Ein Gruß und seine Folgen

Es ist Dienstagmorgen, der Dienstag nach dem verschlafenen Osterwochenende, ein mindestens genauso, wenn nicht noch verschlafener Tag. Auf dem Weg zur Arbeit fixieren meine Augen die Pflastersteine am Boden, ich sehe sie nicht wirklich, beachte nicht die Rillen und ob ich sie berühre. Und wenn ich aufblicke, um das Signal an der Ampel zu überprüfen oder ziellos irgendetwas im grauen Himmel oder den ebenso grauen Gebäuden zu suchen, dann weht mir nur der Wind die Haare vors Gesicht oder die Haare der Passanten in deren Gesichter, die ich nicht weiter beachte.

Doch dann, auf dem Weg zur nächsten Kreuzung, an der Ecke eines Hotels, läuft mir ein Mann entgegen. Ich bemerke seine grauen Konturen, sehe seine Beine, bevor ich den Rest sehen kann. Irgendetwas lässt mich aufblicken. Sein Blick. Er sieht mich an. In mein Gesicht.

„Morgen!“, ruft er und ist im selben Moment an mir vorüber, nimmt noch ein von mir verhaspeltes „Mn“ mit. Wir laufen beide weiter, er in seine Richtung, ich in meine Richtung. Ich sehe mich nicht um. Doch ich fokussiere meinen Blick. Ich sehe sein Gesicht vor mir, doch ich erkenne es nicht. Hat mich gerade ein wildfremder Mann auf den anonymen Straßen der Großstadt gegrüßt?

Ich beginne zu grübeln. Das kann kein Zufall sein. Keine zufällige, automatisch gemurmelte Freundlichkeit. Sein offener Blick, seine Bestimmtheit. Die Bestimmtheit, dass dieser Gruß in diesem Moment genau mir und niemand anderem gewidmet war. Ob er mich mit jemandem verwechselt hat?

Ich muss an meine Papierherzen denken. Ob er auch eine Mission hat? Ob er sich vorgenommen hat, jeden Menschen auf der Straße zu begrüßen?

Oder vielleicht hat er meinen gesenkten Blick gesehen, den schweren Kopf mit den noch schwereren Gedanken. Das Bedürfnis gehabt, mir ein Hallo zu schenken, seine Aufmerksamkeit, meine Aufmerksamkeit. Dass ich auftauche. Aufwache. Den Kopf hebe.

„Morgen!“ Seine Stimme hängt noch in meinem Ohr. Vielleicht war es nur ein einfacher Gruß. Eine einfache, alltägliche menschliche Geste. Für ihn selbstverständlich, nicht der Rede wert, schon vergessen. Doch in meinen schweren Kopf mit den noch schwereren Gedanken hat sich eine kleine Seifenblase gesetzt. Die Vorstellung, dass es kein Zufall war. Dass der Gruß in diesem Moment genau mir gegolten hat. Und er mir etwas geschenkt hat, was jedes Papierherzchen überflüssig macht.

Er hat mich gerufen, als ich verschwinden wollte.

18. April 2017, Hamburg Straße

Was es mit den Papierherzchen auf sich hat, könnt ihr hier nachlesen.

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