Flaschenpost an meinen Neffen – in Auszügen

An dem Tag, als du als kleines Baby zur Welt gekommen bist, wurde auch das innere Kind deiner 25-jährigen Tante wieder erweckt. Ich war gerade mit Freunden an der Ostsee und wegen des Meers vorfreudig wie beim ersten Mal. Der Geruch, der Wind, das Wasser, der unendlich weite Horizont, das Gefühl von Freiheit, Ruhe. Nirgendwo sonst habe ich so sehr das Gefühl, neue Welten und gleichzeitig ein Zuhause zu finden. Ich wünsche dir, dass du dieses Gefühl auch erleben darfst und bin mir ziemlich sicher, dass du es gerade jeden Tag tust. Denn auch du entdeckst gerade die Welt und dein Zuhause.

Nicht nur ich wurde am Strand zum Kind. Wir alle alberten herum und es ist einfach wunderschön, Freunde zu haben, mit denen man das machen kann, denen ich mein inneres Kind anvertrauen kann, bei denen ich ich selbst sein kann. Ich wünsche dir von ganzem Herzen Menschen in deinem Leben, mit denen du dein ganzes Leben lang Kind sein kannst. Lass dir das Kind in dir nie nehmen. Und wenn dich jemand albern oder kindisch nennt, dann nimm es als Kompliment! Ich verspreche dir, dass ich deinem inneren Kind immer Platz geben werde. Und du wirst auch meines kennenlernen.

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Alles und nichts

„Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der alles egal ist. Es ist egal, wer du bist, wen du liebst, jeder soll sein, wie er will. Warum ist jedem egal, wer ich bin?“ Mir bist du nicht egal, möchte ich ihm sagen, doch ich weiß, dass es nicht das ist, was er meint, während wir händchenhaltend auf dem Dach seiner Garage sitzen und den Helikoptern zusehen, wie sie über der Stadt kreisen. Eine Weile schweigen wir, bis sich seine Hand in meiner immer mehr zu einer Faust ballt.

„Aber, aber, aber“, zischt er und ich lasse ihn meine Hand zerdrücken, lasse zu, wie sich seine Wut in ein grässliches Schluchzen verwandelt, das immer wieder von dem Lärm der Helikopter verschluckt und in der plötzlichen Stille dazwischen umso schärfer wieder ausgespuckt wird.

Er hat sich geweigert, die Flasche Wein mit auf das Dach zu hieven, die ich ihm mitgebracht hatte. Und auch die kleine Schmuckschatulle steht noch auf dem Küchentisch, geöffnet, aber unberührt.

„Erst, wenn es nicht mehr egal ist“, hatte er gesagt und mir dabei ein Schwert in den Magen gerammt und es mir mit jedem weiteren Wort Stück für Stück durch die Gedärme in Richtung meines Herzen gedrückt.

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Und was hast du am 30. Juni 2017 gemacht?

Mein etwas dröhnender Kopf lehnt an der mit einem Regentropfenmosaik beträufelten Fensterscheibe der S-Bahn. Draußen sehe ich die schwachen Lichter der Schreibtischlampen in den Bürogebäuden im Fahrtwind verwischen, an der Brücke ziehen sich die ersten Polizeiabsperrungen für den G20-Gipfel entlang, mit gesenktem Kopf sitzen einige Polizisten in ihren Wagen. Und während ich mich im strömenden Regen auf den Weg zur Arbeit mache, ein Franzbrötchen in der Hand, habe ich das seltsame Gefühl: Heute wird ein guter Tag. Und ein Lächeln breitet sich auf meinen Lippen aus.

Ich setze mich zu den Studenten ins Seminar, wo gerade die Zahlen des Tages verkündet werden. Dreihundertdreiundneunzig von sechshundertdreiundzwanzig. Dreihundertdreiundneunzig. Eine Zahl. Ein erleichtertes Lachen, dann wird die Tür geschlossen und das Seminar beginnt. Während draußen der Regen mit hundert Prozent auf die Stadt herniederprasselt.

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Parade

​Ich schiebe es auf die Hitze. Ich schiebe es auf die drückende Hitze, dass ich mich unwohl fühle. Ich rede mich aus dem Sommer, will nicht zugeben, dass es das Leben ist, das mich schwitzen lässt. Dass es die Farben sind, das Licht, die Geräusche, das Lachen und Feiern. Die Menschen.

Ich bin der Parade aus dem Weg gegangen. Den Zeit- und Wegplan in der einen, die Kamera in der anderen Hand, bin ich der Parade aus dem Weg gegangen. Ich hatte sie mir groß auf die Tagesliste geschrieben, doch ich bin nicht mit dem Wecker aufgestanden, bin nicht an der richtigen Haltestelle ausgestiegen. Habe mir eingeredet, dass ich sie verpasst habe.

Ich schiebe es auf die Menschenmassen. Ich schiebe es auf meine Klaustrophobie, auf die lauten, vollen Straßen, dass ich mich unwohl fühle. Und dann der Alkohol, der Alkoholkonsum der anderen. Ich rede mich aus der Party.

Ich wollte hingehen. Wollte die Stimmung mitnehmen, die Momente einfangen. Ein Teil davon sein. Mit allen Sinnen, ganzem Herzen. Weil auch die Botschaft mir am Herzen liegt. Ich wollte die Vielfalt feiern und verkrieche mich in meinen eigenen Schutzpanzer. Ich fühle mich unwohl neben den großen Männern im Federkostüm, fühle mich unwohl neben den Menschen im Lederoutfit, fühle mich unwohl unter den jubelnden, mit Regenbogenfahnen wedelnden Feiernden am Wegesrand.

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Wenn es einen Gott gibt

Wir stehen am Bahnsteig und warten auf die verspätete S-Bahn. Am anderen Ende werden Stimmen laut. Ein streitendes Ehepaar. Sie streitet, er schweigt.

„Dann geh ich jetzt eben auf dem Steindamm arbeiten, irgendjemand muss es ja tun, weil du ja nicht arbeitest, das ist dir vollkommen egal!“

Auf ihren hohen Pfennigabsätzen geht sie im wütenden Zickzack über den Bahnsteig und umrundet dabei ihren Ehemann, der teilnahmslos an einer der Säulen lehnt und so tut, als ginge ihn das Ganze nicht an.

„Du bist so ein Arschloch!“, schimpft sie, geht auf ihn zu. Neben ihren hohen Pumps steckt ihr schmaler Körper in einer enganliegenden Jeans und einem schwarzen Oberteil, ähnlich einem Korsett, ihre langen schwarzen Haare sind dünn, ihr Gesicht von Zornes- und Sorgenfalten durchzogen. Ich schätze sie auf etwa Ende vierzig. Und habe eine dumpfe Ahnung davon, wo sie arbeitet. Nicht unbedingt wegen ihres Outfits, mehr wegen ihres harten Schrittes in ihren Pumps, der den Bahnsteig zum Schwanken bringt. Wahrscheinlich ist es auch nur die Brücke unter uns.

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Ein Abschied

Ich bin umgezogen. Nein, Hamburg wird mich nicht so schnell los, aber ich habe mich vom Osten, dem unterschätzten Stadtteil Billstedt verabschiedet. Die letzten zweieinhalb Jahre habe ich hier unglaublich spannende Menschen und ihre Geschichten kennengelernt, mich in der U-Bahn-Linie U2 heimlich in ihre Welten geschummelt. Es wird Zeit, weiterzuziehen. Auch in meinem neuen Wohnort gibt es viel zu entdecken, die S-Bahn, die Nachbarschaft und die Menschen, die Hamburg zu dem machen, was es ist: vielfältig und lebendig.

Heute war ich wohl zum letzten Mal in der alten Wohnung in Billstedt, um noch Post abzuholen. Und ich hatte noch eine Mission offen. Ich wollte mich von meiner Nachbarin verabschieden. Die Nachbarin, die Wand an Wand zu meinem Schlafzimmer wohnte, ist achtundachtzig Jahre alt. Ich habe sie gleich nach meinem Einzug kennengelernt, weil ich nicht mehr in die Wohnung kam, die Tür klemmte und sie hatte einen Ersatzschlüssel, das wusste ich von meiner Mitbewohnerin.

Und so stapfte eine kleine gebückte Frau an meine Wohnungstür, ruckelte einmal fest daran und öffnete sie mir in einem Schwung. Ich schämte mich ein bisschen. In unserem Gespräch stellte sich heraus, dass sie Verwandtschaft in Bayern hatte, nicht weit von meinem Heimatort entfernt. Sie bekäme immer Kopfschmerzen vom Föhn, wenn sie runterfährt, meinte sie, und ihre Verwandtschaft hätte in Hamburg stattdessen immer Halsschmerzen vom Wind. Es war mir, als läge darin das ganze Geheimnis des bayerisch-hamburgischen Kulturschocks, der sich damit für mich auflöste.

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Ankündigung: neue Rummelattraktion!

Berni’s Rummel hat eine neue Attraktion: die Regenbogenwildwasserrutsche, die tatsächlich nicht nur in eine Richtung fließt! Sowohl den Weg als auch die Regenbögen kreiert der Besucher selbst. Wusstet Ihr, dass es Regenbögen in unendlich vielen Farben und Formen gibt und dass Ihr bei ihrem Anblick einen Wunsch frei habt? Probiert es aus. Und wünscht Euch noch mehr Farben und die Fähigkeit, sie zu sehen.

Was es mit der Regenbogenwildwasserrutsche genauer auf sich hat, könnt Ihr hier nachlesen. Ich freue mich auf viele gemeinsame wilde, regenbogenbunte Fahrten!