Abschied ist nur ein Wort unter vielen

„Ich hasse Abschiede“, sagst du.

„Das ist kein Abschied“, sage ich.

„Aber so fühlt es sich an.“

„Wie fühlt es sich denn an?“

Du zuckst mit den Schultern.

„Na, wie Abschied eben. Wie, wenn deine Lieblingsserie abgedreht ist oder nur noch ein Stück Pizza übrig ist oder dein Handy nur noch ein Prozent Akku hat, sowas halt.“

Ich muss lachen.

„Dann ist es ja kein allzu schlimmer Abschied“, sage ich.

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Spaghetti

Wenn du mich liebst, müsstest du dann nicht auch meinen Tod lieben? Er liegt überall auf mir, in allem, was du Leben nennst. In der Art, wie ich meine Spaghetti Bolognese esse, ohne Löffel, weil man Spaghetti ohne Löffel isst, weil man Burger nicht mit Messer und Gabel isst, auch nicht Pizza, und Spaghetti bricht man nicht. Weil man sich mit Tomatenmund vom Tisch erhebt.

„Man darf alles“, sagst du, während du die Maki-Rolle mitsamt deinen Fingern in die Wasabi-Paste tunkst und dann mit tränenden Augen dein fünftes Glas Biermischgetränk bestellst.

Fundstücke

Am Ende der Woche liegt unser Leben zwischen den Müllcontainern hinter dem Haus. Und im Briefkasten die letzte Mahnung der Hausverwaltung wegen der Fahrräder im Flur. Zwischen Wertstoffen, Pappe und Restmüll ein kaputter Staubsauger, ein Stuhl ohne Sitz, aufgerissene Kleidersäcke. Und im Briefkasten der letzte Hinweis der Hausverwaltung zur Mülltrennung. Am Ende der Woche liegt das Leben der letzten sieben Tage zwischen den Müllcontainern hinter dem Haus. An den Zaun gelehnt, hinter der Hecke ein alter Bilderrahmen, in dem noch drei Bilder hängen. Bleistiftskizzen mit schwarzen Filzstiftkonturen, Wachsstiftschattierungen. Und im Flur ein Karton mit Müslischüsseln zu verschenken.

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Ein bisschen Lebendigkeit

Als ich das erste Mal in der City Nord ankam, schien die warme Herbstsonne und eine dicke Schicht Laub bedeckte die Gehwege. Eine Woche zuvor war die Philosophische Fakultät der Uni in einen der Bürokomplexe hier gezogen, ein großes, schwarzes Gebäude. Da das Semester noch nicht begonnen hatte, begegnete mir auf dem Weg von der U-Bahn-Station zum Büro kein einziger Student, nur ein paar Anzugträger mit eiligem Schritt und ältere Damen mit vollen Stoffbeuteln vom Discounter um die Ecke.

Die ersten Tage begab ich mich auf die Suche nach etwas Lebendigkeit in diesem mir neuen Teil der Stadt, drehte Runden auf den verlassenen Grünflächen und hielt auf Parkbänken sitzend Ausschau nach ein paar Hunden.

Die City Nord ist eine Bürostadt, die zu bestimmten Zeiten einer Geisterstadt gleicht. Und auch das neue Uni-Gebäude ist in den vorlesungsfreien Zeiten gespenstisch verwaist.

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Tante sein

Am 20. Januar 2018 um 16:09 kam der kleine Damien zur Welt und machte mich damit zur vierfachen Tante. Man möchte meinen, man sei mit der Zeit darin erprobt, in dem Gefühl, das erste Mal von der Schwangerschaft zu hören, in dem Gefühl, wenn die Nachricht der Geburt kommt, in dem Gefühl, Tante zu werden. Das erste Mal befummelst du noch ganz aufgeregt den schwangeren Bauch der Schwester, willst den Knirps unter deiner Hand strampeln spüren. Beim ersten Mal schreist du mitten im Bus auf, als die SMS mit der frohen Botschaft eintrifft und kannst nicht aufhören zu grinsen, während dir die anderen Fahrgäste verwirrte Blicke zuwerfen. Beim zweiten Mal stellst du dir deinen großen Bruder als Vater vor und bist ein wenig überrascht, wie leicht dir das fällt.

Du denkst, du würdest dich mit der Zeit an den Gedanken gewöhnen, dass deine Geschwister ihre eigenen kleinen Familien gründen, dass da eine neue Generation heranwächst, die Teil deiner Familie ist. Dass du selbst weiterwächst.

Du denkst, du würdest dich mit der Zeit daran gewöhnen, die Kleinen über WhatsApp-Fotos aufwachsen zu sehen, hunderte Kilometer von dir entfernt. An das Gefühl, sie das erste Mal im Arm zu halten, immer wieder mit der Angst, etwas falsch zu machen. Daran, wie sie anfangen zu schreien und nur Mama sie beruhigen kann. Daran, sie nach fünf Minuten wieder abzugeben. Fünf Minuten, die du mit dir mitnimmst, als wären sie der größte Schatz.

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Schlechte Nachrichten

5. Dezember 2017

Erst durch einen rein zufälligen Blick weg vom Fenster bemerke ich die junge Frau mit den roten und tränennassen Augen auf der anderen Seite, ebenfalls eng an die Fensterscheibe gelehnt, als könnte man sich dort in eine sichere Ecke kuscheln. Sie telefoniert, die rechte Hand hält das Smartphone ans Ohr, die freie linke Hand reibt dann und wann an der Nase oder wischt kurz unter dem Auge eine verirrte Träne weg.

Nächste Woche beginnt die Behandlung, erfahre ich durch ein paar leise Worte, die zu mir hinüberwehen. Krebs. Gestern erst erfahren. Jemand aus ihrer Familie, es klingt wie ihre Mutter. Auch ihr Onkel und Großvater sind schon an Krebs gestorben, Bauchspeicheldrüse, Kehlkopf. Sie selbst jetzt wohl auch Risikokandidatin, von Stufe zwei auf Stufe eins gerutscht. Es liegt in der Familie.

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