Liebe Carrie.

Ich weiß, ich habe mich lange nicht mehr gemeldet. Die letzten Wochen und Monate waren nicht leicht für mich, doch ich habe mich lange genug versteckt. Habe lange genug geschwiegen. Ich möchte, dass du die Wahrheit erfährst. Über ihn. Ich weiß, du hast dir dein eigenes Bild von ihm gemalt. Ich weiß, wie er auf andere wirkt, wie charmant und zuvorkommend, wie offen und herzlich er sich präsentiert. Aber er ist nicht immer so. Zu mir ist er nicht so.

Ja, auch ich habe mich gefreut, ihn wiederzusehen. Ihn nach so vielen langen Monaten wieder im Arm zu halten, seine Wärme zu spüren und seinen süßen Duft einzuatmen. Wir haben uns beide aufeinander gefreut und auf uns angestoßen. Wir sind gemeinsam an den Strand gefahren. Er hat mir Komplimente gemacht, obwohl ich meinen blassen Körper unter dem Handtuch zu verstecken versuchte. Wir haben viel gelacht und geredet, Pläne für die kommenden Wochen geschmiedet. Auf dem Heimweg hat er mich geküsst.

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Punkschwein Lars

Alles endete, als am Montag Punkschwein Lars verschwand. Es war das erste Mal gewesen, dass wir Lars über Nacht im Proberaum gelassen hatten, schließlich hatten wir uns vorgenommen, diese Woche jeden Tag für den Auftritt am Samstag zu proben. Wir suchten jede Nische des Proberaums ab, rückten die Verstärker von den Wänden weg, entwirrten die Kabelknäuel, Kalle schaute sogar in die Bass Drum seines Schlagzeugs. Kalle war außer sich, er machte Recki für das Verschwinden verantwortlich, schließlich war er der Letzte gewesen, der Lars gefüttert hatte. Als wir Lars nach zwei Stunden immer noch nicht gefunden hatten, setzte Kalle sich auf seinen Hocker und weinte.

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Vom Frausein

Rieke sah den Kinderwagen auf sich zukommen und löste sich von ihrem Platz zwischen Haltestange und Busfenster, um Platz zu machen. Die Mutter lächelte dankbar, Rieke senkte den Kopf, bevor das Kleinkind mit ihr Blickkontakt aufnehmen konnte. Rieke hatte sich nie Kinder gewünscht. Auch wenn sie sich als Jugendliche für ihr späteres Ich drei Kinder vorgestellt hatte, so hatte sie sich in Wahrheit nur das Bild einer idealen Familie gemalt, von der sie geglaubt hatte, dass sie eine Zukunft für sie sein könnte. Die Gegenwart jedoch war eine andere. Heute war Rieke in einem Alter, in dem ihre Geschwister und Freunde nicht mehr nur Bilder malten, sondern echte Familien planten und gründeten. Rieke jedoch plante nicht. Nur manchmal, wenn auch sie im Trubel des Lebens die Einsamkeit einholte und ihre Umgebung sie glauben machen wollte, dass es das war, was ihr im Leben fehlte, versuchte sie heimlich wieder, sich ihre drei Kinder ins Gedächtnis zu rufen. Nur um festzustellen, dass ihre Konturen immer mehr verschwammen. Eigentlich fehlte es Rieke an nichts. Sie hatte alle Freiheiten dieser Welt. Das hatte sie geglaubt, als sie heute Morgen in den Bus gestiegen war.

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Traum und Wirklichkeit

Es ist 23:18 Uhr, und es fällt mir unglaublich schwer, das hier niederzuschreiben, was vor allem daran liegt, dass mein Körper sich nur sehr schwerfällig über die Matratze wälzt, meine müden Beine und Arme sich gegen jede Bewegung wehren und meine Augenlider sich jeden Moment wieder der Schwerkraft hingeben möchten. Mit Mühe habe ich den Griff zum Lichtschalter geschafft, das Licht dringt kaum in mein Bewusstsein, ich möchte meinen Kopf nur einen Augenblick auf das kühle Papier des aufgeschlagenen Notizbuches ablegen und den Stift aus meiner verkrampften Hand entlassen, doch ich darf nicht, ich erlaube es mir nicht, zwinge mich, mein gerade Erlebtes in Worte zu fassen und in krakeliger Handschrift zu Papier zu bringen.

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Heimweh

Ich habe geweint. Als ich durch die Straßen meiner neuen Nachbarschaft streifte, mit den liebevoll bepflanzten und gestalteten Vorgärten, und mir all die Leben und Geschichten hinter den bespitzten Vorhängen, bunten Girlanden und Fensterbrettorchideen vorstellte, brannte mir das gesamte Gesicht. Ich lief vorbei an den Hand-in-Hand-Sonntagsschlendern, den Hundeleinenschwingern, Ausflugsradlern, ballspielenden Kindern, den Tortenbalancierern am Gartentor zum gedeckten, luftballonumwirbelten Terrassentisch. Bittersüßes Heimweh bebte unter meiner Fassade, vermischt mit einem überwältigenden Glücksgefühl. Denn das hier ist mein neues Zuhause.

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Reif für die Uckermark

„Noch drei Tage“, denkt Dr. Andreas Wimmer, als er das dicke schwarze Kalenderbuch aufschlägt und die Termine des Tages durchgeht. Der erste Patient kommt um zehn, von dreizehn bis vierzehn Uhr ein kleines Mittagessen mit einem alten Studienfreund und Kollegen vom UKE, danach der Check-up-Termin bei seiner Ärztin, um siebzehn Uhr noch eine Patientin, um neunzehn Uhr dreißig Videocall mit Dr. Regine Gilling zu dem gemeinsamen Artikel, vielleicht schafft er dazwischen noch einen Blick auf die Notizen, die sie ihm am Wochenende geschickt hat. Jetzt aber gilt es, noch ein paar Berichte zu schreiben, bevor es am Donnerstag in die Uckermark geht. Vier Wochen lang Natur pur, baden im See, mit den Pferden ausreiten, auf der Terrasse sitzen, ein gutes Buch lesen. Auch die Kinder werden da sein, Alexander schreibt am Freitagmorgen seine letzte Klausur vor den Semesterferien, bevor er sich in Göttingen in den Zug setzt, Marion muss noch herausfinden, um welche Uhrzeit sie ihren Sohn am Bahnhof abholen müssen, Katrin bringt ihren neuen Freund aus München mit, sie kommen später nach, besuchen noch Freunde in Berlin.

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Tinkerbell, die Oper und ich

Es ist Donnerstagabend. Ich mache mich fertig fürs Ballett. Rutsche vom Schreibtischstuhl auf das kleine Sitzsofa, richte mir den Laptop auf meinem Schoß. Noch Anfang März bin ich auf dem Weg zur Staatsoper an einem Schaufenster hängengeblieben und habe mir vorgenommen, mich in den kommenden Tagen nach einem neuen Kleid umzusehen, das ich über den Frühling zu gemeinsamen Opern- und Ballettabenden ausführen könnte. Stattdessen mache ich es mir heute in meiner Jogginghose bequem, stelle Getränk und Knabbereien bereit, setze die Kopfhörer auf.

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Für einen Abend

Birgit Röpke saß auf der Kante der Badewanne, aus der gerade das vom Öl rosa gefärbte Wasser ablief, und cremte sich die Beine und Arme ein. Ein letztes Mal griff sie zur Tube und setzte einen dicken Tropfen Körpermilch auf ihre Handfläche, mit der sie schließlich ihren Ellbogen umgriff und mit kreisenden Bewegungen die raue Haut besänftigte. Dann erhob Birgit Röpke sich, spürte kurz einen leichten Schwindel, wie immer, nachdem sie ein Bad genommen hatte, und löste ihre Haare aus dem Dreieckstuch. Mit spitzen Fingern legte sie die trockenen Strähnen zurecht, wie von selbst teilte der Scheitel sie, der Blick in den beschlagenen Spiegel war nur eine schlechte Gewohnheit.

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Komm, wir gehen ins Kasino

Komm, wir gehen ins Kasino und spielen Lebensfragen-Roulette, lassen uns gratis eisgekühlte W-Fragen an den Spieltisch servieren, bis wir uns selbst drehen. Und wenn wir unser Traumhaus, die zukünftigen Kinder und den Rentenanspruch verspielt haben, fahren wir mit dem Bus ins Ungewisse, der uns an der nächsten Ecke wieder rauswirft, weil das Ticket, gegen das wir in der Schule unsere Begabungen eingetauscht haben, außerhalb der Zone nichts wert ist.

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