Knacken

Er mag es nicht, wenn ich mit dem Kopf knacke. Ich lege eine Hand ans Kinn, die andere an den Hinterkopf und drücke meinen Kopf mit einem Ruck zur Seite. Die Halswirbel schieben sich aufeinander und knacken laut, sodass ich kurz selbst erschrecke, mir ein leises „aua“ über die Lippen fällt, obwohl ich statt Schmerz eine große Erleichterung spüre. Ich grinse. Er starrt mich mit gerunzelter Stirn und dicken Wangen an. Das Pizzastück, von dem er gerade gebissen hat, hängt mit einem Käsefaden an seinen Lippen, beugt sich unter der Last der Ananasstücke und tropft auf den Pizzakarton. Während er erstarrt ist, aufgehört hat zu kauen. Sein gespieltes Entsetzen weicht mit dem ersten Ananasstück, das aus der Käsedecke rutscht. Er stopft sich noch einen großen Bissen in den Mund und kaut hektisch, während er mich weiter anfunkelt. Ich funkle zurück, zeige ihm die Zähne.

Beim letzten Zahnarztbesuch war ich der erste Termin des Tages, die einzige Patientin in der kleinen Praxis. Als wir auf die Röntgenaufnahmen warteten, saßen der Doktor und ich uns schweigend gegenüber, seine Hände zitterten leicht, vielleicht vom Alter, vielleicht von der frühen Uhrzeit, vielleicht vom Kaffee. Kurzerhand rollte er auf seinem Stuhl näher an mich heran, Rundumuntersuchung kündigte er an, um seine nervösen Finger zu beschäftigen, die peinliche Stille zu durchbrechen. Er stülpte sich blaue Gummihandschuhe über und steckte mir je einen Finger ins Ohr und bat mich zu kauen. Es fühlte sich an, als säße eine Seifenblase zwischen Ohr und Kieferknochen.

„Sie knirschen“, sagte er und ich musste grinsen.

Ich schiebe den Pizzakarton zur Seite und schüttle den Kopf, wirble mir meine dicken Strähnen um die Nase, bis mir schwindlig wird und endlich ein erneutes erlösendes Knacken erklingt. Ich strecke die Schultern nach hinten, streiche mir das Haar aus dem Gesicht und treffe auf seinen Blick, der auch dann nicht von mir weicht, als er sich erhebt. Er macht den Abwasch, zerreißt demonstrativ den Pizzakarton.

Er hat recherchiert. Einrenken ist gefährlich, sagt er, sagt Dr. Google. Vor allem bei den Halswirbeln. Man könne sich verletzen, überdehnen, sich eine Arterie anreißen, ein Blutgerinnsel verursachen. Ob man sich selbst das Genick brechen kann, wollte ich wissen.

Die tiefe Mulde in der Matratze macht es mir nicht unbedingt leichter, mich im Schneidersitz einzufinden. Ich halte mich an meinen Zehen fest und rutsche Pobacke für Pobacke in eine einigermaßen bequeme Position und falle dabei immer mehr in mich zusammen. Mein Rücken ist gekrümmt, vom vielen Sitzen gekrümmt, der Büroalltag verkrüppelt mich, ich bin ein gestauchter Mensch, der dritte Buchstabe im Alphabet. Meine Brustwarzen berühren die Oberschenkel. Ich versuche, mich wieder aufzurichten, strecke mich. Nacheinander drehe ich die Arme nach hinten, drehe meine Wirbelsäule, renke mich ein. Ich knacke.

„Ich falle eben auseinander“, sage ich entschuldigend, als ich seinen strafenden Blick erhasche.

„Nicht in meiner Schicht“, sagt er und umschlingt mich, um mich zu kleben. Oder um mich bewegungsunfähig zu machen, sodass ich nicht mehr knacken kann.

Ich lege meinen Kopf in seine Nackenmulde. Er knackt nicht, sein Hals ist stark und aufrecht. Nur ein handgroßer Fleck, zählt man die Finger nicht mit und nimmt man meine statt seine Hand, sitzt darauf, etwas dunkler als der Rest der Haut, man sieht ihn kaum, wenn man nicht mit dem Kopf darauf liegt, wenn man nicht mit den Fingern darüber streicht. Die Stelle ist leicht flaumig, empfindlicher, seine Nackenmuskeln spannen sich an.

Was sagt Dr. Google eigentlich zu dunklen Flecken auf der Haut, flüstere ich ihm ins Ohr und setze ihm dann einen flüchtigen Kuss auf die dünne Haut im Nacken, seine Achillesferse. Ich beobachte sie, male kleine Figürchen darauf, eine pummelige Katze, beobachte ihre Bewegungen. Ich halte Wache, er hält mich fest.

Ein Brösel drückt sich in meine Haut, während ich ihm Hawaii von seinen Lippen stehle. Er streckt mich, zieht meine Brüste von meinen Oberschenkeln. Wirft mich in die Horizontale, ich bin ein liegender Mensch, zwei liegende Menschen, das Ende von Hawaii. Und die Mitte. Der Anfang und alles dazwischen. Bis auch wir zerbröseln.

Ich robbe mich Pobacke für Pobacke in seine Mulde, er legt den Arm um mich, zieht mich wieder zusammen. Gemeinsam sind wir der dritte Buchstabe im Alphabet. Der Neumond. Ich drehe meinen Kopf zur Seite, sein Hals glänzt im fahlen Licht.

A B C die Katze lief im Schnee. Und als sie dann nach Hause kam, da hatt‘ sie weiße Schuhe an. Guck, die Katze tanzt für sich… Die Katze schnurrt.

„Du schnarchst“, flüstere ich ihm ins Ohr.

„Du knirschst“, murmelt er und ich grinse.


Tut mir leid, dass ich in letzter Zeit hier nicht so aktiv war. Vor allem vermisse ich auch eure wunderbaren Blogs. Meine Master-Arbeit hat mich leider fest in ihren Fesseln. Aber bald bin ich wieder frei – endlich frei! Und dann kann ich mich wieder der schönen anstatt der Fachliteratur widmen… naja wahrscheinlich weiterhin beidem, aber vor allem wieder der schönen! Bis ganz bald!

 

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