Monster

Das hier ist meine spontane Antwort auf Julia Engelmanns Lied-Gedicht „Grapefruit“. Ach ja, stimmt, ich hatte schon einmal einen Text namens „Monster“. Auch von einem anderen Werk inspiriert. Hm.

Und du glaubst, es reicht, das Fenster aufzumachen, wenn ich mir den Kopf vom Hals reißen will. Du glaubst, dass schöne Gedanken die Gespenster aus meinem Kopf vertreiben, doch mein Gehirn ist ein Meer aus Knoten, Knoten des Vergessens. Du denkst, dass ich traurig bin, doch ich bin depressiv. Und wenn ich einen Beinbruch hab, geh ich nicht zum Orthopäden, denn ich geh nicht außer Haus, der Schmerz in meinem Körper ist das einzige Gefühl, das mich am Leben hält. Ich fürchte den Entlassungsbescheid. Sie sind körperlich gesund.

Und du glaubst, deine Worte können trösten, der Sonnenschein aus deinen Augen, die verständnisvolle Hand auf meiner Schulter. Sie erdrückt mich. Alle Zweifel und Tränen nur eine Phase, eine dunkle Phase in deinem Leben, mein Leben in der Dunkelheit. Mein Wunsch, wie alle andern zu sein, einer von euch, wie du, ist der Wunsch, dich zu hören, deine gut gemeinten Phrasen, deine Liebe, dich zu spüren, deine Umarmungen, dich zu verstehen, deine Sorge, deine Angst. Doch ich versteh mich selber nicht, durch das Rauschen in meinen Ohren, das Wispern in meinem Kopf, meine Bleischritte, mein Nebelherz, das Kratzen in den Venen, das Rasseln in der Lunge, ich hör mich selber nicht. Ich spür mich selber nicht. Ich spüre nur das Monster. Und wär ich ein Disneyprinz, befreitest du mich vom Fluch. Mit einem Kuss, einem Beweis deiner Liebe. Mit dem Glauben an den Menschen in mir.

Du glaubst, wenn ich nur fest daran glaube, werde ich glücklich. Ich weiß nicht, was Glück ist. Du zeigst mir all die schönen Kleinigkeiten, die das Leben zu bieten hat, Marienkäfer, frisch gemähtes Heu, Schäfchenwolken, türkise Wellen, den Geruch nach Schnee, erzählst mir wie von einer anderen Welt. Vielleicht kann ich mich in eine Fee verwandeln und dorthin reisen. Im nächsten Leben.

Du sitzt mir gegenüber, weißt nicht, was du sagen kannst, wenn du es nur oft genug sagst, wird es wahr, ein Zauberspruch, um mich zu retten, ein Ritual, wenn du es nur oft genug sagst, wird es wahr.

Bleib still. Beweg dich nicht. Sag nichts. Schau mich nicht mit diesen Augen an.

Ich werde dir ins Gesicht schreien, dir deine süßen Worte aus der Seele prügeln, dir deine Zuversicht im Hals umdrehen, ich werde dich hassen. Ich werde dich aussaugen, kopfüber an die Decke hängen, mit mir in den Sarg stecken, bis du den Glauben verlierst.

Bleib still. Beweg dich nicht.

Und dann verlässt du mich. Du erhebst dich mit schweren Gedanken, dir ist schwindlig, erträgst mich nicht mehr, die Schönheit fällt von deinen Augen, du siehst nur meine Hässlichkeit.

Ich werde deine Angst sein, deine Traurigkeit, deine Hilflosigkeit, deine Verzweiflung. Ich bin dein Monster.

Du machst das Fenster auf, vertreibst die Gespenster aus deinem Kopf. Radio lauter, Blumen, schwimmen, lachen, lesen. Schreiben, singen.

Versuch nicht, mich zu retten. Verlang nicht von mir, ein Mensch zu sein, verlang nicht von mir, die Farben zu sehen. Geh weg! Verschwinde! Ich hasse dich und deine verfluchte Fröhlichkeit, deine Lebensfreude. Ich hasse dich und dein so perfekt imperfektes Leben, das immer Antwort auf alles ist. Lass mich! Geh! Geh! Geh. Nicht.

Bitte geh nicht. Bleib. Mach dir Grapefruit zum Frühstück.

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