Vom Rennen

Ich erinnere mich noch, vielleicht war es in der fünften oder sechsten Klasse. Es war Sommer und sonnig und heiß und ich hasste diese Tage, diese Schultage, an denen Sport auf dem Stundenplan stand. Dann zogen wir uns in der Turnhalle um und marschierten mit schlechtsitzenden Sporthosen durch die Stadt zum Sportplatz. Ich mochte diesen Weg, weil er uns vom eigentlichen Sport abhielt, uns wertvolle, für die Lehrer wertvolle Minuten raubte. Ich mochte auch meine Lehrerin, diese mochte ich, denn sie mochte auch mich, trotz schlechtsitzender Hose und rot angelaufenem Gesicht und schlechten Messwerten. Sie mochte mich gerade wegen der schlechtsitzenden Hosen und roten Backen, weil ich mich anstrengte, stolze, wenn auch schiefe Pirouetten drehte. Doch im Sommer drehten wir keine Pirouetten, sondern wir rannten im Kreis.

Ich hasste diese sonnigen Tage, nicht die Sonne, nicht den Weg, nicht die Lehrerin, aber das Ziel. Und so liefen wir mit den schlechtsitzenden Hosen und ersten Schweißperlen in den Augenbrauen durch die Straßen über Ampeln, in Zweierpärchen, theoretisch, geordnet, bis an jenem Tag, an jener Ampel.

Ich lief, marschierte in meiner schlechtsitzenden Hose auf das grüne Signal zu, doch kurz bevor ich die Straße betreten konnte, wechselte das Licht die Farbe und ich blieb stehen. Wie ich immer stehen blieb. Stehenbleiben musste. Weil ich es immer tat. Ich blieb stehen und sah meine Freundin im Augenwinkel an mir vorbeilaufen, im Schwung. Auf der anderen Straßenseite drehte sie sich um und schaute mich an.

Ich blieb stehen. Zögerte. Zu lange. Mein Körper stand, während mein Kopf weiter das Signal gab zu gehen. Und dann ging ich. In dem Moment, als der Autofahrer das Okay bekam, aufs Gas zu drücken. Und ich betrat die Straße. Wusste im selben Moment, dass es falsch war, doch mein Kopf gab weiter den Befehl zu gehen, nein, zu laufen, und ich lief, hastete auf die andere Straßenseite, rannte, rannte auch auf der anderen Seite noch weiter, an meiner Freundin vorbei, ich spürte die Blicke in meinem Rücken, hörte die Stimme meiner Lehrerin, ich wusste, dass es falsch war, ich hasste das Rennen und jene Sommertage, nicht die Lehrerin, nicht den Weg. Doch das Rennen. Ich lief schnell genug, um vergessen zu machen, die Freundin, den Autofahrer, die Lehrerin. Ich vergaß nicht.

Dann blieb ich stehen. Jahre vergingen, unzählige Ampeln, viele solcher Sommertage, irgendwann ohne schlechtsitzende Sporthosen und Zweierpärchen und Lehrerin. Stattdessen mit Jeans und Handtasche und Feierabendblick in einer anderen Stadt. Ich blieb stehen, als die Ampel von Grün auf Rot schaltete, die Handtasche am Knie baumelnd. Ich hörte die Sirene Sekunden vorher, ich hörte sie, daran erinnerte ich mich. Ich hörte sie, als die Ampel auf Grün umschlug, als mein Kopf den Befehl gab zu gehen, ich hörte sie, als ich ging. Ich ging. Und so taten es auch andere, viele andere, alle anderen neben mir, bis sie plötzlich stehenblieben. Und ich ging, warf den Kopf zur Seite, hörte die Sirene, hörte sie immer noch, aber jetzt sah ich sie auch und meine Beine stemmten sich gegen den Boden, ich blieb stehen. Doch mein Kopf sendete immer noch das Signal zu gehen. Ich betrat die Straße. Wusste im selben Moment, dass es falsch war, doch mein Kopf gab weiter den Befehl zu gehen, nein, zu laufen, und ich lief, hastete auf die andere Straßenseite, rannte, rannte auch auf der anderen Seite noch weiter, in den Bahnhof, in Richtung Bahngleis, ich spürte die Blicke in meinem Rücken, hörte die Sirene, das Zischen, als würde sie direkt an meinem Ohr vorbeifahren. Ich wusste, dass es falsch war. Schnappte nach Luft, als ich den Bahnsteig betrat, mit schlechtsitzender Jeans und roten Backen und Schweißperlen in den Augenbrauen und Atemlosigkeit im Herzen, diesem Druck. Ich erinnerte mich.

Ich stehe am Bahngleis, mein Körper steht, mein Kopf steht, und ich frage mich, ob es dasselbe Gefühl ist. Ob es dieses Gefühl ist. Wenn sie gehen. Wenn sie das Rauschen hören, schon Sekunden vorher hören und sie gehen, gehen weiter und der Körper bleibt stehen, doch der Kopf gibt weiter das Signal zu gehen. Und sie betreten das Gleis, hören das Rauschen, ich höre das Rauschen, spüre den Zugwind. Und ich bleibe stehen. Oder vielleicht ist es genau anders, der Kopf schreit, doch es ist laut im Bahnhof, zu laut, und die Hose sitzt schlecht, und der Kopf bleibt stehen, die Backen sind rot und du hasst solche Tage, nicht den Weg, sondern das Ziel. Du weißt, dass es falsch ist. Und dann gehst du.

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2 Gedanken zu “Vom Rennen

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