Wenn es einen Gott gibt

Wir stehen am Bahnsteig und warten auf die verspätete S-Bahn. Am anderen Ende werden Stimmen laut. Ein streitendes Ehepaar. Sie streitet, er schweigt.

„Dann geh ich jetzt eben auf dem Steindamm arbeiten, irgendjemand muss es ja tun, weil du ja nicht arbeitest, das ist dir vollkommen egal!“

Auf ihren hohen Pfennigabsätzen geht sie im wütenden Zickzack über den Bahnsteig und umrundet dabei ihren Ehemann, der teilnahmslos an einer der Säulen lehnt und so tut, als ginge ihn das Ganze nicht an.

„Du bist so ein Arschloch!“, schimpft sie, geht auf ihn zu. Neben ihren hohen Pumps steckt ihr schmaler Körper in einer enganliegenden Jeans und einem schwarzen Oberteil, ähnlich einem Korsett, ihre langen schwarzen Haare sind dünn, ihr Gesicht von Zornes- und Sorgenfalten durchzogen. Ich schätze sie auf etwa Ende vierzig. Und habe eine dumpfe Ahnung davon, wo sie arbeitet. Nicht unbedingt wegen ihres Outfits, mehr wegen ihres harten Schrittes in ihren Pumps, der den Bahnsteig zum Schwanken bringt. Wahrscheinlich ist es auch nur die Brücke unter uns.

Sie steht jetzt wieder vor ihrem Mann.

„Wegen dir hab ich am Montag auch die Therapie verpasst. Doch das ist dir ja scheiß egal, das ist dir scheiß egal!“

Ihre Stimme bricht am Ende des Ausrufs und trifft mich einige Meter weiter unten am Bahnsteig.

„Mein Krebs wächst und wächst, ich sterbe, doch das ist dir scheiß egal!“

Ein Kloß setzt sich in meinen Hals. Ich schiele zu den beiden hinüber und kann nicht glauben, dass ihr Mann noch immer regungslos an der Säule hängt. Es kann sein, dass er in ihren Pausen etwas erwidert, doch seine Stimme ist fast lautlos. Als wäre sie gar nicht da. Und das spürt auch sie.

„Ich hab nicht viel erwartet, ich hab nicht viel von dir erwartet, einfach nur, dass du mein Mann bist. Dass du da bist.“ Sie schluchzt.

„Ich brauche keinen Gott, scheiß auf Gott, wenn es einen Gott gäbe…“

Ich kann immer noch nicht fassen, wie ihr Mann weiterhin still auf seine Füße starren kann, während ich innerlich mit ihrer Stimme breche.

„Ich scheiß auf dich! Ich bin fertig mit dir!“

Sie löst sich von ihm und läuft den Bahnsteig hinunter, auf mich zu. Tatsächlich folgt er ihr.

„Geh weg, bevor ich dich vor die Bahn schubse“, zischt sie, mehr zu sich selbst als zu ihm, dem sie noch immer den Rücken zugewandt hat. Ein paar Schritte vor mir bleiben sie stehen. Er lehnt sich wieder an eine Säule, sie tritt an den Bahnsteigrand.

Ich schaue auf die Anzeigetafel. Noch eine Minute. Es ist plötzlich unheimlich still auf dem Bahnsteig. Der kühle Abendwind treibt mir die Tränen in die Augen, ich schiebe es auf den Wind. Ich wage es nicht, sie anzuschauen, die magere Gestalt, die dort auf wackeligen Pfennigabsätzen am Bahnsteigrand steht und das Gleis hinunterblickt. Ich kann nicht sagen, ob es noch Wut ist oder Traurigkeit oder Verzweiflung, die sie umgibt.

Wenn es einen Gott gibt, denke ich, flehe ich, als die Bahn näher kommt.

Wir steigen in unterschiedliche Waggons ein, sie zusammen mit ihrem Mann, nicht zusammen, sie steigt ein, er folgt ihr schweigend.

Als wir an der nächsten Station halten und eine Weile mit offenen Türen am Bahnsteig stehen, meine ich wieder ihre Stimme zu hören, ein Klang, der mich noch den Rest meines Weges verfolgen wird.

Wenn es einen Gott gibt, denke ich, bete ich.

2. Juni 2017, Hamburg S-Bahn

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