Alles und nichts

„Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der alles egal ist. Es ist egal, wer du bist, wen du liebst, jeder soll sein, wie er will. Warum ist jedem egal, wer ich bin?“ Mir bist du nicht egal, möchte ich ihm sagen, doch ich weiß, dass es nicht das ist, was er meint, während wir händchenhaltend auf dem Dach seiner Garage sitzen und den Helikoptern zusehen, wie sie über der Stadt kreisen. Eine Weile schweigen wir, bis sich seine Hand in meiner immer mehr zu einer Faust ballt.

„Aber, aber, aber“, zischt er und ich lasse ihn meine Hand zerdrücken, lasse zu, wie sich seine Wut in ein grässliches Schluchzen verwandelt, das immer wieder von dem Lärm der Helikopter verschluckt und in der plötzlichen Stille dazwischen umso schärfer wieder ausgespuckt wird.

Er hat sich geweigert, die Flasche Wein mit auf das Dach zu hieven, die ich ihm mitgebracht hatte. Und auch die kleine Schmuckschatulle steht noch auf dem Küchentisch, geöffnet, aber unberührt.

„Erst, wenn es nicht mehr egal ist“, hatte er gesagt und mir dabei ein Schwert in den Magen gerammt und es mir mit jedem weiteren Wort Stück für Stück durch die Gedärme in Richtung meines Herzen gedrückt.

„Keiner kann uns das wegnehmen!“, hatte ich ihm verzweifelt hinterhergerufen, als er wie ein trotziges Kind aus der Küche stapfte. Ich hörte das Klackern der alten Leiter und folgte ihm.

„In einer Welt, in der alles egal ist, wird niemand mehr Bücher lesen“, sagt er, nachdem sein Schluchzen abgeklungen ist, und schaut dabei mich an. „Auch keine mehr schreiben. Niemand interessiert sich für deine Geschichte.“ Das Schwert rutscht mir wieder in die Magengegend.

„Aber…“

„Schhhhhh.“

„Schhhhhh was?“

Ich schaue in die Richtung, in der sein Blick mich lenkt, sehe die schwarzen Punkte am Himmel, höre ihr Schnurren, wie das der Katze, die sich auf meine Brust legt, während ich auf dem von der Abendsonne warmen Stein der Terrasse liege, ich wäre gerne unten bei der Katze, möchte mich flach auf den Stein legen, über mir der blaue Himmel und die großen, weißen Wolken, vor die sich regelmäßig ein Helikopter schummelt wie eine lästige Fliege. Die Katze wackelt mit den Ohren.

„Was?“, frage ich noch einmal, flüstere ich, meine Stimme vibriert wie der Rest des Himmels.

Eine unheimliche Stille liegt über der Stadt. Bis sich die erste Rauchwolke aus der Silhouette löst. Autos brennen, Scheiben zersplittern, das Zischen von Wasserwerfern, das Brüllen von Menschen, das Knallen von Böllern, der Aufprall von Stein, ein stetes Knistern, Rauschen, Klackern, Flackern.

Doch davon bekommen wir nichts mit. Zwischen uns und der Stadt fließt der Fluss in die immer gleiche Richtung, das Geschrei von Kindern vom Sportplatz dringt durch die Häuserfluchten, der Nachbar sitzt auf der Bank und raucht. Das einzige Licht, das uns blendet, ist das der langsam untergehenden Sonne, die einen Schatten durch die Brillengläser auf seine Augen wirft. Er ist angespannt, wie ein Löwe, der in der Ferne eine Gazelle erspäht. Oder wie eine Gazelle, die in unmittelbarer Nähe ein Rascheln vernimmt. Es dauert nicht mehr lange, dann reißt er sich aus meiner Hand und rennt los. Gleich rennst du los.

Stattdessen schlägst du zu. Reißt meinen Arm mit nach vorne in die Wand aus Mücken, die sich sogleich zerstäubt und sich in meinen vor Schreck geöffneten Mund verirrt. Gleich schubst du mich vom Dach, gleich lässt du mich fallen. Der Nachbar schielt nach oben, runzelt die Stirn ob meines Würgens, meines erstickten Hustens.

„Du tust mir weh“, krächze ich.

„Du tust dir selbst weh“, sagst du und lässt mich los.

Die Katze balanciert über meinen Oberkörper, findet auf meiner Brust ihr Gleichgewicht und lässt ihre Knie sinken. Misstrauisch beäugt sie mich, stupst dann mit ihrer feuchten Schnauze gegen mein Kinn, schmiegt sich daran und arbeitet sich zur Nase vor, wo sie ihre raue Zunge ausfährt. Ein Kitzeln breitet sich in meinem Gaumen aus, ich schmecke Blut, oder ist das der billige Wein? Die Schatulle lasse ich stehen, lasse dich mit deiner Wut auf dem Dach. Ein Junge auf der Straße reicht mir ein Taschentuch.

Gib der Welt noch ein Jahr und die Welt gibt dir ein Leben. Ich gebe dir noch eine Nacht.

Hamburg, 7. Juli 2017

 

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