Das Recyceln von Tagebüchern oder warum ich kein Tagebuch mehr schreibe

22. August 2016, Montag, 00:27

Es war eine bewusste Entscheidung, die alten Tagebücher zu verbrennen, und eine Schnapsidee, wieder damit anzufangen. Weil man Dinge tut. Weil man nach der Scheidung die Hochzeitsfotos verbrennt und dann bereut. Erst die verlorenen Jahre, den Scherz, dann die Erinnerung, die Wut, die Fotos. Das Wegwerfen von Teilen der eigenen Vergangenheit. Doch ich will zu keinem Vergangenheitsmessi werden. Nicht schon wieder. Es war eine bewusste Entscheidung. Die für den damaligen Moment richtige. Ist ein Gedanke erst gedacht, dann bleibt er. Und was geht, kommt wieder. Und wird zu schlechten Tagebuchanfängen. Es ist spät, im Angesicht des anbrechenden Montags noch sehr früh, und ich habe den Abend mal wieder mit YouTube-Videos verbracht. Habe PhunkRoyal beim Verlesen seiner Tagebücher belauscht. Und da ist die Überleitung.

Man erinnert sich. Während man mitlacht, die Hände über dem Kopf zusammenschlägt, schmunzelt, sich peinlich berührt an die Stirn fasst, bereut man. Bereut man selbst die im damaligen Moment richtigsten Entscheidungen. Die Entscheidung, zur psychologischen Beratung zu gehen und zu erzählen. Das erste Mal zu erzählen. Anstatt nur zu schreiben. Zu sammeln. Und dann von den Tagebüchern zu erzählen. Den grausamen Fotos, um sich selbst noch mehr wehzutun, als man eh schon leidet. Der Gesichtsausdruck des Psychologen. Sein Entsetzen. Es muss Entsetzen gewesen sein, denn ich war selbst entsetzt. Ich schämte mich. Als würde sich niemand für seine Tagebücher schämen. Nein, ich schämte mich nicht für mein schreibendes Ich. Aber für das lesende. Das sich im Schmerz wälzende, von Erinnerungen zehrende Ich. Den Vergangenheitsmessi.

Und dann verbrannte ich. Wie sie damals ihre Abschiedsbriefe. Ich verbrannte das Tagebuch, dann die anderen, die Notizbücher, die unschuldigen Zeilen, die Briefe an Gott, die Traumaufzeichnungen. Und wenn ich „verbrennen“ sage, dann meine ich „zerreißen“. Ich zerriss alles. Jede Seite einzeln. Verbrennen wäre „romantischer“ gewesen, doch im Studentenwohnheim blieb mir nur die für alle zugängliche Altpapiertonne. Ich zerriss die Erinnerung und zerriss doch nur einen Stapel Papier. Dachte dabei daran, wie es wäre, die Blätter in öffentlichen Mülleimern zu verteilen oder auf Parkbänken zu hinterlassen. Raus in die Welt zu schicken. Ich tat es nicht. Natürlich tat ich es nicht.

Stattdessen schwor ich mir, nie wieder Tagebuch zu führen. Nie wieder ein Vergangenheitsmessi zu sein. Doch letztendlich braucht man dafür auch keine Tagebücher. Denn so sehr ich es auch versuche, meine Erinnerungen und Gedanken kann ich nicht verbrennen. Und auch nicht mein schreibendes Ich. Aber zerreißen. Immer und immer wieder zerreißen.

 

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7 Gedanken zu “Das Recyceln von Tagebüchern oder warum ich kein Tagebuch mehr schreibe

  1. Ich habe meine alten Tagebücher auch entsorgt. Irgendwie stand auch immer dasselbe drin. Dachte ich. Heute ärgere ich mich ein wenig darüber, denn auf die Erinnerung kann ich mich nicht verlassen. Seit ein paar Jahren schreibe ich wieder. Seit ich alleine lebe. Manchmal bin ich froh, etwas nachlesen zu können.

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      1. Da hast Du allerding recht. Alternative Fakten sind natürlich nichts neues. Im Tagebuch fängt man ja auch nur die eigene Sicht der Dinge ein. Geht nicht anders. So oder so: Dir einen schönen Tag, hier scheint die Sonne schon seit Tagen und die Lebensgeister erwachen….

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  2. Ich bin einfach nur froh, hat Etty Hillesum ihre Tagebücher nicht auch weggeworfen 🙂
    Aber ich kann es gut nachfühlen. Ich habe zwar nie wirklich Tagebuch geführt, aber wenn, wäre es ihm wohl so ergangen wie unterdessen fast allen Briefen, die ich mal mit Freundinnen und Freunden ausgetauscht hatte. Ich bin in dieser Beziehung auch kein Sammler (mehr).

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