Ein Plädoyer für eine Kirche ohne Gemeinschaft

In der ersten Version dieses Textes wollte ich von meinem 14-jährigen Ich erzählen, das ein Tagebuch mit Gott schrieb, von einem Mädchen, das jahrelang Mitglied im Kinderchor war, Soli singen und Fürbitten vortragen durfte, von dem schüchternen und braven Mädchen, das man gerne neben den Altar platzierte. Von dem Mädchen, das davon träumte, selbst Gottesdienste abzuhalten, Pfarrerin zu werden. Ich hätte davon erzählt, wie es ist, eine Frau und die Tochter eines schwulen Vaters in der katholischen Kirche zu sein. Ich hätte vom Kämpfen und Versöhnen erzählt. Doch seit dem ersten Entwurf dieses Textes hat sich einiges geändert.

Ich bin aus der Kirche ausgetreten.

Und an dem Tag, als ich aus der Kirche austrat, lächelte ich. Ich lächelte wie an dem sonnigen Märztag, als ich mein Studium erfolgreich absolvierte, wie an dem regnerischen Julitag, als mein Neffe geboren wurde.

Aber natürlich gibt es das 14-jährige Ich noch, das kleine Mädchen, es ist ein Teil von mir. Das Ich, das bei all der Faszination für Gott und die Kirche tief im Inneren immer spürte, dass etwas falsch war. Und vielleicht kann ich es heute endlich benennen.

Ich wünsche mir eine Kirche ohne Gemeinschaft.

Gemeinschaften sind sicherlich die ursprünglichsten Formen des Zusammenlebens der Menschen. Wir begegnen ihnen Tag für Tag, sind Teil von ihnen. In der Familie, im Freundeskreis, auf der Arbeit, in der Freizeit. Auch ich bin Teil zahlreicher solcher konstanten und dynamischen Gruppen. Ich freue mich über das Heimat- und Wir-Gefühl in der Familie, den Zusammenhalt unter meinen Freunden, die Leidensgenossenschaft unter Kollegen. Ich fühle mich diesen Gruppen verbunden, weil wir etwas gemeinsam haben, weil wir in all der Unüberschaubarkeit der Welt etwas gemeinsam haben. Doch so sehr uns Gemeinschaften im Inneren zusammenbringen, so sehr können sie uns auch nach außen voneinander abgrenzen. Uns verschließen. Vor denjenigen, denen das Allgemeine, Vertraute, Übereinstimmende scheinbar fehlt.

Gemeinschaften sind im alltäglichen Tun und Schaffen, auch in meinem, lebensnotwendig. Oft auch herausfordernd, meistens geben sie Halt und Orientierung. Gemeinschaften ergeben Sinn.

Eine Gemeinschaft, die dies nicht tut, ist meiner Meinung nach die Kirche. Denn eine Gemeinschaft, die sich unter dem Dach Gottes verbunden fühlt, kann eigentlich nur folgende Mitglieder haben: alle Menschen. Ohne Ausnahme. Alle. Doch die habe ich in der Kirche nie gesehen. Im Gegenteil. In meiner Kirche versammelte sich die altbekannte Dorfgemeinschaft, die sich unter dem Deckmantel der Kirche, an deren Spitze ein paar einzelne Kleriker stehen, noch enger zusammenschnürte. Wie an der Spitze der Gemeinschaft Gottes überhaupt einzelne Menschen stehen können, ist mir sowieso ein Rätsel. Und noch mehr, wie sie es schafft, von einem Gott zu sprechen, der alles erschafft, umfasst, liebt, und sich dann selbst auszuschließen. Den Menschen. Den Menschen mit seinen angeblichen Fehlern, mit seinen vielfältigen Formen, mit seiner Einzigartigkeit. Die Kirche, die ich kenne, ist eine Gemeinschaft von Menschen gegen den Menschen.

In der Gemeinschaft Gottes sollte die Einzigartigkeit regieren. Denn das ist, was uns verbindet. Das Menschliche. Und das ist, was ich mir zurückerobere. Was ich mir schon als 14-Jährige langsam zurückeroberte und heute mit meinem Kirchenaustritt vollendete. Ich schnappe mir Gott für mich allein, meinen heimlichen Gesprächspartner in dem Tagebuch oder abends im Bett oder im Schweigen.

Ich schnappe mir Gott und schließe ihn in mein Herz. Nur für mich. Ich spreche nicht über meine Beziehung zu Gott. Er ist für mich nichts, was diskutiert werden muss. Weil Liebe nicht in Worte zu fassen ist. Und unsere Liebe ist auch nichts, was ich teilen muss. Das geht nur Gott und mich was an. Doch keine Sorge, von Gott ist genug für alle da, schieb ihn dir unter den Pullover, leg ihn dir unters Kopfkissen. Schnapp ihn dir und lass ihn dir von niemandem mehr nehmen.

Mein Glaube ist für mich etwas zutiefst Egoistisches, Egozentrisches, das mir bedingungslose Liebe und Wertschätzung zusagt, mich als einen von sieben Milliarden Menschen anerkennt und erkennt. Der Glaube gibt mir die Gewissheit, dass Gott genau mich meint, dass ich als Einzelne zähle. Das ist der Sinn, der mich überleben lässt. Denn seien wir ehrlich: Wenn man länger darüber nachdenkt, seine Gedanken aus dem WG-Zimmer über den Hamburger Hafen über das Meer in die Sterne und die unendlichen Weiten des Universums in den Himmel, vielleicht sogar bis in das Reich Gottes schweifen lässt, so kommt man unweigerlich zu einem Ergebnis: Das ergibt doch alles gar keinen Sinn! Wir sind nur ein Blinzeln, ein Sandkorn im schläfrigen Auge, ein zufälliger Wimpernschlag. Oder bin ich der Schmetterling, der einen Tornado auslöst?

Gott gibt mir das Gefühl, ein Schmetterling zu sein. Er ist meine konstante Quelle der Hoffnung, an seinen Ast spinne ich meinen Kokon. Er ist der Ich-bin-da, ich kann und darf jederzeit und an jedem Ort bei ihm sein. Und auch wenn ich nicht bei ihm bin, gibt er mich nicht auf. Aus egoistischen Bedürfnissen glaube ich, dass Gott nicht für jeden auf dieselbe Art da ist. Er ist ein Vater, der all seine Kinder gleich liebt, doch jedes ganz besonders. Ich will nicht die Kleidung meiner älteren Geschwister auftragen, nicht ihre Ziele verfolgen. Ich glaube, dass mein Leben ein einzigartiges Geschenk ist, nicht nur geliehen. Und dass Gott es mit voller Absicht und mit Liebe ausgesucht hat.

Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Die Satzstruktur der Goldenen Regel lässt uns in dem Irrglauben, Nächstenliebe sei die Essenz der christlichen Liebe. Doch es ist die Selbstliebe, die der Nächstenliebe vorausgeht. Und genau hier setzt mein Glaube an. Ich hole mir Gott an meine Seite, der mich ohne Wenn und Aber liebt. Und in dem Glauben an ihn projiziere ich meine Liebe für mich. Ich sehe mich durch Gottes Augen. Und erkenne die Wahrheit. Meine Wahrheit. Ich lebe nicht für die anderen oder für eine Vorstellung meiner selbst. Ich stehe nicht im Dienst der Kirche, nicht im Dienst meiner Mitmenschen und auch nicht im Dienst Gottes. Ich lebe meiner selbst willen, eben weil ich lebe und nur ich. Und darin finde ich Sinn. Auch Jesus, der sich den Menschen am Rande der Gesellschaft zugewandt hat, hat nicht die Gemeinschaft dazu aufgerufen, sie zu lieben. Er hat sich zu ihnen an den Tisch gesetzt und sie dazu ermutigt, sich selbst zu lieben. Ihre gesellschaftlichen und selbstgewickelten Fänge zu hinterfragen. Selbst zu urteilen. Mensch zu sein.

Ich glaube an einen Jesus, der nicht nur Sprachrohr Gottes war, auch kein Opferlamm, kein Mittel zum Zweck. Ich glaube an einen Jesus, der den Spuren seines Vaters folgte, ohne darin zu versinken. Der seine eigenen Spuren hinterließ. Ein Leben.

Die Gemeinschaft Gottes, die Gemeinschaft aller Menschen sollte keine Gemeinschaft sein, die sich nach innen und außen verschließt, sondern eine, die in alle Richtungen offen steht. Die sich für den Einzelnen öffnet. Für Jesus, ein in die Wirren des Lebens geworfenes Kind, das dessen Regeln und Strukturen hinterfragt, weil es den Einzelnen sieht, nicht die Herde, sondern das Schaf. Mit dem Urvertrauen in Gott und seine bedingungslose Liebe, die es im Zweifeln selbst erfahren hat. Es ist Teil einer Gemeinschaft, die sich für sich selbst öffnet. Jesus ist zugleich Gottes- und Menschenkind, öffnet uns die Augen für diese unauflösliche Bindung, den Bund Gottes, der nicht stets erneuert werden muss, sondern in unserer Natur liegt. In unserem Sein.

Eine Kirche, die eine solche Gemeinschaft umfasst, müsste alle anderen kleinen Gemeinschaften, Gruppen und Grenzen aufbrechen. Ich kenne nur eine „Kirche“, die das kann: Gottes Tempel. Und Gottes Tempel, das sind wir. Jeder einzelne von uns. Du. Ich.

Lasst uns nicht versuchen, eine Gemeinschaft im Namen Gottes zu bilden. Weil in ihr die Gefahr des Verallgemeinerns, des Gemeinen liegt. Lasst uns lieber Gefährten sein. Wegbegleiter. Offene Ohren, offene Augen, offene Herzen. Lasst uns nicht die beste Version unserer selbst sein, keine Ideale, keine Heiligen. Lasst uns alles und alle sein.[i] Menschen.

[i] „Wer die Minderheiten nicht versteht, kann auch die Allgemeinheit nicht verstehen. Wer die Würde und die Rechte der Minderheiten respektiert, respektiert die Würde und die Rechte aller, die der gesamten Menschheit“ (Charamsa, Krzysztof: Der erste Stein. Als homosexueller Priester gegen die Heuchelei der katholischen Kirche. C. Bertelsmann, 2016. S. 203).

zuerst erschienen bei neolog – weiter Glaube(n)

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