Mein Leben in der Prostitution – ein kurzes Aufbegehren

Heute ist mein erster Arbeitstag. Zu einer mir unüblich frühen Tageszeit fahre ich mit der U-Bahn in die Innenstadt. Die erste Rushhour ist schon abgeklungen, ich reihe mich unter hastig über den Bahnsteig eilende Anzugträger mit strammen Aktentaschen, verschlafenen Studenten und den ersten Rentnern mit der Tageszeitung. Selbst um diese Uhrzeit rennen die Menschen, vielleicht sogar schneller, als würde ihnen der Tag entgleiten, hier trennen sich die Berufstätigen von den Rentnern, sie eilen zur Arbeit, als verfolgte sie die Stechuhr, als verfolgten sie das weiße Kaninchen, und ich eile ihnen hinterher. Es ist mein erster Arbeitstag und ich beginne mich schon jetzt, hier auf dem Bahnsteig, im Strom der Menschen, zu ekeln. Vor ihnen, vor diesen Tagen, vor dem Leben, das mich erwartet. Während ich mich dem Rhythmus der Stadt anpasse, beginnt mein Kopf aus Protest gegen den Takt zu summen.

Während wir auf den anschließenden Bus warten, erklärt eine junge Frau ihrem Kollegen, beide einen Kaffeebecher in der Hand, ihren heutigen Arbeitsablauf, mit mir unverständlichen Begrifflichkeiten, aber mit einer Eindrücklichkeit, ihre Stimme wechselt von bierernst zu wütend zu leise seufzend, als gäbe es nichts Wichtigeres auf dieser Welt, als hinge ihr Leben davon ab. Und ihr Kollege nickt und nickt, nippt an dem Becher, er nickt und hmt und setzt eine ebenso ernste Miene auf, die beiden bilden eine Allianz in ihrem kleinen Universum, dessen Bedeutsamkeit wir von außen nicht erkennen können. Wir steigen in den Bus.

Je näher wir kommen, desto stärker wird der Widerstand in meinem Körper. Das Gefühl, mich verkauft zu haben. Es gibt keinen anderen Grund, warum ich hier bin. Wenn ich das Geld nicht bräuchte, würde ich jetzt andere Dinge tun, auch die junge Frau und ihr Kollege würden jetzt andere Dinge tun, sie würden andere Dinge bedeutsam finden, vielleicht sich auch weiterhin belügen. Ich würde wahrscheinlich noch schlafen, tagsüber viele Stunden lang Serien gucken, ich würde zuerst Dinge tun, die mein Leben auch nicht sinnvoller gestalten würden. Doch spätestens ab der zweiten Woche würde ich mich an den Schreibtisch setzen und schreiben. Ich würde regelmäßig zu den Vereinstreffen gehen und mir neue Initiativen überlegen, ich würde mir noch ein Ehrenamt suchen, vielleicht Geschichten im Seniorenheim vorlesen oder im Tierheim aushelfen, noch eine Fremdsprache lernen, Cello spielen, nach Dänemark fahren.

Ich frage mich, ob all die Menschen im Bus hier wären, würden sie kein Geld bekommen für das, wohin sie gerade fahren. Ich würde es nicht tun. Wenn nicht für die Rente, das Haus, die Kinder, die Hochzeit, das Auto, den Urlaub. Ich würde es nicht tun. Für die hypothetische Rente, die hypothetische Hochzeit, die hypothetischen Kinder, das hypothetische Haus, den hypothetisch obligatorischen 08/15-Urlaub.

Sobald wir morgens in den Bus steigen, verkaufen wir unsere Gedanken, unsere Ideen, unsere Kraft, unsere Zeit, uns. Wir verkaufen uns für die Vorstellung eines perfekten Lebens. Für angebliche Sicherheit. Und investieren das so gewonnene Geld genau in diese Illusion.

Du sollst von der Arbeit nicht mehr Sinn verlangen, sondern mehr Geld. Und so werden wir alle Prostituierte. Ich würde lieber meinen Körper verkaufen als meine Seele. Nein, ich will mich gar nicht verkaufen. Und auch nichts kaufen. Ich will mein Leben nicht mit Geld messen. Ich will wieder nach Hause.

In mein gekauftes Bett in meiner gemieteten Wohnung mit dem abonnierten Streamingdienst und dem bestellten Essen. Ich seufze, steige aus und betrete das Büro.

 

 

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