisen durchlebte. Geduldig folgte das Königreich von nun an dem Lauf der Sonne und ihrer vier Wandlungen und überdauerte die Zeiten.

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14 Gedanken zu “Das Märchen vom Baum des Lebens

  1. Liebe Berni di Brezel!
    Da bin ich platt. Sie sind ja eine wunderbare Märchenerzählerin. Oder gibt es diese Geschichte bereits und ich sollte etwas mehr Früchte vom Baum der Erkenntnis essen? 🙂 Wenn da mal nicht die Brüder Grimm Konkurrenz bekommen!
    Herzliche Grüße in den Märchenwald
    Mallybeau

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      1. Das stimmt. Kinderzeichnungen sind immer herrlich unschuldig und da lässt sich mit Sicherheit etwas passendes finden. Und Kamin und Schaukelstuhl bilden natürlich das perfekte Ambiente, um solch eine Geschichte zu genießen. Dann fehlen nur noch die gebrannten Mandeln. Aber da sitzen Sie ja an der Quelle 🙂

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      2. Naja bis die neue Füllung drin ist, folge ich seinem Rat. Ich denke aber, dass er sonst ganz verständnisvoll ist, immerhin schreibt auch er Geschichten. Ein Zahnarzt, der nebenbei Autor von Abenteuerromanen ist. Auch das wäre eigentlich schon wieder eine Geschichte wert.

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