Vom Aufschieben des Unvermeidlichen

Auch ich selektiere. Erzähle nicht jede Geschichte, wähle aus, welche es wert ist, in Worte gefasst zu werden. Und bemerke dabei selbst, wie ich das Unangenehme ausklammere. Wenn sich die Augen der Schaulustigen auf einen Punkt richten, schaue ich angestrengt weg. Das Leid will ich nicht begaffen, doch das Schöne sauge ich aus. Manchmal bin ich ein Heuchler.

Ein Trupp Ticketkontrolleure belagert den Waggon, geht durch die Reihen. In der Viererbank vor mir sitzt in sich zusammengesunken, ganz allein ein ungepflegter Mann, fettige graue Haare, Holzfällerhemd. Er schläft. Der Kontrolleur bleibt vor ihm stehen.

„Hallo?“ Der Mann rührt sich nicht. „Hallo, die Fahrkarte bitte!“ Keine Regung. „Hallo! Aufwachen!“ Keine Reaktion.

Der Kontrolleur seufzt, wirft einen genervten Blick auf seine Kollegen, zieht ein Paar schwarze Handschuhe aus seiner Jackentasche, stülpt sie sich langsam mit umherschweifendem Blick über, als wolle er gleichzeitig ganz gelassen wirken, auf der anderen Seite das Ganze hinauszögern. Es wird unangenehm werden.

„Hallo?“, versucht er wieder und legt diesmal seine Hand auf die Schulter des Mannes, rüttelt sanft. „Aufwachen!“ Wieder kommt keine Reaktion. Der Kontrolleur wirft undeutbare Blicke durch den Waggon, ein leises „scheiße“ rutscht ihm von den Lippen.

Er versucht es noch einmal und nach einer kleinen Ewigkeit regt sich der Mann endlich und fingert in seiner Hosentasche. Auf das Gesicht des Kontrolleurs schleicht sich ein kleiner Funke Hoffnung, dass der Mann doch eine Fahrkarte bei sich hat, gleichzeitig verfolgt er aufmerksam jede Bewegung. Der Mann streckt dem Kontrolleur ein zusammengefaltetes Stück Papier entgegen und sackt dann wieder in sich zusammen.

Es dauert eine Weile, bis der Kontrolleur mit seinen behandschuhten Fingern das Papier entfaltet hat, dann liest er den Zettel sorgfältig. Ein Kollege schielt ihm halb über die Schulter. Dann stiehlt sich ein resigniertes Schmunzeln in seine Mundwinkel, bevor er sich zu seinen Kollegen dreht und mit einem Seufzer verkündet: „Er ist entlassen worden.“

Niemand regt sich. Der Kontrolleur faltet das Papierstück wieder zusammen, legt erneut seine Hand auf die Schulter des Mannes. „Kommen Sie, wir steigen jetzt aus“, sagt er.

Es scheint, als hätte schon der allererste Blick auf den schlafenden Mann dem Kontrolleur verraten, was unweigerlich folgen musste. Der Mann regt sich nicht, macht keine Anstalten aufzustehen. Erst als sich der Kontrolleur vor ihm aufbaut, die Hände an seine Oberarme legt, um ihm aufzuhelfen, beginnt das Aufbegehren. Der Mann weigert sich, wird aggressiv.

Die Kontrolleure reden ruhig auf ihn ein. „Wir wollen Ihnen nicht wehtun. Wir steigen jetzt einfach nur gemeinsam aus.“ Doch der Mann schlägt um sich, grummelt unverständliche Worte.

An der nächsten Station haben sie es endlich geschafft, ihn hinauszubefördern. Draußen bewirft der Mann die Kontrolleure mit seinem Entlassungspapier, er schlägt in unregelmäßigen Wellen des Aufbegehrens um sich, die Kontrolleure geben der Bahn ein Zeichen, weiterzufahren.

Eine Gruppe junger aufgedrehter Mädchen mit Luftballons besetzt die nun leere Viererbank vor mir. Erzählt eine neue Geschichte, als wäre die alte nicht gewesen. Doch ich werde viele Tage brauchen, um beide aufzuschreiben. Und dann fällt mir eine Begegnung ein, die sicherlich schon ein Jahr zurückliegt. Von einem älteren Herrn, der in der Ecke bei den Rolltreppen hinunter zu den Bahngleisen kauerte und an einer Zigarette zog, als ein Kontrolleur zu ihm trat und ihn aufforderte, es zu lassen. Vor mir betrat ein junger Mann die Rolltreppen, aus dem Augenwinkel hatte auch er das Geschehen mitbekommen. „Scheiß Kontrolleure“, zischte er in einem leisen Protestakt gegen den Staat, der arme Menschen in der Kälte auf die Straße setzt. Doch mir schien es nicht so, als wollte der Kontrolleur den Mann von seinem Platz jagen. Sondern einfach nur darum bitten, hier nicht zu rauchen.

„Was soll man machen, er kann halt auch nicht einfach hier bleiben“, sagt der Fahrgast mir schräg gegenüber mit der Schulter zuckend, als der Trupp Kontrolleure den mit seinen Entlassungspapieren um sich werfenden Mann nach draußen begleitet.

Und dann beobachtet er amüsiert die jungen Mädels und die beiden großen, an der Decke hängenden Heliumballons, die die Zahl „18“ schreiben. „Warum“, sagt das eine blonde Mädchen, „fragen mich eigentlich heute alle, wo ich bin? Ich hab Geburtstag!“

7. Januar 2017, Hamburg Underground

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4 Gedanken zu “Vom Aufschieben des Unvermeidlichen

  1. Ich denke, dass wirklich der allererste Blick dem geübten Kontrolleur schon viel verrät. Was ich in der Zwischenzeit aber feststellen musste ist, dass es sehr unterschiedliche Wege gibt, in denen sie mit diesem Wissen umgehen. Einige versuchen es, dem Fahrgast so viel Würde wie möglich zu lassen, so wie es auch der in diesem Beispiel tut. Andere – und es werden immer mehr – sind fast schon darauf aus, den armen Kerl, die arme Frau zusätzlich zu demütigen.

    Wohlgemerkt, ich spreche von den friedlichen Falschfahrern. Nicht von denen, die auch noch den großen Max markieren. Wobei wohl auch die leider immer mehr zunehmen.

    Alles in allem auch kein Job, den ich machen möchte. Dann lieber mit den Mädels feiern. Auch wenn ich in meinem gesetzteren Alter wohl einen komischen Eindruck dabei machen würde *g.

    Gefällt 1 Person

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