Parade

​Ich schiebe es auf die Hitze. Ich schiebe es auf die drückende Hitze, dass ich mich unwohl fühle. Ich rede mich aus dem Sommer, will nicht zugeben, dass es das Leben ist, das mich schwitzen lässt. Dass es die Farben sind, das Licht, die Geräusche, das Lachen und Feiern. Die Menschen.

Ich bin der Parade aus dem Weg gegangen. Den Zeit- und Wegplan in der einen, die Kamera in der anderen Hand, bin ich der Parade aus dem Weg gegangen. Ich hatte sie mir groß auf die Tagesliste geschrieben, doch ich bin nicht mit dem Wecker aufgestanden, bin nicht an der richtigen Haltestelle ausgestiegen. Habe mir eingeredet, dass ich sie verpasst habe.

Ich schiebe es auf die Menschenmassen. Ich schiebe es auf meine Klaustrophobie, auf die lauten, vollen Straßen, dass ich mich unwohl fühle. Und dann der Alkohol, der Alkoholkonsum der anderen. Ich rede mich aus der Party.

Ich wollte hingehen. Wollte die Stimmung mitnehmen, die Momente einfangen. Ein Teil davon sein. Mit allen Sinnen, ganzem Herzen. Weil auch die Botschaft mir am Herzen liegt. Ich wollte die Vielfalt feiern und verkrieche mich in meinen eigenen Schutzpanzer. Ich fühle mich unwohl neben den großen Männern im Federkostüm, fühle mich unwohl neben den Menschen im Lederoutfit, fühle mich unwohl unter den jubelnden, mit Regenbogenfahnen wedelnden Feiernden am Wegesrand.

Meine Beine haben mich hingetragen. Haben mich zu den letzten Ausläufern der Parade an den Hauptbahnhof geführt, mich an ein ruhigeres, schattiges Plätzchen am Rande der Parade geschickt, von wo aus die Partywagen weniger bedrohlich wirken, zu einem steten Wummern werden, während am Himmel einsame Luftballons hochsteigen. Zu meinen Füßen liegen Sticker und Fahnen auf dem Boden.

Von Zeit zu Zeit zücke ich die Kamera, nur um sie im selben Moment wieder einzustecken. Ich traue mich nicht. Irgendetwas hält mich davon ab, die Menschen mit ihren tausend Farben und Federn und Glitzer und tausend Gesichtern abzulichten. Ich komme mir vor wie ein Eindringling. Ein Zaungast, der im Zoo exotische Wesen bestaunt. Und ich ärgere mich über dieses Gefühl.

Ich möchte fröhlich sein und ausgelassen und aufgeschlossen. Ich möchte, dass die Parade mir diese Gefühle gibt. Das Gefühl von hundertprozentiger Bejahung. Ich sage ja zum Leben, ja zur Liebe, ja zum Menschen. Doch mein ganzer Körper wehrt sich.

Ich schiebe es auf meine chronische Melancholie. Ich packe die Kamera weg und bleibe einfach still am Rand stehen. Mit unruhigem Blick und melancholischem Herzen, während sich die Welt vor mir mit ihrem buntesten, schillerndsten und fröhlichstem Gesicht zeigt.

Ich schiebe es auf mich. Auf meine Trauer, meine Wut. Auf meine Angst. Meine Angst vor dem Schmerz, der dort mit strahlendem Gesicht durch die Straßen läuft. Der Schmerz, der dort irgendwo in der Parade lauert und in einer Konfettikanone explodiert.

Ich möchte gehen. Ich möchte gehen und einfach sein. Nicht unter der gleißenden Sonne stehen, nicht laut durch die Straßen ziehen. Ich möchte nach Hause gehen und sein.

Ich löse mich aus meinem Schattenplätzchen und mache mich in die andere Richtung davon, wo am Ende der Parade schon die Straßenreinigungsmaschinen brummen. Mein Blick fällt ein letztes Mal auf die Parade. Ich bleibe stehen. Der Kloß in meinem Hals verhärtet sich. Meine Augen brennen.

Mitten in der bunten, schillernden Parade läuft eine Gruppe Männer in allen Altersklassen und Kleidergrößen, einheitlich in Jeans und weißem Shirt. Und auf ihren mal mehr, mal weniger behaarten Köpfen sitzen kleine goldene Krönchen. Fast unscheinbar, nur ein kleines Krönchen, wie ich es im Kindergarten als Prinzessin trug.

Ich bleibe stehen. Mitten im bunten Getümmel sehe ich den Schmerz, den in Gold gegossenen Schmerz mit aufrechtem Rücken und stolz erhobenem Kopf. Ich atme einmal tief ein und aus. Ich sehe den Menschen, die Farben, den Glitzer in seinen Augen. Ich sehe seine Schönheit.

Ich bleibe am Rand der Parade stehen und schaue den Männern hinterher. Eine Träne löst sich aus meinem verkrampften Gesicht.

Und sie lassen mich, natürlich lassen sie mich. Wir lassen das Lachen und Schreien. Das Schweigen und Weinen. Wir lassen uns leben, natürlich lassen wir uns leben.

Ich schiebe es auf die Liebe.

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