Ein seltsames Gefühl

Ich habe ein seltsames Gefühl. Seit Tagen fühle ich ein seltsames Kribbeln im Bauch, immer wieder kneife ich die Augen zusammen. Irgendetwas stört. Losgelöst vom Alltag, in den Wirren der letzten Tage des Jahres, meldet sich plötzlich mein Körper zu Wort, sendet mir Signale. Ein seltsames Gefühl.

Mein Körper will, dass ich auf ihn höre. Er sträubt sich gegen gewisse Entscheidungen, ganz alltägliche Anforderungen, zwischenmenschliche Routinen. Mein Beobachterkomplex wird noch intensiver, lange starre ich in die Augen meines Gegenübers, ich studiere das Profil vor mir, jedes Zucken mit der Wimper, jede Regung mit den Lippen. Und dann ist da wieder dieses Kribbeln. Dieses seltsame Gefühl.

Ich nicke mit dem Kopf, ich stimme zu, ich lächle, ich sage nette Worte. Ich verhalte mich normal. Denn ich weiß nicht, was das für ein Gefühl ist, warum dieses Gefühl da ist. Es könnte alles so einfach sein. Doch irgendetwas klopft mir gegen die Brust, zerrt an meinen Nerven.

Die Bremsen blockieren. Auch das Auto sträubt sich gegen mich, zwingt mich zum Stehenbleiben. Als würde es mich anflehen, zu bleiben. Doch ich fahre. Und dann falle ich. Mein Bein sendet stechende Schmerzen an mein Gehirn, das mich auffordert, endlich stillzustehen. Heimzufahren. Liegen zu bleiben. Es fleht mich an, es zu erkennen.

Doch ich gehe weiter, mein Bein schreit, das Auto verhöhnt mich, meine Stirn legt sich in Falten, will mich in sich hineinziehen, mich überschwemmen, mich versenken. Und dann ist da wieder dieses Kribbeln, mein Herz klopft schneller, meine Brust zittert, meine Fingerspitzen werden eiskalt.

Mein Körper zwingt mich zu weinen. Ich sitze am Steuer, schlage mit den Fäusten auf das Lenkrad und fluche, meine Stimme wird dünn, ich spüre ein Brennen in den Augen. Nein, ich weine nicht. Ich will nicht weinen. Denn ich weiß nicht, wieso.

Ich habe ein seltsames Gefühl. Als würde mir jemand ununterbrochen von innen gegen die Haut piksen und stupsen. Sieh endlich, hör endlich, erkenn es endlich! Mein Kopf brummt. Das Gefühl verstärkt sich. Und ich ahne es.

Ich habe etwas zu sagen, doch ich tue es nicht. Ich schweige, mische mich nicht ein. Wenn mich jemand nach meiner Meinung fragt, mit diesen erwartungsvollen Blicken, dann sage ich sie nicht. Denn meine Gefühle hören sich falsch an, sie sind verwirrend, unpassend. Es könnte so viel einfacher sein. Und auf mich hört sowieso keiner.

Ich tue es nicht.

Doch ich habe etwas zu sagen. Dass es nicht gut ist. Ich werde Menschen verletzen. Die Wahrheit ist unangenehm. Ich werde auf das seltsame Gefühl hören müssen. Und es sagt mir: Nein. Ich sage nein.

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9 Gedanken zu “Ein seltsames Gefühl

  1. Ein super Text! Das verzweifelte Gefühl lässt sich gut nachvollziehen.
    Das ist wohl die grosse Herausforderungen: Bevor ich etwas sagen kann, muss ich mir selber in Worte fassen, was ich eigentlich fühle. Dann kann ich auch ruhiger und bestimmter sagen, was ich eventuell sagen muss, oder auch ruhiger schweigen 🙂

    Gefällt 1 Person

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