Die Bürogeschichte geht weiter

Tagelang stand der zurückgewiesene Bürostuhl auf leicht wackeligen Beinen auf seinem Platz am Nordfenster am Ende des Flurs, den ihm die Kollegin zugewiesen hatte, und blickte über die Bäume auf die anderen Bürogebäude. Vielleicht träumte er davon, wie es wäre, zu ihnen zu gehören. Vielleicht wäre ihm dort drüben so manches Leid erspart geblieben und er könnte tänzelnd über den Teppichboden rollen und dabei Pirouetten schwingen. Es machte mich traurig, ihn dort tagtäglich stehen zu sehen, so verlassen und aufgegeben. Auch mein Mail-Postfach blieb leer.

Stattdessen klopfte meine Chefin eines Tages an die Tür, die Hände hinter dem Rücken versteckt, ich solle doch mal kurz die Augen zumachen. Kurz erinnerte ich mich an die Pflanzendebatte, um die Luft der Klimaanlage auszugleichen, doch als ich schließlich die Augen öffnete, lagen dort zwei Päckchen mit Lichterketten und Batterien vor mir auf dem Schreibtisch.

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Es ist Zeit – woaßt scho

Es ist Zeit, den Rollstuhl zur Seite zu schieben und aufzustehen. Nimm den Strohhalm aus deinem Wasserglas und schenk dir eine Maß Bier ein. Hüpf auf die Bank und tanze und deine über die Lippen stolpernden und tropfenden Laute werden zu Musik. Übertönen das Ticken der Zeit, das plötzlich verstummt. Der Kuckuck hat die Uhr verlassen. Du bist frei.

Ich werde dich nicht vermissen, denn ich habe noch immer den Geschmack von geibn Kracherl auf der Zunge. Stattdessen rufe ich dir ein Lebewohl hinterher und stelle mir vor, wie du dich tänzelnd umdrehst, den Bierkrug hebst und deine Stimme durch das Wohnzimmer, das Haus, das Dorf, die Welt schallt:

„Das werde ich!“ Und dann wirfst du mir noch eine Münze zu und zwinkerst. Woaßt scho.

In Gedenken an Onkel Jo, der seine Krankheit heute für immer besiegt hat. Wir halten dich in ewiger Erinnerung.

Eine unglaublich unzumutbar unendliche Bürogeschichte

Wir sind umgezogen. Das heißt, die ganze vierzehnstöckige Philosophische Fakultät der Uni mit all den Büro- und Projekträumen, Hörsälen, Seminarräumen und Bibliotheken ist in einen großen Bürokomplex im Norden der Stadt gewandert. Chaos war vorprogrammiert und so wagte ich mich erst ein paar Tage nach dem offiziellen Umzugstermin auf die Suche nach meinem neuen Büro.

Zuerst schickte man mich zum Serviceteam Gebäudemanagement, um meinen elektronischen Schlüssel für die neuen Räume freischalten zu lassen. Ich traf auf einen etwas verloren dreinblickenden Herrn, der einzig mit einem Laptop bewaffnet in einem leeren Büro saß, über den pausenlos Tabellen flimmerten. In einer dieser Tabellen suchte er meinen Namen, dann in einer anderen, dann wieder in einer anderen, doch vergeblich. Ich war nicht auffindbar. Ich beugte mich über seine Schulter und wies ihn darauf hin, er möge doch bitte meinen Namen richtig schreiben, da er mich ja sonst gar nicht finden könne. Er lachte verlegen und startete einen neuen Versuch. Wieder ohne Erfolg.

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Veggieburger

Du hast das Restaurant ausgesucht. Wieder einmal. Doch richtig auf die Suche hast du dich nicht begeben. Wir sind in deinem Lieblingsladen. Burger und Bier. Mehr brauchst du nicht. Dass es eine recht reichliche Auswahl an Veggieburgern gibt, hat dich zu einem kecken Grinsen in meine Richtung veranlasst und dich in deiner Wahl bestätigt, obwohl das Wort „veggie“ dir meistens nur tiefe Falten auf die Stirn brennt. Du bestellst den Bacon Burger Deluxe mit XXL-Fritten. Ich nehme einen Salat. Obwohl ich schon Lust hätte auf einen der Veggieburger. Mit Rote Bete, Sojasprossen oder Dingen, die ich nicht kenne und nicht einmal aussprechen kann. Und Fritten wären auch nicht schlecht. Doch ich will dir nicht in die Karten spielen. Nicht schon wieder.

Also stochere ich in meinem Salat herum, fische die viel zu wässrigen Tomaten heraus. Und du sitzt mir gegenüber, hast dich tatsächlich für das Besteck entschieden, haschst mit deinem kecken Grinsen in meine Richtung nach Bestätigung, während du versuchst, den Burger zu zerlegen. Fast wäre mir ein anerkennendes Zucken über die linke Augenbraue gehuscht, als dein Messer den Teller berührt, der gar kein Teller ist.

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Wir sind homophober, als wir denken

Ein persönliches Statement

„Ich bin nicht homophob, ich kenne viele Schwule und Lesben.“ Was bei vielen wie eine hohle Ausrede klingt, mag bei der Tochter eines schwulen Vaters mehr als glaubwürdig sein. „Mein Vater ist schwul“, gibt mir Rederecht, auch kritisches, ohne mich gleich als homophob abzustempeln. Die Tochter eines schwulen Vaters kann doch eigentlich gar nicht homophob sein. Doch so einfach ist das nicht.

Mein Vater hatte sein Coming-out erst sehr spät im Alter von über fünfzig Lebensjahren nach über dreißig Ehejahren mit einer Frau und fünf Kindern. Sein spätes Coming-out hat viele Gründe, von denen ich bestimmt nur einen Bruchteil kenne, zu kennen glaube. Einer der stärksten Gründe war sicherlich die Angst. Eine Homophobie? Die Angst davor, jemand zu sein, den es nicht geben darf, über den in der dörflichen Gemeinschaft, in der Familie, unter Freunden nicht geredet wurde und wenn doch, dann abfällig, belächelnd, ausstoßend? Die Angst davor, etwas zu sein, das man selbst nicht kennt, das einem selbst fremd ist, das man selbst abstoßend findet? Und ist das Coming-out die Überwindung dieser Ängste?

Nach dem Coming-out meines Vaters habe ich gern mit stolzgeschwellter Brust den angeblichen Mut meines Vaters eingesaugt, den Kampfgeist für die eigene Identität, das Ja zum wahren Ich. Doch so einfach ist das nicht.

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Der Zwetschgendatschi

​Ein Café in der fränkischen Schweiz, freundlicher Spätsommertag, Außenterrasse. Zwei Männer in den Sechzigern mit Fahrradausrüstung, rote Polo-Shirts, der eine mit Hosenträger, womöglich Franke, der andere Oberbayer. Über dem Brotzeitteller.

„Schon schön hier.“

„Ja.“

„Es ist schwer, ein Café zu finden, das am Werktag geöffnet hat.“

„Am Wochenende ist hier bestimmt viel los.“

„Ja ja.“

„Ich war gestern mit dem Reuter im Paulaner-Zelt in München auf der Wiese. Der Alte macht das jetzt nicht mehr, das macht jetzt der Junge.“

„Wo ist das?“

„Auf der Wiese.“

„Der Dieter, der hat jetzt ein Haus am Chiemsee. Da hat er ein Grundstück oben am See gekauft. War sehr teuer. Und da war noch ein Haus drauf – zack, weg! Hat er ein neues Haus draufgebaut. Baukosten schätzungsweise zwei Millionen Euro.“

„Ja ja.“

„Zwei Millionen Euro.“

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