Der Gärtner der kubischen Stadt

Wollte man das Leben in der Stadt, in der die folgende Geschichte spielen soll, beschreiben, dann wohl am treffendsten mit dem Stadtbild selbst. Wie ein großes gekentertes Containerschiff ragt die Stadt aus dem vom Wasser verlassenen Meeresgrund. Mit den Wellen verschwand die Bewegung, Kubus für Kubus richteten sich die Menschen ihr Leben zurecht, verankerten es im vertrockneten Boden, eine Stadt aus grauen Containern ohne Ziel. Das Leben in dieser Stadt funktionierte, es passte, Kubus an Kubus, Kante an Kante fügte sich die Stadt zusammen ohne eine einzige Lücke. Lücken waren eines der Dinge, die die Menschen in dieser Stadt fürchteten. Lücken bedeuteten Verlust, ein Loch in dem raumzeitlich vollkommenen Werk, das sie Leben nannten. Jede Lücke musste gefüllt werden, mit einem passgenauen Kubus, für jeden Menschen einen, in denen sie lebten und arbeiteten, lebten, um zu arbeiten. Und zu stapeln, Akte auf Akte, Geldschein auf Geldschein, Kubus auf Kubus. Einen unendlichen Turm in den Himmel, eine undurchdringliche Festung nach allen Seiten. Eine kubische Stadt. Ein kubisches Leben.

Eine Stadt wie diese schreibt keine Geschichten, ihre Wände bleiben glatt und unbeschrieben. Doch in ihrem tiefsten Inneren schlummert eine Gewalt, ein tiefes Grummeln, ein immer lauter werdendes Pochen. Ein kleiner gebeugter Mann, der sich jeden Morgen zur selben Uhrzeit, die ihm die grell erleuchtete Anzeige über seinem Kopf auf seine Linse brennt, das Sandkorn aus dem inneren Augenwinkel pult.

Der Mann, nennen wir in Viorel, streicht sich mit den Handflächen den Schlaf aus dem Gesicht, bis sich ein Kribbeln auf seine Haut legt. Dann richtet er sich auf, macht die zwei ihm vertrauten Schritte aus seinem Bett an den Schreibtisch. Viorel betätigt den unentwegt rot leuchtenden Knopf am Kaffeespender, der stets griffbereit neben dem ebenso ewig flimmernden Monitor steht. Viorel arbeitet den ganzen Tag, von dem er nicht mehr als die digitale Anzeige, die ihm an den Schreibtisch gefolgt war, mitbekommt. Der Tag besteht aus Zahlen, von eins bis vierundzwanzig, und einem Teppich aus unendlich mehr, die in den Tabellen vor seinen Augen den Monitor hoch und runter flitzen. Viorel arbeitet wie seine Nachbarn, Kubus an Kubus, er weiß, dass sie dort sind und arbeiten, ohne sie zu sehen, abgeschottet von der Welt da draußen, von den Ablenkungen, von denen es in der kubischen Stadt sowieso keine gibt. Doch auch wenn die Menschen ihre kubischen Gefängnisse verlassen, sehen sie einander nicht, ihre Blicke sind gesenkt, ihre Schritte schnell und zielsicher, die Wege ohne Abzweigungen und Kreuzungen. Die Stadt fließt wie ein geschlossener Stromkreis und steht doch still. Still und grau und kubisch.

Viorel sitzt an seinem Schreibtisch, das Rechteck des Monitors spiegelt sich in seinen Augen, die über die Zellen der Tabellen huschen. Von links nach rechts, von oben nach unten, Viorel scrollt weiter und weiter und weiter. Manchmal vergisst Viorel das Blinzeln und die Tabellen vor seinen Augen verschwimmen, die lauwarme Gischt spritzt ihm ins Gesicht, eine Welle überschwemmt ihn, reißt ihn zu sich, für einen Augenblick ist es Viorel, als müsse er ertrinken, doch dann eröffnet sich vor seinen Augen ein buntes Korallenriff, Viorels Augen und Arme öffnen sich, Wasser strömt durch seine Lungen, doch statt ihn zu ertränken, durchströmt es ihn mit allen seinen Farben, bis Viorel wieder auf seinen Stuhl zurücksinkt, sich seine Augen auf die stechenden Lichtpunkte des Monitors fokussieren und seine Regenbogenhaut erblasst.

Viorel reibt sich die Augen und schüttelt den Kopf, schüttelt die Bilder aus seinem Kopf, die ihn von der Arbeit ablenken, schüttelt sich die letzten Tropfen Meereswasser aus den Haaren, ein kleines Salzkorn hängt noch in seinem inneren Augenwinkel und kitzelt. Mit spitzen Fingern liest er es auf, er betrachtet es, es dauert eine Weile, bis seine Augen das winzige Korn auf seiner blassen Haut erfassen, dann legt er den Finger an die Zunge, der frische Wind wirft ihn fast vom Stuhl, seine Wangen werden rot. Viorel streicht sich mit den Handflächen über das Gesicht, füllt seine Kaffeetasse, rückt seinen Stuhl zurecht und verschwindet wieder in dem Raster der Tabellen vor seinen Augen.

In manchen Nächten schwebt Viorel über den Wipfeln der sattgrünen Bäume des Urwalds, der Himmel bricht auf, der Regen wäscht ihm die Farblosigkeit vom Körper, er fliegt mit Papageien durch die Wälder und wärmt das Gefieder in der warmen Sonne nach dem Sturm, bis eine grell erleuchtete Anzeige über seinem Kopf auftaucht und die Zeit aus seinen Händen gleitet, ihm den Tag diktiert, der nur eine Zahl ist, zwischen null und vierundzwanzig. Wie auch er nur eine Zahl ist. Ein nummerierter Kubus, eine Zelle in einer unendlichen Tabelle.

Eines Morgens, als Viorel wieder wie gewohnt seinen Finger auf den Schalter der Kaffeemaschine legt, bemerkt er ein seltsames Kabel, das aus dem Monitor seines Computers ragt. Viorel kann nicht erkennen, woher das Kabel genau kommt und welchen Sinn es erfüllt. Es scheint einfach aus dem Monitor zu sprießen. Viorel wagt es nicht, es zu berühren oder gar herauszuziehen, viel zu sehr fürchtet er, etwas kaputt zu machen, seinen Computer kaputt zu machen. Das wäre eine Katastrophe. Eine Lücke. Und so ignoriert Viorel das Kabel, er konzentriert sich stattdessen auf den Monitor vor ihm, der ihn zu verschlingen droht. Doch hier fühlt Viorel sich sicher.

Bis ihm ein paar Tage später die pralle Sonne ins Gesicht scheint, ihn blendet. Eine Welle hebt Viorel vom Stuhl, schwemmt ihn durch die Wüste. Sobald Viorel mit dem Finger den sandigen Boden berührt, sprießt ein junges Pflänzchen zwischen den feinen Körnern hervor. Voller Erstaunen wirft Viorel einen Blick zurück und beobachtet, wie sein Finger grüne Oasen durch die Wüste zeichnet.

Sein Blick gleitet vom Bildschirm und entdeckt das Kabel, das über den Monitorrand hinausgewachsen ist. An seinem Ende sitzt eine gelbe Knospe. Und auch nach mehrmaligem Blinzeln verschwindet die zarte Pflanze nicht. Vorsichtig beugt Viorel sich über den Monitor und betrachtet die Knospe. Ein leicht süßer Geruch steigt ihm in die Nase und kitzelt. Das Kribbeln jagt seine Mundwinkel nach oben, ein kurzes Lächeln stiehlt sich auf seine Lippen. Viorel streckt seine Nase nach vorne, um mehr von dem fremden Geruch aufzusaugen, doch da berührt sein Bauch die Tastatur, das Klacken der Tasten jagt Viorel zurück auf seinen Stuhl, erschrocken rasen seine Augen über die Tabellen, um seine versehentliche Eingabe rückgängig zu machen, bis er sich wieder vollständig in den Zellen und Rastern verliert.

Doch hin und wieder stiehlt sich eines seiner Augen für einen Wimpernschlag über den Monitor hinaus auf die kleine Knospe, die von Tag zu Tag immer mehr den Kopf senkt und blasser wird. Als folge sie seinen Bewegungen.

Und eines Tages lässt er sie zu. Die Lücke. Viorel erhebt sich von seinem Schreibtisch und aus Ermangelung eines geeigneten Werkzeugs schlägt er mit der Faust gegen die Wand seines Kubus, die sogleich ohne Mühe nach draußen gleitet. Mit dem plötzlichen Sonnenlicht öffnet sich die Knospe und seine Pupille, eine Windböe erfasst ihn und lässt ihn schweben. Vor seinen Augen eröffnen sich weite Landschaften, hohe Gebirgsketten, die raue See, von Furchen durchzogene Wüstenlandschaften, unendliche Unterwasserwelten, leuchtende Galaxien und zu seinem Überraschen unzählbare Universen ohne Kuben und Lücken, eine Welt in ihrer Fülle, voller Blühen, Wachsen, Fließen und Leben.

Erschöpft von all den Eindrücken lässt Viorel sich wieder auf seinen Stuhl sinken, den Blick auf das faustgroße Loch gerichtet, durch das sich die gesprungene Knospe nach draußen schummelt. Er kann nicht glauben, dass sich diese bunte Welt da draußen befindet. Aufgeregt reißt er an den Kanten des Lochs und klopft sich ein Fenster hinter seinem Monitor frei. Doch vor ihm eröffnen sich nur die bekannten grauen Straßen und glatten Kanten der kubischen Stadt. Vor der sich jedoch jetzt eine gelbe Blume erhebt.

Die Stadt, in der unsere Geschichte spielt, ist eine nach außen hin unangreifbare, perfekte Maschine, deren Aufgabe es ist, mehr zu produzieren, mehr zu werden, mehr zu sein. Sie wächst in die Höhe und Breite, Kubus für Kubus. Eines Tages schummelte sich eine kleine gelbe Blume durch ihre starren Wände, an deren Seite sich von Tag zu Tag weitere zarte Blüten in allen erdenklichen und unglaublichen Farben und Formen reihten. Und am anderen Ende saß Viorel an seinem Monitor, einer von vielen Gärtnern der kubischen Stadt, Träumer und Erschaffer neuer Welten aus dem zweidimensionalen rechteckigen Raster, den unendlichen Tabellen, unter die sich die kubische Stadt geworfen hatte. Doch im Gegensatz zu den anderen Gärtnern erkannte Viorel das wahre Wesen des Wachsens, indem er Lücken erschuf. Ein Fenster in seinen Kubus. Ein Fenster in seine Gedanken. Ein Fenster in sein Inneres. Und so blühte Viorels Garten.

Es dauerte nicht lange, bis die Nachbarn und anderen Stadtbewohner von dem kühnen Gärtner der kubischen Stadt erfuhren und neugierig von den Straßen auf das Loch in seinem Kubus und dem daraus wachsenden üppigen Garten linsten. Es dauerte nicht lange, bis die ersten sich näher heranwagten, bis sich ganze Menschentrauben um seinen Garten scharrten und staunten. Bis jeden Tag tausende an sein Fenster strömten, um einen Blick in seine Welt zu erhaschen. Viorel ließ seinen Garten blühen, es erfüllte ihn mit Stolz und Freude, den Garten zu gestalten und den Nachbarn zu präsentieren. Ihnen eine Welt zu eröffnen, ihnen den kühlen Nordwind ins Gesicht zu blasen, einen Urwaldregen über sie hereinbrechen zu lassen, sie auf einer Welle abzuholen, mit ihnen an die Steilküste zu brechen, sich in tiefe Höhlen zu graben oder in die Lüfte abzuheben. Er war dankbar für die Besucher, es erfüllte ihn mit großer Dankbarkeit, ihnen zugleich Zugang zu einer Welt voller Kreativität und Fantasie ermöglichen und ihnen gleichzeitig ein Kompass sein zu dürfen. Es erfüllte ihn mit unendlicher Lebensfreude, dass sie ihn und seine Lücke annahmen. Dachte er.

Bis sich die ersten an seinen Garten schlichen und versuchten, ein Stück davon mitzunehmen und schließlich selbst ein Teil davon zu werden.

Als die erste Blüte unter den Fingern der gierigen Nachbarn brach, war es Viorel, als zögen sie an seinen Händen und Füßen, als würden sie ihn zerreißen.

Das Gedränge vor Viorels Fenster war groß, es wurde geschrien und diskutiert, über die Farben, die Größe, die Arten der außergewöhnlichen Pflanzen in seinem Garten. Die Bewohner der kubischen Stadt versuchten, ihnen Namen zu geben, sie in bekannte Formen zu pressen, um sie zu verstehen. So sehr der exotische Garten auch faszinierte, der Blick der Bewohner auf ihn blieb gleich. Kubisch. Und so versuchten sie, den Garten zu formen, ihn zu ihrem zu machen.

Eine Stadt wie diese schreibt keine Geschichten, ihre Wände bleiben glatt und unbeschrieben. Jedes Schlummern in ihrem tiefsten Inneren, jedes Pochen wird irgendwann in die einzig richtige Form gedrückt. So auch ein kleiner gebeugter Mann, der sich jeden Morgen zur selben Uhrzeit, die ihm die grell erleuchtete Anzeige über seinem Kopf auf seine Linse brennt, das Sandkorn aus dem inneren Augenwinkel pult.

Der Mann, nennen wir in Viorel, streicht sich mit den Handflächen den Schlaf aus dem Gesicht, bis sich ein Kribbeln auf seine Haut legt. Dann richtet er sich auf, macht die zwei ihm vertrauten Schritte aus seinem Bett an den Schreibtisch. Viorel betätigt den unentwegt rot leuchtenden Knopf am Kaffeespender, der stets griffbereit neben dem ebenso ewig flimmernden Monitor steht. Viorel arbeitet den ganzen Tag, er bestückt seinen immer blühenden Garten, erschafft Welten und Leben und teilt sie mit seinen Nachbarn, die von Tag zu Tag mehr werden. Er ersetzt die gebrochenen Blumen, versucht den Lärm vor seinem Fenster zu ignorieren, dreht stattdessen das Meeresrauschen, den Wind und das Pochen in seinem Inneren lauter. Er ist gerne Gärtner der kubischen Stadt, jedes Glitzern und Staunen in den Augen der Besucher lässt ihn und seine Welten wachsen, sein Innerstes nach außen wachsen. Und er ist dankbar dafür. Es ist sein Privileg und seine Aufgabe.

Doch obwohl Viorel seine Fenster geöffnet hat, so bleibt doch eines für immer geschlossen: seine Tür.

Lücken waren eines der Dinge, die die Menschen in der kubischen Stadt fürchteten. Lücken bedeuteten Verlust, ein Loch in dem raumzeitlich vollkommenen Werk, das sie Leben nannten. Viorel hatte aus einer Lücke unendliche Welten und Leben erschaffen. Doch nichts fürchtet er mehr als den Tag, an dem jemand in seine Lücke eindringen würde, jemand durch den Garten in sein Innerstes steigt. Nichts fürchtet er mehr, als dass seine Lücke in angreifbar macht. Und doch wünscht er sich nichts mehr, als jemanden in seine Welt zu lassen und gemeinsam neue Welten zu erschaffen. Er sehnt sich danach, die Tür zu öffnen, doch da stehen tausende Bewohner der Stadt davor, die drängen und raufen, um näher heranzukommen. Nichts fürchtet Viorel mehr, als dass sie ihm eines Tages die Tür einrennen. Und seine Welt zu ihrer machen. Eine kubische Stadt.

Doch in ihrem tiefsten Inneren schlummert eine Gewalt, ein tiefes Grummeln, ein immer lauter werdendes Pochen. Das wächst und erschafft und lebt. In jedem Menschen. Doch nur die wenigsten lassen ihren Garten blühen, ohne in dem der Nachbarn zu wühlen. Und noch weniger teilen den Schatz, der sich in seinem Innersten befindet. Nur eine Handvoll Menschen, wenn nicht sogar nur einer, hält und beschützt deinen Schatz mit bedingungsloser und unformbarer Ehrfurcht und Dankbarkeit.

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