Vom Kämpfen und Versöhnen: Homosexualität in der katholischen Kirche

Ein Gespräch mit meinem katholischen Vater und seinem Lebensgefährten.

Während eines winterlichen Spaziergangs am Neujahrstag, einen Monat vor seinem Coming-out, erzählte mir mein Vater eine Geschichte. Seine Geschichte mit Gott. Er erzählte mir von einem langen Gespräch mit einem Pfarrer, einer schlaflosen Nacht, einem Gebet. Von dem Tag, als Gott zu ihm kam und ihm die Liebe schenkte.

Seit über sieben Jahren lebt mein Vater nun mit seinem Lebensgefährten zusammen. Der ist vor fünf Jahren aus der katholischen Kirche ausgetreten, während mein Vater bleibt. Die katholische Kirche stuft homosexuelle Handlungen als moralische Unordnung ein und lehnt Ehen zwischen gleichgeschlechtlichen Paaren eindeutig ab. Homosexuelle in bestimmten kirchlichen Ämtern, die ihre Neigungen ausleben, haben um ihre berufliche Existenz zu fürchten. Der Kirchenaustritt des Lebensgefährten meines Vaters sowie das Bleiben meines Vaters ist für beide jeweils eine bewusste Entscheidung. Ich wollte herausfinden, wie das zusammenpasst, und habe die beiden gefragt: Katholisch und schwul – geht das?

Beide glauben an Gott, eindeutig, mit Überzeugung. Bei der Frage, welcher Religion, Konfession, Glaubensrichtung sie sich zugehörig fühlen, gründet der Lebensgefährte meines Vaters spontan eine neue Religion. Seine eigene. Wenn er sich verorten müsste, dann irgendwo zwischen Christ und Buddhist. Zwischen seinem Glauben an den einen Gott und seinem Sinn fürs Spirituelle, seinem Wunsch nach einem friedlichen und achtsamen Umgang mit dem Menschen.

Mein Vater ist Christ, katholisch, er beginnt zu stammeln, auch er habe seine eigene Kirche, die nicht den offiziellen Regeln der katholischen Kirche entspricht. Auf dem Papier ist er römisch-katholisch, sagt er, er sagt es, als müsste er ein Formular ausfüllen. Doch wenn er dann von seiner Beziehung zu Gott und der Kirche erzählt, dann wird seine Religionszugehörigkeit fast so etwas wie sein Geburtsort, ein Ort, der ihn nicht nur auf Papier sein Leben lang begleitet und erinnert.

„Er blendet das Negative aus, damit er weiter in die Kirche gehen kann“, sagt sein Lebensgefährte mit einem Seitenblick zu meinem Vater. Beide lachen verlegen. Mein Vater nimmt Opfer in Kauf, sein Lebensgefährte zieht die logische Konsequenz aus der Beschäftigung mit der Institution Kirche und ihren Glaubensansichten. Doch beide sind pragmatisch. Für Toleranz und Freiheit, für ihre Rechte kämpfen, das müssen sie nicht. Nichts hält sie davon ab, Teil von Gottes Gemeinde zu sein, als Gläubige, als Homosexuelle, als Ausgetretener. Sie sind dort nicht allein. Die Kirchentüren stehen weiterhin offen. Und die Arme Gottes sind es sowieso.

„Es steht ja kein Wärter an der Tür und kontrolliert, ob du ausgetreten bist“, sagt der Lebensgefährte meines Vaters. Durch den Kirchenaustritt hat er nichts verloren. Außer die Blockade. Den schlechten Beigeschmack. Durch die Beschäftigung mit seiner eigenen homosexuellen Identität hat er sich auch mehr Gedanken zur Kirche und ihrer Einstellung zu diesem Thema gemacht. Er hat recherchiert, sich informiert, in die Geschichte und Organisation der Institution geschaut. Die Büchse der Pandora geöffnet. Bis er sich nicht mehr mit der Kirche identifizieren konnte. Dafür ist der Glaube stärker geworden, mit dem Kirchenaustritt und dem Coming-out wuchs die Überzeugung für Gott.

„Ich hab ja jetzt persönlich keine schlechte Erfahrung gemacht“, sagt mein Vater. Ein Kirchenaustritt sei in seinem Fall nicht notwendig, seine Identität stehe mit der Kirche nicht in Konflikt, das Negative betreffe ihn nicht persönlich. In der Kirche findet er Gleichgesinnte, Gesprächspartner, einen Ort, um gemeinsam den Glauben zu feiern. Gespräche mit Pfarrern, Gebete und der ständige Dialog mit Gott haben ihn im Prozess seines Coming-outs unterstützt. Dabei, sich selbst zu akzeptieren, sich der Welt zu öffnen, seiner Familie. So auch in jener schlaflosen Nacht, als Gott plötzlich ganz bei ihm war.

„Ich bin, wie ich bin“, erinnert sich mein Vater an die Überzeugung, die sich mit Gott in sein Schlafzimmer, in sein Herz geschlichen hat. „Ich bin gewollt.“ In jener Nacht durfte er erleben – und mich beeindruckt die Betonung auf das Modalverb -, geliebt zu werden. Bedingungslos. Die Zuversicht ist seitdem nie mehr gewichen. Auch bei all den Schwierigkeiten nach dem Coming-out.

Die Kirche ist ein Teil von ihm. Er ein Teil der Gemeinschaft. Und im Kontakt, im Dialog mit dieser Gemeinschaft ist er bereit, sich zu versöhnen. Denn auch das ist ein wesentlicher Teil des Glaubens. Mein Vater geht gerne in die Kirche. Die Atmosphäre zieht ihn in den Bann, die Stimmung in dem prachtvollen Gebäude. Die bringt auch seinen Lebensgefährten wieder in die alten Gemäuer. Aus dem Gottesdienst nimmt er nicht mehr viel mit, im Gegensatz zu meinem Vater. Der erinnert sich an das Gefühl, das er schon als kleiner Junge hatte, die Faszination, das gemeinsame Singen. Der Gottesdienst hat für ihn viel Schönes, mal mehr, mal weniger. Warum von etwas austreten, in das er gerne eintritt? In der Kirche findet er den Bund mit Gott, einen Ort, an dem alle Menschen vor Gott gleich sind, die Essenz des Glaubens. Unter dem Dach Gottes, seinem Glauben, fühlt er sich geborgen. Sobald der Mensch beginnt, auf das Dach zu steigen und von oben zu regieren, beginnen die Probleme. Oder, wie beide immer wieder betonen: Gott ist nicht das Problem, sondern die Menschen.

Die Obrigkeit ist das Problem, die Hierarchie.

„Pfarrer sind Sklaven“, sagt mein Vater. Er und sein Lebensgefährte sind frei, im Dialog mit Gott und ihrem Glauben frei geworden. In der Gemeinde selbst stoßen sie auf viel Toleranz und Gemeinschaft. Für sie ist auf den Bänken unter dem Dach Gottes genug Platz, vor allem, nachdem die Kirchen sowieso immer leerer werden; in die Kirche meiner alten Gemeinde, in der ich aufgewachsen bin, kommen kaum noch junge Leute, erzählt mein Vater.

Doch was ist mit denjenigen, die im Haus Gottes angestellt sind? Mein Vater und sein Lebensgefährte kennen viele Homosexuelle in der katholischen Kirche. Gemeindemitglieder, aber auch Angestellte, Amtsträger.

„Die leiden natürlich, haben Gewissensbisse“, erklärt mein Vater. Ich bekomme immer mehr das Gefühl, dass ich die Frage „Katholisch und schwul – geht das?“ diesen Menschen stellen sollte. Obwohl, die Antwort ist vorhersehbar. „Versteckte Homosexuelle“, so werden sie genannt, so nennen auch mein Vater und sein Lebensgefährte sie, doch aus ihren Erzählungen wird klar, dass sie nicht wirklich ein Geheimnis sind. Ein offenes Geheimnis, an dem Existenzen hängen, sollte es offiziell werden. Existenzen auf beiden Seiten. Katholisch und schwul, das geht hier nicht.

Es gibt homosexuelle Pfarrer, die in der Öffentlichkeit von der Unmoral und Sünde von Homosexualität predigen, erzählen mein Vater und sein Lebensgefährte. Sie nennen Namen. Ich muss schlucken. Das Ganze stimmt mich traurig. Ich schaue in die verpixelten Gesichter der beiden Männer am anderen Ende des Videochats, ich sehe meinen Vater, wie er heute ist, Schulter an Schulter mit seinem Lebensgefährten vor die Webcam gequetscht. Und ich sehe mich wieder an seiner Seite an jenem Januartag, einen Monat vor seinem Coming-out, wie wir nebeneinander unseren Weg über die schneeverwehten Pfade suchten.

„Ich wünsche mir, dass du das auch einmal erfährst“, sagte mein Vater an jenem Tag, nachdem er mir von seiner Begegnung mit Gott erzählt hatte. Erst einen Monat später, oder vielleicht auch erst Jahre später, verstand ich, was er wirklich damit meinte. Vielleicht verstehe ich es auch erst heute.

Die Kirche ist zu kompliziert. Darin sind sich mein Vater und sein Lebensgefährte einig.

„Einfach jeden Menschen achten“, wünscht sich mein Vater.

„Für den Glauben an sich braucht es die Institution Kirche nicht“, ist sich sein Lebensgefährte sicher. „Durch Gott sind sowieso alle miteinander verbunden.“

Wenn sich die Kirche ändern würde, wäre der Lebensgefährte meines Vaters auch dazu bereit, wieder einzutreten. Schön wäre es. Doch die Hoffnung ist gering. Auch mein Vater glaubt nicht daran. Und ob sie persönlich etwas daran ändern können? Sie zucken mit den Schultern. Sollten wir nicht etwas daran ändern?

Ich werde unruhig. Ich höre die Abgeklärtheit in ihren Stimmen, wenn sie von der Institution Kirche, den Regeln, der Obrigkeit sprechen. Von den Diskrepanzen zwischen den Gläubigen und der von oben – nicht von ganz oben – konstruierten und konstituierten Glaubenslehre. Gleichzeitig höre ich diese Versöhnlichkeit, wenn sie von Gott, dem Glauben, dem Ort der Kirche erzählen. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass wir etwas übersehen. Es scheint alles viel zu einfach. In der Kirche zu bleiben oder auszutreten, beides scheint keinen großen Unterschied zu machen. Zumindest nicht global gesehen. Sollten sie nicht wütender sein? Ich verstehe meinen Vater. Ich verstehe seinen Lebensgefährten. Ich verstehe ihren Standpunkt, ihre Handlungen, die Konsequenzen, die sie aus ihrem Glauben und der Beschäftigung mit ihrer Identität gezogen haben. Sie haben ihren persönlichen Kampf gekämpft.

Doch da ist dieses Mädchen an einem verschneiten Januartag, schweigend an der Seite seines Vaters, der ein Geheimnis mit sich trägt. Und einen väterlichen Wunsch.

„Ich wünsche mir, dass du das auch einmal erfährst“, sagte er.

Ich bin wütend. Es gibt nur eine Konsequenz. Ich trete aus der Kirche aus, die die Identität und Liebe meines Vaters als Sünde erklärt. Und dann trete ich aus Deutschland aus, bis mein Vater den Menschen heiraten kann, den er liebt. Und dann trete ich allen gegen das Schienbein, die die Liebe, die Lebensform meiner Eltern, meiner Kinder, mich zu beurteilen wagen. Die genau zu wissen glauben, was Gott will.

Oder ich bleibe. Ich erhebe die Stimme für die, die es nicht können. Sich nicht trauen. Ich trete, zerstampfe die Ignoranz. Die Ignoranz einer Kirche, die einem Ideal hinterherläuft, von dem sie selbst weiß, dass es nicht erfüllbar ist, dass ein Mensch es nicht erfüllen kann. Demnach ist jedes menschliche Handeln über kurz oder lang ein Scheitern. Die Ignoranz einer Kirche, die niemals zugeben würde, dass sie dich ausstößt, obwohl sie einen Teil von dir ablehnt. Auch wenn keiner mit Steinen nach dir wirft, so drücken sie dir doch einen Stempel auf. Du und dein Handeln sind unmoralisch, falsch. Und dann halten sie dir die Tür auf.

„Ich überlege, aus der Kirche auszutreten“, eröffne ich meinem Vater und seinem Lebensgefährten am Ende unseres Gesprächs. Sie nicken. Raten können sie niemandem, ob sie austreten sollen oder nicht. Außer aus steuerlichen Gründen. Das ist eine Entscheidung, die jeder für sich treffen muss. Aus steuerlichen Gründen? Sollten wir nicht alle austreten, aus Protest, aus Solidarität, aus Überzeugung?

Ich frage sie, ob ich bleiben soll. Ob ich mehr erreichen könnte, verändern könnte, wenn ich in der Kirche bliebe und von drinnen für meine und die Rechte anderer kämpfte?

„Das kannst du auch von draußen“, sagt der Lebensgefährte meines Vaters.

Nachdem wir uns verabschiedet haben und ich das Gespräch Revue passieren lasse, wird mir klar, dass die beiden mir nicht die Antworten gegeben haben, die ich erwartet hatte. Ich hatte mir ihren Kampf anders vorgestellt. Ich frage mich, ob sie sich belügen, ob sich mein Vater belügt, wenn er glaubt, dass das Negative ihn nicht persönlich betrifft. Ob sich alle belügen, die dort in den Bänken nebeneinander sitzen und glauben, dass sie willkommen sind. Weil ihr Glaube an Gott über die menschlichen Fehler hinwegsieht. Hinwegsehen möchte. Ich weiß nicht, ob ich diesen versöhnlichen Umgang bewundern soll. Ziehen sie sich nicht aus der Verantwortung? Ist bleiben oder austreten nicht beides eine viel zu einfache Lösung? Ich hatte mir ihren Kampf anders vorgestellt. Mit mehr Kampf, mehr Konflikten. Wütender. Bis ich verstehe, dass ihr Kampf ein anderer war. Es ist nicht die Kirche. Sie haben lange und hart genug gekämpft, für ihre Identität, ihre Familien, für sich selbst und die Menschen, die sie lieben. Wie wichtig sind da noch die verbitterten Männer in einer alten Institution, solange Familie und Freunde, ein Großteil der Gemeinde die Tür öffnen? Es wird Zeit für eine Versöhnung.

Aber mein Kampf ist noch nicht zu Ende.

„Ich weiß noch, wie du als Kind Pfarrerin werden wolltest“, sagte mir meine Mutter letztens am Telefon. „Dazu bin ich noch nicht männlich genug geworden“, habe ich lachend geantwortet. Doch eigentlich ist mir nicht zu Lachen zumute.

Ich bin enttäuscht. Dass sich über all die Jahre nichts geändert hat. Über das schleichende Gefühl, dass sich auch nichts ändern wird. Über das Schulterzucken meines Vaters und seines Lebensgefährten. Darüber, dass ich nichts verändert habe. Habe ich es denn versucht?

Sollten wir nicht die Scheinheiligkeit der Kirche durchbrechen und ein eindeutiges Urteil fällen? Handeln?

„Man kann ja immer wieder eintreten, die sind doch froh, wenn du wiederkommst, die nehmen dich mit Handkuss“, sagt der Lebensgefährte meines Vaters. „Dann müsste ich mich ja eindeutig für die Kirche entscheiden, ich glaube nicht, dass das passiert“, antworte ich. Aber eindeutig dagegen?

Haben wir Angst, dass ein Nein zur Kirche ein Nein zu Gott ist? Haben wir Angst, Gott allein gegenüberzutreten? Mir schwirren die Worte des Lebensgefährten meines Vaters durch den Kopf.

„Durch Gott sind sowieso alle miteinander verbunden.“

Ich wünsche mir, dass die Kirche das auch einmal erfährt. Und wenn ich ehrlich bin: nicht nur die Kirche. Ich bin bereit zu kämpfen. Zu einer Versöhnung bin ich noch nicht bereit.

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6 Gedanken zu “Vom Kämpfen und Versöhnen: Homosexualität in der katholischen Kirche

  1. Wow, das ist wirklich ein ganz tiefer, ganz toller Text, der irgendwie ein bisschen in Wellen an mich heran schwappt. Für mich als katholische Theologin/Studentin eine extreme Chance mich diesem Thema aus dieser Sicht zu nähern, die ich ohne deinem Teilen nicht hätte. Wunderschön geschrieben natürlich. Aber besonders der Inhalt ist das was mich hält. Ein Nein zur Kirche, ist ganz sicherlich kein Nein zu Gott. Egal, was sie dir einreden wollen oder was sie zwischen Bibelversen versuchen als ‚Heilsversprechen der katholischen Kirche von Beginn an in der Verkündung‘ zu verkaufen. Zml Bullshit. Und ich darf das sagen. Ich hab das schließlich studiert 😉

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