Die Lizenz zum Überrumpeln

„Hallo!“, strahlt mich ein junger Mann an, als ich das Unigebäude verlasse.

„Ja?“

„Studentin?“

„Ja.“

„Schön.“ Er kommt auf mich zu, streckt mir die Ghettofaust entgegen, ich schlage ein. Ich bin gut gelaunt. Feierabend.

„Ich möchte dir gerne diese Bücher hier geben, das sind indische Weisheiten, ich möchte den Menschen einfach ein bisschen Freude schenken.“

Ich nehme die Bücher entgegen, drehe sie in den Händen. Er lächelt mich von der Seite an.

„Wie du siehst, sind das die großen Denker des Buddhismus, ich bin selbst Mönch.“

Noch immer drehe ich die Bücher in den Händen. Ich bin überfordert. Fühle mich etwas unwohl. Wie immer, wenn man mir etwas ungefragt in die Hände drückt.

„Und ich möchte einfach ein bisschen Gutes in die Welt bringen“, sagt er.

Wie ich gerne reagiert hätte

„Danke“, sage ich. „Ich glaube nicht, dass ich mit den Büchern sehr viel anfangen kann. Aber dein Lächeln ist ansteckend. Gib die Bücher jemand anderem, mir hast du schon genug Freude geschenkt.“

Er lächelt.

„Ich möchte dir auch gerne was schenken“, sage ich und krame in den Untiefen meiner Handtasche, ziehe ein zerknittertes Papierherzchen hervor.

„Du bist schön“, sage ich und drücke ihm die Botschaft in die Hand.

Wie ich reagiert habe

„Ich glaube nicht, dass ich damit was anfangen kann“, sage ich. „Ich glaube, es wäre besser, wenn du die Bücher jemandem gibst, der mehr davon hat. Der mehr Freude damit hat.“

Er lächelt mich an. Ich lächle zurück.

„Da hat bestimmt jemand anderes noch mehr Freude daran“, sage ich und gebe ihm die Bücher zurück.

„Wie du meinst“, sagt er.

Wir lächeln uns an, ich ein bisschen verlegen, er gekonnt.

„Du bist ein netter Mensch“, sagt er.

„Du auch“, sage ich.

„Ich wünsche dir noch einen schönen Tag und alles Gute für dein Leben“, sagt er und streckt mir die Hand entgegen.

„Danke, dir auch“, sage ich.

Wir schütteln uns die Hände zum Abschied.

„Ciao“, sage ich und laufe in den Abend davon.

Warum ich euch das erzähle

Weil das das Leben ist. Weil man Chancen für die perfekte Reaktion verpasst. Weil nicht die perfekten Worte und Gesten zählen, weil nicht das Papierherzchen zählt, sondern das Zwischenmenschliche, das nicht zu greifen ist. Weil man nicht jeden Schritt in seinem Leben hinterfragen kann, hinterfragen sollte.

Ich habe mich vor einiger Zeit gefragt, ob ich die Menschen zu sehr damit überrumple, wenn ich ihnen ein Papierherzchen in die Hand drücke. Und dann überrumpelt man mich. Ich habe mich gefragt, was ist, wenn ich auf Ablehnung stoße. Und dann lehne ich ab. Weil sich der Schutzmechanismus des Überrumpelns aktiviert. Und obwohl ich einen Trumpf im Ärmel habe, eine Lizenz zum Überrumpeln immer bei mir trage, sorgen Situationen, die mich überrumpeln, dafür, dass ich selbst nicht überrumpeln kann. Denn das ist nun einmal der Kern des Überrumpelns.

Ich habe mich Sekunden danach geärgert, dass ich ihm kein Herzchen gegeben habe. Zurücklaufen wollte ich nicht, das kam mir albern vor. Bis ich mir eingestehen konnte: Ich habe alles richtig gemacht, ich habe reagiert. Es geht nicht um das Herzchen.

19. Dezember 2016, Hamburg

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4 Gedanken zu “Die Lizenz zum Überrumpeln

  1. Mir gefällt deine tatsächliche Reaktion fast besser als die gewünschte. Denn andere zu überrumpeln, ist doch eigentlich ein aggressiver Akt, auch wenn er mit Glücksbotschaften geschieht. Deine freundliche Ablehnung ist jedenfalls positiv verstanden worden. Für dich wäre aber eine perfekte Reaktion gewesen, ihm das Herzchen in die Hand zu drücken. Da frage ich mich, ob es deine Mission ist, Herzen zu verteilen.
    Zu deinem letzten Absatz: Nur wenigen Menschen ist gegeben, immer rechtzeitig und angemessen zu reagieren. Ich kann für mich bestätigen, dass es mir selten gelingt. Der allgemeine Umstand ist ja mit der Metapher „Treppenwitz“ gemeint – es ist die witzige Entgegnung, die einem erst nachhher auf der Treppe einfällt. Indem wir solche Begegnungen aufschreiben, ist uns gegeben, die Realität ein bisschen zurecht zu rücken.

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    1. Danke, Jules! Und ich muss dir Recht geben: Die tatsächliche Reaktion war völlig in Ordnung. Im Nachhinein fällt einem dann plötzlich das Herzchen ein. Das wäre doch die perfekte Gelegenheit gewesen, oder? In Wahrheit hab ich bisher so gut wie keine Herzchen verteilt. Und das ist irgendwie auch gut so. Ich habe die Aktion ja mal eine Geschichte des Scheiterns genannt. Und auch wenn es vielleicht etwas zu negativ klingt, aber es gefällt mir so. Es macht mich bewusst menschlicher. Deswegen teile ich diese „Geschichten des Scheiterns“ gerne mit euch.

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  2. Mir geht es wie Jules. Ich finde Deine tatsächliche Reaktion sympatischer. Mit dem Herzchen hättest Du Dir vor allem selber bewiesen, dass Du die Kontrolle über die Situation wieder zurückgewinnen kannst. Aber darum geht es hier ja nicht. Oder hättest Du ihm auch eines Deiner Herzchen geschenkt, wenn er Dich nicht „überrumpelt“ hätte?

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    1. Und auch dir kann ich nur Recht geben, lieber Beat, es geht um Kontrolle. Reaktionen spielen sich zu einem großen Teil außerhalb unserer Kontrolle ab, auch wenn er mich nicht überrumpelt hätte, hätte ich ihm wahrscheinlich ein Herzchen geben wollen, aber es nicht getan. Weil auch das eine Reaktion auf die jeweilige Situation gewesen wäre, die mich überrumpelt. Viele Gelegenheiten für ein Herzchen überrumpeln, das ist das Schöne daran. Und dann bleibt das Herzchen stecken, dafür stiehlt sich ein Lächeln auf die Lippen, ein nettes Wort oder einfach ehrliche Verlegenheit. Und das ist dann noch schöner. Wie ich Jules schon sagte, die Herzchenaktion ist zum Scheitern verurteilt. Und das ist im Nachhinein betrachtet auch gut so.

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