Und was hast du am 30. Juni 2017 gemacht?

Mein etwas dröhnender Kopf lehnt an der mit einem Regentropfenmosaik beträufelten Fensterscheibe der S-Bahn. Draußen sehe ich die schwachen Lichter der Schreibtischlampen in den Bürogebäuden im Fahrtwind verwischen, an der Brücke ziehen sich die ersten Polizeiabsperrungen für den G20-Gipfel entlang, mit gesenktem Kopf sitzen einige Polizisten in ihren Wagen. Und während ich mich im strömenden Regen auf den Weg zur Arbeit mache, ein Franzbrötchen in der Hand, habe ich das seltsame Gefühl: Heute wird ein guter Tag. Und ein Lächeln breitet sich auf meinen Lippen aus.

Ich setze mich zu den Studenten ins Seminar, wo gerade die Zahlen des Tages verkündet werden. Dreihundertdreiundneunzig von sechshundertdreiundzwanzig. Dreihundertdreiundneunzig. Eine Zahl. Ein erleichtertes Lachen, dann wird die Tür geschlossen und das Seminar beginnt. Während draußen der Regen mit hundert Prozent auf die Stadt herniederprasselt.

In der Mittagspause weht mich der Wind durch die gekippten Fenster fast wieder aus dem Büro, doch ich setze mich an den Schreibtisch und lese noch einmal die Zahlen, fülle sie mit Worten, weiteren Fakten und Informationen.

Dann zurück ins Seminar. Ein obligatorischer Kommentar über die Wetterlage draußen, während man im schwülen Seminarraum nach Luft ringt. Hundert Prozent, sagt die Wetterapp schon seit Stunden, erst ab vier Uhr am nächsten Morgen nur noch sechzig Prozent.

Ich schleiche mich auf meinem Laptop auf Facebook und teile einen Text, den ich vor einiger Zeit über Homosexualität in der katholischen Kirche geschrieben habe und feiere mit Facebook die Liebe. Wie es auch andere in meiner Timeline tun. Ich verteile Herzen.

Nach der Arbeit gehe ich einkaufen, Origami- und Klopapier, eines aus dem Bastelladen, das andere aus der Drogerie, an einer der Kassen lasse ich klischeehaft den Regenschirm liegen, worauf mich zum Glück die Frau hinter mir aufmerksam macht, dann setze ich mich wieder in die S-Bahn, während sich draußen die hundert Prozent in ein angenehmes Plätschern verwandeln. Ich habe die Zahlen schon gar nicht mehr im Kopf, als ich etwas Buntes aufblitzen sehe. Ich hebe den Blick.

Am Dach der Schule hängt eine Regenbogenfahne. Und ich kann gar nicht glauben, warum mich das so bewegt. Die Zahlen füllen sich mit Worten, mit Gesichtern, mit Gefühlen. Plötzlich bin ich ganz aufgeregt. Kann sie kaum erwarten. Die Liebe.

30. Juni 2017, Hamburg

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2 Gedanken zu “Und was hast du am 30. Juni 2017 gemacht?

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