Vom Wegschauen

Wir leben in einer Zeit, in einer Welt, in der das Sehen ein Zuschauen geworden ist, ein ausgelagerter Sinn, der sich von der Wahrnehmung abgekoppelt hat, losgelöst vom Verstehen, reaktionslos. Wir leben in einer Armlänge Abstand, eine Kameraarmlänge, Selfie-Länge, lieber nur dabei als mittendrin. Wir sind Flüchtlinge, flüchten aus der Konfrontation, der Verantwortung, eine Flucht in den virtuellen Schutzraum. Verschanzen uns vor den Monitoren und zappen durch die Programme der Welt, schauen, was wir wollen und wann wir es wollen. Wir entscheiden. Wir entscheiden uns gegen die Zufälligkeit, für die Kontrolle. Für die Fernbedienung.

Wir schauen weg. So lautet die Anklage unserer Zeit, wir verschließen uns unseren Mitmenschen, den Momenten, dem Leben. Wir schauen weg bei Diskriminierung, bei Gewalt, bei Hass, bei Not, wenn sie uns nicht betrifft, uns nichts angeht, wir sitzen nur vor der matten Scheibe, für das Programm sind wir nicht verantwortlich.

Doch wir holen uns das Programm. Auf allen Kanälen. Wir schauen hin, dürfen nichts verpassen, nur nichts verpassen, nur nicht überholt werden, nur nicht stehenbleiben, im richtigen Moment die Kamera zücken, wir waren da, doch nicht dabei. Wir haben ein weites Netz gespannt und uns darin verfangen und zappeln uns noch tiefer in die Fänge. Wir schwimmen in der Informationsflut, wagen es nicht, die Luft anzuhalten und einzutauchen, kämpfen nicht gegen den Strom. Lieber gemeinsam untergehen, als auf einer einsamen Insel zu stranden.

Wenn ein Obdachloser auf der Straße sitzt, bückst du dich? Wenn das Herrchen seinen Hund misshandelt, bellst du? Wenn ein Blinder über die Straße will, tastest du dich an seiner Seite Schritt für Schritt voran? Wenn ein Kind geschlagen wird, hältst du deine anstatt seiner Wange hin? Wenn dein Leben sich mit anderen überschneidet, mischst du dich ein? Wenn die Ungerechtigkeit die Bühne betritt, stehst du auf?

Wenn du die Augen öffnest, siehst du? Was zu tun ist.

Ich sitze in einem halbgefüllten Waggon der U-Bahn, die Hektik des Feierabends klingt langsam ab. Müde Körper lehnen an den Fenstern, Köpfe hängen über den Smartphones, die Hand liegt auf der Schulter des Kindes, auf der vollbepackten Tasche, dem Koffer, dem Griff des Kinderwagens. Wir hängen in den Sitzen, den Körper gebeugt und gekrümmt. Wir halten Abstand, einen Sitzplatz Abstand, eine Armlänge, flüchten in unsere Komfortzone, unseren Bunker, während die Stadt an uns vorbeirauscht.

Wer kann es uns verübeln?

Wir sind einer von knapp zwei Millionen, von achtzig Millionen, von sieben Milliarden. Wir haben unsere Höhlen verlassen, uns über den Rand der Scheibe gebeugt, den Blick in den Himmel gewagt. Wir haben einen Rucksack geschultert und unseren Horizont erweitert. In die Sonne geschaut und Schatten gesehen. Alles hat einen Schatten. Und eine Vision von „allem“ beschlich uns.

Wir leben in einer Zeit, in einer Welt, in der das Sehen uns blendet, uns die Last der Welt zu Boden drückt. Wenn das Reich des Lichts im schicksalshaften Kampf gegen die Dunkelheit die tapfersten Krieger des Landes rekrutiert, hebt der Küchenjunge die Hand?

Ich stehe auf. Überlasse meinen Sitzplatz in der Bahn jemand anderem, ich kann stehen. Ich kann kurz den Arm ausstrecken, die Mundwinkel heben. Ich kann ein Danke und Bitte mit den Lippen formen, mit den Stimmbändern den richtigen Ton treffen, ich kann die Bahn nicht aus ihren Schienen heben, doch im Waggon selbst die Richtung ändern, kann im Hier und Jetzt hinsehen, hinhören, fühlen, die Stimme erheben, tun. Denn das bin ich, der seine Schatten wirft, meine Schritte hallen auf dem Boden. Ich bin nicht alles, doch im Hier und Jetzt bin ich eine Welt.

Meine Welt kollidiert, ich trage Verantwortung, ich bin Konfrontation. Ich bin eine Welt mit einer Armlänge Radius, die mit vertikaler Handfläche Grenzen steckt und überlebt, mit horizontaler Handfläche Welten öffnet und rettet. Und in beiden Fällen die Hand hebt.

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6 Gedanken zu “Vom Wegschauen

  1. Danke für diesen anregenden Text. Unser Problem heute ist wohl weniger das Wegschauen als die weitgehende Indifferenz beim Hinschauen. Wir sehen alles, nehmen es aber nicht wahr.
    Und ja, jede Veränderung der Welt beginnt mit der Veränderung bei mir. Also, auf geht’s 🙂

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  2. Was du schreibst, trifft mich gerade. Denn seit es nachts nur noch Minustemperaturen gibt, denke ich an die über 300.000 Wohnungslosen in Deutschland, an die vielen Hartz-IV-Familien, die ihre Heizkosten nicht bezahlen können und deshalb frieren müssen.
    Der Mensch hat seinen Planeten unwirtlich gemacht. Manche Orte sind quasi schon unbewohnbar. Davor die Augen zu verschließen wird immer schwieriger, seitdem uns Nachrichten aus den letzten Winkeln der Welt erreichen. Aber genau das vermittelt ein Gefühl der Hilflosigkeit. Deshalb wendet man den Blick ab und flüchtet in den Bereich der Armeslänge, in dem etwas zu bewegen ist. Das Hinschauen hat politische Dimension.

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    1. Ja, Hilflosigkeit ist das Gefühl, das es wohl am besten trifft. Unser Verantwortungsraum ist viel größer als eine Armlänge hoch zwei mal pi. Wir sitzen an den Enden von Fäden einer Maschinerie, die wir nicht begreifen, nicht begreifen wollen, fühlen uns manchmal selbst wie Marionetten. Politik ist ein Wort, das viele abschreckt, ich möchte mich nicht davon ausschließen. Ich hab keine Antwort auf die Fragen, nur wie immer einen bunten Gedankenrummel, der einen bescheidenen Text ausspuckt, der wiederum mehr Fragen aufwirft, als Antworten liefert.

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    1. Danke, liebe Antje. Ganz so pessimistisch möchte ich dann aber doch nicht sein. Wir müssen nur aufpassen, dass wir nicht irgendwann handlungsunfähig werden. Und dass wir bei den ganzen Verbindungen noch an einem Ende des Fadens stehen und uns nicht fesseln lassen.

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