Eine unbedeutende Geschichte

Ich erzähle euch jetzt eine unbedeutende Geschichte. Warum ich sie euch erzähle? Vielleicht hat sie am Ende dieses merkwürdigen Tages ja doch noch einen Hauch einer Bedeutung.

Es ist schon eine Weile her, ich war noch ziemlich neu in Hamburg und versuchte mich in den Wirren der Großstadt und des Verkehrsnetzes zurechtzufinden. So musste ich entdecken und am eigenen Leibe erfahren, dass meine U-Bahn-Linie zu bestimmten Zeiten nicht ganz durchfuhr, stattdessen die Station vor meinem Ziel zur Endstation erklärte, sodass ich auf die nächste Bahn warten musste, die mich dann doch noch nach Hause bringen sollte. Letztendlich waren es nur fünf Minuten zusätzliche Wartezeit, und doch hatte ich am Anfang das Gefühl, genau eine Station zu weit draußen zu wohnen, eine Station zu weit entfernt vom Zentrum, vom Nabel der Welt.

Ich begann, die verkürzte Bahn einfach an mir vorbeifahren zu lassen und vorausschauend die nächste zu nehmen, um nicht kurz vorm Ziel wieder aussteigen und womöglich sogar den Bahnsteig wechseln zu müssen. Es hatte auch etwas Befreiendes, die hastig in die Bahn strömenden Menschen zu beobachten, während man selbst gelassen am Rand stand, als hätte man einen Geheimplan, einen geheimen Pakt mit der Zeit, der einen unbeeindruckt von der allgemeinen Hektik am Bahnsteig befreite. Als könnte man es sich leisten, zu warten.

Eines Tages, ich hatte wieder die zu kurze Bahn an mir vorbeirauschen lassen, endete die Fahrt in der Bahn später unerwartet früh nach schon zwei Stationen. In dem Moment, als der Zug die Haltestelle wieder verlassen wollte, sprang der Feuermelder an und dröhnte durch das gesamte unterirdische Labyrinth der Schnellbahnen. Einige Sekunden lang starrten wir uns in den Waggons an, es dauerte eine Weile, bis wir begriffen, was das für uns bedeutete, spätestens als dann auch eine penetrante Durchsage uns dazu aufforderte, den Bahnsteig zu verlassen, flüchteten wir aus dem Zug.

Viele Treppen später erreichten wir die Oberfläche, zuckten mit den Schultern, schauten und verschwanden dann in die verschiedensten Richtungen. Kurzerhand entschied ich mich, im nahegelegenen Einkaufszentrum etwas zu essen, mein Magen knurrte, ich wollte mir eigentlich zu Hause etwas kochen. Als ich wieder zurückkam, stand noch immer die Feuerwehr am U-Bahn-Aufgang und ich beschloss, bis zur nächsten Haltestelle zu laufen. Dort erwartete mich am Bahnsteig eine verwirrte Horde auf die Anzeigetafel starrende und vergeblich auf die Bahn wartende Fahrgäste. Ich stellte mich zu ihnen.

Spätestens jetzt wurde mir klar, wie viel Pech ich hatte. Der Zug vor mir, der kürzere, den, den ich immer an mir vorbeistreichen ließ, war dem Unglück noch entkommen. Ich hätte vor einer Stunde zu Hause sein können. Stattdessen wartete ich noch immer, doch ohne Geheimplan, ohne es mir leisten zu wollen. Ich wurde ungeduldig.

Ich muss nicht betonen, dass ich an diesem Tag natürlich auch noch heil heimgekommen bin, ohne nennenswerten Schaden davonzutragen. Doch ich hatte mir eines geschworen, einen neuen Schlachtplan erstellt: Ich würde nie wieder eine Bahn aussetzen, sondern immer das nehmen, was kommt. Das Schicksal nicht herausfordern.

Mein neuer Plan hat mich nie mehr im Stich gelassen, hat mir nur so manche Schritte und Stufen mehr beim Umsteigen eingebracht. Ich muss zugeben, dass wohl auch das alte System noch weiter funktioniert hätte. Und mit den Wochen und Monaten wurde ich wieder gelassener. Ich schwor mir, nie einer Bahn oder einem Bus hinterher zu hetzen, die Rolltreppe zum Bahnsteig hinunter zu hetzen oder rote Fußgängerampeln zu übergehen. Ich entwickelte einen Regelkatalog zur entspannten Fortbewegung in der Großstadt. Weil ich es mir leisten wollte.

Heute ist ein seltsamer Tag. Ich stopfe mich in den überfüllten Bus, habe nicht den Nerv, auf den nächsten zu warten. An meiner Zielhaltestelle drängle ich mich hinaus, trete aus Versehen auf Fußspitzen, ramme meine Tasche in Bäuche, stoße fast mit anderen Fahrgästen zusammen. Ich atme tief durch und laufe zur Drogerie. Ungewöhnlich lange streife ich durch die Regale, weil ich einfach nicht finde, was ich suche, und was ich finde, ist mir zu teuer, und überhaupt, mein Kopf dröhnt. Ich laufe zur U-Bahn, laufe tatsächlich, haste die Rolltreppe hinunter, weil ich höre, wie der Zug einfährt. Ich stopfe mich in die überfüllte Bahn, finde Schulter an Schulter noch einen Sitzplatz und fühle mich maximal unbehaglich. In Gedanken streiche ich diese Uhrzeit aus meinem flexiblen Stundenplan. Wäre ich doch noch etwas länger an der Uni geblieben, hätte die Stoßzeiten abgewartet, fleißig in der Bibliothek Fachliteratur studiert, wie es eigentlich der Plan gewesen war. Ich halte mich nie an meine vorbildlichen Pläne. Ich bin müde. Ich schrumpfe auf meinem Sitz zusammen. Schrumpfe und schrumpfe. Möchte mich in Luft auflösen.

Kurz vorm Ziel dröhnt eine Durchsage der Leitstelle durch die Waggons. Feuerwehreinsatz am Bahnsteig. Zugausfall. Drei U-Bahn-Linien unterbrochen. Nur zehn Minuten vorher haben wir die betroffene Station passiert. Die zwei Jugendlichen hinter mir kichern erleichtert und auch ich spüre ein leichtes Kribbeln in meinem Bauch, das sich einen Weg nach draußen sucht, sich als Schmunzeln aus der Träge meines Körpers befreien möchte. Doch ich bleibe cool. Unbeeindruckt.

Erst als ich an meiner Zielhaltestelle aussteige, erkenne ich mein Glück. Ein bisschen Schadenfreude huscht in meine raschen Schritte, während denen sich ein Satz in meinem Kopf bildet. Ich erzähle euch jetzt eine unbedeutende Geschichte.

13. Dezember 2016, Hamburg Underground

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6 Gedanken zu “Eine unbedeutende Geschichte

  1. Liebe Berni di Brezel!
    Ob die Geschichte wirklich so unbedeutend ist? immerhin ist sie Teil des Lebens. Sehr schön finde ich die Vorstellung, einen geheimen Pakt mit der Zeit geschlossen zu haben. Wie gut, dass Sie in keine Feuersbrunst geraten sind und die Geschichte nicht in einem Inferno geendet ist. So bleiben interessante Gedanken und meiner Meinung nach keine unbedeutende Geschichte.
    Herzliche Grüße von der Alm 🙂
    Mallybeau

    Gefällt 2 Personen

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