Die kleine Kerze

„Ich will nicht!“, ruft die kleine Kerze und windet sich in der Hand des Menschen, die sie in die enge Halterung dreht und damit an einen Zweig der Tanne knipst. Der kleinen Kerze wird schwindelig, der Zweig wackelt noch ein bisschen, bei dem Blick in die Tiefe muss die Kerze schlucken.

Die kleine Kerze schielt hinüber zu dem Tisch, auf dem bunte Kugeln, Strohsterne und weitere Kerzen verteilt sind. Auf dem Boden liegt der Adventskranz, achtlos zur Seite geräumt, vier niedergebrannte Kerzen stecken darauf, in sich zusammengefallen mit eingefrorenen Wachstränen an ihren Rändern.

„Nicht anzünden!“, ruft die kleine Kerze aus dem dichten Geäst des Weihnachtsbaums. Sie rüttelt und zerrt an ihrer Halterung, bei dem Gedanken an die Flamme wird ihr ganz schummerig.

„Was ist denn los, kleine Kerze?“, grummelt da der dicke Weihnachtsbaum.

„Ich will nicht brennen!“, ruft die kleine Kerze mit zittriger Stimme.

Der Weihnachtsbaum lacht und sein buschiger Bauch hüpft. Erschrocken hält sich die kleine Kerze an ihrem Zweig fest.

„Du willst nicht brennen, kleine Kerze?“, fragt der Weihnachtsbaum und auch die anderen Kerzen zwischen den Ästen beginnen, leise zu kichern.

„Du bist eine Kerze, kleine Kerze“, meldet sich jetzt die goldene Kugel zu Wort, die neben der kleinen Kerze hängt und in der sich deren bleiches Gesicht spiegelt. „Und Kerzen brennen, sie leuchten und geben Wärme und Licht. Das ist ihre Aufgabe, kleine Kerze.“

„Willst du denn kein Licht spenden?“, fragt ein Strohstern auf der anderen Seite des Weihnachtsbaums.

„Doch“, sagt die kleine Kerze, „aber ich will nicht verbrennen.“

„Wir leuchten dem Herrn den Weg“, sagt eine Kerze an der Spitze des Weihnachtsbaums.

„Und den Menschen den Weg zum Herrn“, ruft der Stern neben der Kerze.

„Willst du denn kein Teil des Weges sein?“, fragt eine andere Kerze.

„Doch“, schluchzt da die kleine Kerze. „Aber ich will nicht sterben“, flüstert sie.

„Sterben?“, lacht der Weihnachtsbaum und seine Äste biegen sich. „Wer wird denn hier sterben?“ Die anderen Kerzen tuscheln aufgeregt.

„Wir sterben!“, ruft die kleine Kerze. „Die vier Adventskerzen sind gestorben und auch wir werden sterben. Auch du, Herr Tanne! Wenn Weihnachten vorbei ist, werden wir alle tot sein!“

Einen Moment lang ist es still in den Ästen des Weihnachtsbaums.

„Weihnachten ist das Fest der Geburt, kleine Kerze“, durchbricht der Weihnachtsbaum schließlich die Stille und schließt seine Äste um die kleine Kerze. „Das Licht von Weihnachten belebt uns, macht mehr aus uns als nur Kerzen und Tannen.“

„Wir sind Boten“, rufen die Kerzen aus der unteren Astreihe im Chor.

„Wir verkünden das Licht!“, stimmen die anderen Kerzen ein.

„Wir verkünden die Liebe“, sagt ein Keramikengel.

„Willst du denn kein Botschafter von Liebe sein, kleine Kerze?“, fragt eine Kerze.

„Doch“, murmelt die kleine Kerze. „Aber nach Weihnachten wird man uns vergessen“, flüstert sie.

Der Weihnachtsbaum grummelt.

„Menschen vergessen, das stimmt, kleine Kerze“, sagt er. „Aber der Herr tut das nicht. Und auch das Leben vergisst nicht.“

„Wir sind das Leben!“, ruft die Kerze, die gerade an den Baum gesteckt wird, und streckt stolz ihren Docht in die Höhe.

„Wir brennen für das Leben“, rufen die anderen Kerzen durcheinander.

„Und wir sterben, weil wir leben“, sagt der Weihnachtsbaum. „Und weil wir wissen, dass wir sterben, strahlen wir umso heller.“ Der Weihnachtsbaum plustert sich auf.

„Wir geben unser Licht an andere weiter“, sagt die goldene Kugel neben der kleinen Kerze, sie dreht und wendet sich und die kleine Kerze beobachtet ihr tanzendes Spiegelbild auf der glänzenden Oberfläche.

„Wir müssen brennen, um zu leben, kleine Kerze“, sagt eine Kerze, die noch in der Schachtel auf dem Tisch liegt. „Sonst zerbröselt und bricht unser kalter Körper mit der Zeit.“

„Nur wer von sich selbst gibt, bleibt in der Welt und schafft neues Leben“, ruft der schmelzende Schneemann von draußen durch das Fenster.

„Willst du denn nicht leben, kleine Kerze?“, fragt der Weihnachtsbaum.

„Doch“, sagt die kleine Kerze. Sie lässt ihre Blicke durch den Raum schweifen, über die glänzenden Kugeln, die stolzen Strohsterne, die milde lächelnden Engel, die aufgeregt flackernden Kerzen, die starken Äste des Baums.

„Jeder einzelne ist wichtig und wertvoll“, sagt der Stern auf der Spitze des Weihnachtsbaums. „Nur wenn alle zusammenhalten, wird Weihnachten wahr.“

„Du bist entscheidend, kleine Kerze“, sagt der Weihnachtsbaum.

Eine seltsame Wärme breitet sich in der kleinen Kerze aus, obwohl sie noch keine Flamme trägt. Die schwindelnde Höhe macht ihr plötzlich nichts mehr aus, der Weihnachtsbaum hält sie fest, das Spiegelbild in der goldenen Kugel wirkt groß und stark.

„Ich will brennen“, sagt die kleine Kerze.

In diesem Sinne wünsche ich euch und euren Liebsten ein gesegnetes, erleuchtetes Weihnachtsfest. Und auch wenn es abgedroschen klingt, besonders in der heutigen Zeit scheint es jedoch umso wichtiger: Schenkt Liebe.

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8 Gedanken zu “Die kleine Kerze

  1. Liebe Berni di Brezel!

    Eine wunderschön wärmende Geschichte! Auch Ihnen wünscht die Bloghüttenalm ein frohes Fest und besinnliche Feiertage. Auf dass Sie uns auch im nächsten Jahr mit solch herrlichen Beiträgen unterhalten und das Riesenrad sich weiter dreht! 🙂

    Herzliche Grüße von der Alm
    Mallybeau

    Gefällt 1 Person

  2. Was für ein wunderbarer Text, liebe Berni di Brezel! Tiefsinnig, menschlich und voll subtiler Theologie. Ich mag die Verbindung des österlichen Motivs „das Weizenkorn muss sterben, sonst…“ mit der weihnächtlichen Szenerie.
    Herzlichen Dank für diesen schönen Impuls und auch Dir frohe und lichterfüllte Weihnachten!
    Beat

    Gefällt 1 Person

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