Ein Abschied

Ich bin umgezogen. Nein, Hamburg wird mich nicht so schnell los, aber ich habe mich vom Osten, dem unterschätzten Stadtteil Billstedt verabschiedet. Die letzten zweieinhalb Jahre habe ich hier unglaublich spannende Menschen und ihre Geschichten kennengelernt, mich in der U-Bahn-Linie U2 heimlich in ihre Welten geschummelt. Es wird Zeit, weiterzuziehen. Auch in meinem neuen Wohnort gibt es viel zu entdecken, die S-Bahn, die Nachbarschaft und die Menschen, die Hamburg zu dem machen, was es ist: vielfältig und lebendig.

Heute war ich wohl zum letzten Mal in der alten Wohnung in Billstedt, um noch Post abzuholen. Und ich hatte noch eine Mission offen. Ich wollte mich von meiner Nachbarin verabschieden. Die Nachbarin, die Wand an Wand zu meinem Schlafzimmer wohnte, ist achtundachtzig Jahre alt. Ich habe sie gleich nach meinem Einzug kennengelernt, weil ich nicht mehr in die Wohnung kam, die Tür klemmte und sie hatte einen Ersatzschlüssel, das wusste ich von meiner Mitbewohnerin.

Und so stapfte eine kleine gebückte Frau an meine Wohnungstür, ruckelte einmal fest daran und öffnete sie mir in einem Schwung. Ich schämte mich ein bisschen. In unserem Gespräch stellte sich heraus, dass sie Verwandtschaft in Bayern hatte, nicht weit von meinem Heimatort entfernt. Sie bekäme immer Kopfschmerzen vom Föhn, wenn sie runterfährt, meinte sie, und ihre Verwandtschaft hätte in Hamburg stattdessen immer Halsschmerzen vom Wind. Es war mir, als läge darin das ganze Geheimnis des bayerisch-hamburgischen Kulturschocks, der sich damit für mich auflöste.

Ich traf nicht oft auf meine Nachbarin, sie war meistens früher unterwegs als ich fauler Student. Wenn ich dann doch auf sie traf, wie sie gerade mit ihrem Gehwagen in Richtung Apotheke aufbrach, dann schickte sie mich nach einem freundlichen Gruß schnell von dannen, dass ich meine U-Bahn nicht verpasse. Bei einer dieser Begegnungen erzählte sie mir davon, dass sie gerade vom Arzt käme. Das dritte Mal Brustkrebs. Jetzt müsse die Brust wohl ab. Aber eine Operation noch in ihrem Alter? Sie schickte mich mit dieser Frage zur U-Bahn.

Meine Nachbarin war die lebendigste und agilste Ende Achtzig-Jährige, die ich mir vorstellen konnte. Einmal die Woche kam eine junge Dame vorbei und half ihr im Haushalt und beim Einkaufen. Doch den Rest machte sie alleine, sie putzte und kochte viel.

Zu Weihnachten brannte ein helles Licht am Fenster meiner Nachbarin, zu Ostern baumelten am Strauch im Garten bunte Plastikeier. Und fast jeden Abend um Punkt acht Uhr drang der Jingle der Tagesschau durch die Wände und ich freute mich, sie am anderen Ende der Mauer zu wissen.

Ich wollte mich heute von ihr verabschieden. Ich klingelte an der Tür und wartete. Wenn man an der Tür meiner Nachbarin klingelte, musste man eine Weile warten, ehe man am anderen Ende der Tür ein Schloss knacken hörte. Dann noch eins und noch eins. Dann öffnete sich die Tür für einen kleinen Spalt, den eine Türkette hielt, und etwa auf Brusthöhe lugte ein weißer Wuschelkopf mit kleinen Augen misstrauisch nach draußen. Wenn sie mich erkannte, drang ein helles „oh!“ durch ihre Lippen und ein faltenreiches Lächeln breitete sich in ihrem Gesicht aus, während sie hastig die Türkette löste. So auch heute.

Ich erklärte ihr mein Anliegen, dass ich umgezogen war und mich von ihr verabschieden wollte. Für einen kurzen Moment schien sie sprachlos, vielleicht sogar etwas geschockt.

„Ich habe mich schon gewundert, wo Sie sind, ich hab Sie gar nicht mehr gesehen, ich habe Sie schon vermisst“, sagte sie.

Ich erzählte ihr von meinem neuen Wohnort und dass ich gerne hier in der Nachbarschaft gewohnt hatte, ich werde sie vermissen.

„Ich freue mich für Sie für die Verbesserung“, sagte sie. Ich war einen Moment verwirrt. Doch sie hatte Recht. Es war eine Verbesserung. Jeder Schritt ein besserer.

Sie drückte meine Hand und ließ sie nicht mehr los. Sie wünschte mir das Allerbeste und ich wünschte es ihr zurück, bedankte mich und sprach meine Bewunderung für sie aus, doch so sehr ich mich auch bemühte, ihr etwas zurückzugeben, sie übertrumpfte mich mit jedem weiteren Wort, jeder weiteren Geste. Man kann gegen eine weise alte Frau einfach nicht gewinnen. Und das will ich auch nicht.

Ich werde sie vermissen. Als ich mich umdrehte und die Stufen zur Straße hinunterging, hörte ich noch, wie sie ihre Wohnungstür ins Schloss fallen ließ, einen Moment verzögert, als würde sie noch einen Wimpernschlag warten, ich hörte den Schlüssel, den sie zweimal drehte, ich hörte die Kette am Holz scheppern und die anderen Schlösser knacken.

 „Ich bin jetzt achtundachtzig, ich hab nicht mehr so lange und man wird halt auch langsamer“, sagte sie. Doch das glaube ich der kleinen wuseligen Frau nicht.

„Und grüßen Sie mir Bayern!“ Das mache ich, das mache ich. Versprochen.

Dann lief ich zur U-Bahn, so wie sie es sich immer gewünscht hatte.

30. Mai 2017, Hamburg

 

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