Schlechte Nachrichten

5. Dezember 2017

Erst durch einen rein zufälligen Blick weg vom Fenster bemerke ich die junge Frau mit den roten und tränennassen Augen auf der anderen Seite, ebenfalls eng an die Fensterscheibe gelehnt, als könnte man sich dort in eine sichere Ecke kuscheln. Sie telefoniert, die rechte Hand hält das Smartphone ans Ohr, die freie linke Hand reibt dann und wann an der Nase oder wischt kurz unter dem Auge eine verirrte Träne weg.

Nächste Woche beginnt die Behandlung, erfahre ich durch ein paar leise Worte, die zu mir hinüberwehen. Krebs. Gestern erst erfahren. Jemand aus ihrer Familie, es klingt wie ihre Mutter. Auch ihr Onkel und Großvater sind schon an Krebs gestorben, Bauchspeicheldrüse, Kehlkopf. Sie selbst jetzt wohl auch Risikokandidatin, von Stufe zwei auf Stufe eins gerutscht. Es liegt in der Familie.

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Ein Plädoyer für eine Kirche ohne Gemeinschaft

In der ersten Version dieses Textes wollte ich von meinem 14-jährigen Ich erzählen, das ein Tagebuch mit Gott schrieb, von einem Mädchen, das jahrelang Mitglied im Kinderchor war, Soli singen und Fürbitten vortragen durfte, von dem schüchternen und braven Mädchen, das man gerne neben den Altar platzierte. Von dem Mädchen, das davon träumte, selbst Gottesdienste abzuhalten, Pfarrerin zu werden. Ich hätte davon erzählt, wie es ist, eine Frau und die Tochter eines schwulen Vaters in der katholischen Kirche zu sein. Ich hätte vom Kämpfen und Versöhnen erzählt. Doch seit dem ersten Entwurf dieses Textes hat sich einiges geändert.

Ich bin aus der Kirche ausgetreten.

Und an dem Tag, als ich aus der Kirche austrat, lächelte ich. Ich lächelte wie an dem sonnigen Märztag, als ich mein Studium erfolgreich absolvierte, wie an dem regnerischen Julitag, als mein Neffe geboren wurde.

Aber natürlich gibt es das 14-jährige Ich noch, das kleine Mädchen, es ist ein Teil von mir. Das Ich, das bei all der Faszination für Gott und die Kirche tief im Inneren immer spürte, dass etwas falsch war. Und vielleicht kann ich es heute endlich benennen.

Ich wünsche mir eine Kirche ohne Gemeinschaft.

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Leseprobe: Warten auf den Spätsommerregen

Leseprobe aus dem 6. Kapitel des Romanprojekts Warten auf den Spätsommerregen.

„Wer als Letzter auf der Birke ist, hat verloren!“, rief sie, als sie meine Zimmertür aufriss und rannte davon. Ich sprang von meinem Bett und lief ihr hinterher. Aus der Küche drangen seltsame Geräusche, doch die Stimme meiner Schwester jagte mich weiter nach draußen. Als ich an der Birke ankam, hatte sie sich schon auf den untersten Ast geschwungen.

„Das ist unfair“, schnaufte ich und musste zusehen, wie sich jetzt auch die Katze vor mir auf den Baum schlang. Ich tat es ihnen nach. Von oben hatten wir einen guten Blick auf die schmale Dorfstraße, das angrenzende Waldstück mit dem kleinen Bach und davor die Wiese, auf der eine Handvoll Ziegen weidete. Wieder hatte ich dieses seltsame Geräusch im Ohr, das das Rauschen der Blätter im sanften Wind fast überdeckte, doch ich hörte es. Als seufzte der Baum. Oder schluchzte.

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Heute hat sich jemand umgebracht

Heute hat sich jemand umgebracht. Für diejenigen, die die Statistiken im Auge haben, ist das wenig überraschend. Täglich nehmen sich Menschen das Leben, jede Stunde einer in Deutschland. Wenn man sich einen dieser Liveticker anguckt, stockt einem der Atem. Doch letztendlich sind es nur Zahlen. Die Person, die sich heute Morgen aus dem Gebäude stürzte, in dem ich mich gerade befand, ist keine Zahl.

Ich habe es nicht mitbekommen. Nicht die Tat, nicht den Polizeieinsatz, nichts. Ich saß wohl gerade in meinem Büro, ein Stockwerk darüber, knabberte an meinem Müsliriegel und wünschte mich zurück ins Bett.

Im Laufe des Tages begegnete ich jemandem, dem der Anblick nicht erspart geblieben war, erst da erfuhr ich überhaupt von den Geschehnissen, keine Einzelheiten, nur, dass sie geschehen waren. Für ihn war der Tag erledigt, sein blasses Gesicht sprach Bände, er ging nach Hause. Ich blieb. Blieb eine Weile auf meinem Bürostuhl sitzen, starrte auf den flimmernden Monitor, ging dann ans Fenster und sah hinunter. Schon auf dem Weg zum Fenster fühlte ich mich schlecht, aber ich musste es tun. Das regennasse Laub auf der Wiese unter mir beruhigte mich. Vielleicht für eine Sekunde.

Dann kam der Schock zurück.

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Aus der Bahn geworfen

Hamburg U-Bahn, 6. November 2017

Er positioniert sich im Türbereich, den Blick gen Boden gerichtet. Dann, als der Zug losfährt, erhebt er die Stimme, sein Kopf wandert unruhig nach links und rechts, ohne dass sein Blick irgendwo hängenbleibt. In seiner Hand ein kleines, in Alufolie verpacktes Paket, darauf eine Banane.

„Einen schönen guten Tag, mein Name ist Oliver. Ich möchte Sie auch gar nicht lange stören, aber ich bin leider seit genau vier Wochen obdachlos. Ich würde mich sehr über ein bisschen Kleingeld oder auch gerne über etwas zu essen oder zu trinken freuen. Sie würden mir damit sehr weiterhelfen. Tut mir wirklich leid für die Störung und ich wünsche Ihnen allen noch einen schönen Tag.“

Die brüchige Stimme durchdringt nur mühsam das Rattern des Zuges und die Nervosität des Besitzers überträgt sich auf den Waggon. Angestrengt richten sich die Blicke durch die Fenster nach draußen. Auch meine. Hinter mir vernehme ich ein Murmeln, das lauter wird und den Charakter von empörten Zwischenrufen annimmt. Jedoch verstehe ich kein Wort und vermute sicherheitshalber, dass die Geräusche von einem Telefonat stammen und nichts mit Oliver zu tun haben, der sich jetzt von hinten nach vorne durch den Waggon arbeitet.

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Schattenwesen

Guten Tag, ich würde gerne mit einem Arzt sprechen.

Worum geht es?

Das würde ich gerne mit dem Arzt besprechen.

Waren Sie schon einmal bei uns?

Nein.

Wie sind Sie denn auf uns aufmerksam geworden?

Ich bin vor kurzem hier in die Nachbarschaft gezogen.

Dann bräuchte ich jetzt kurz Ihre Karte.

Hier, bitteschön.

Wenn Sie dann bitte noch ein paar Minuten im Wartezimmer Platz nehmen.

Danke.

Gehen Sie doch schon einmal in Zimmer zwei, der Arzt kommt sofort.

„Guten Tag, was führt Sie zu uns?“, fragt er.

Ich lächle.

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Das furchtbar traurige vorläufige Ende der Bürogeschichte

Er ist wieder da. Ich kann es mir nicht erklären und es macht mich unendlich traurig, ihn wieder dort am Nordfenster am Ende des Flurs stehen zu sehen. Mit ihm sind auch die Studenten aus den Semesterferien zurückgekehrt, die es sich jetzt auf ihm gemütlich machen, wenn sie auf die Sprechstunde der Professorin nebenan warten. „Passt auf!“, möchte ich ihnen zurufen, während ich einen besorgten Blick auf seine fehlenden Rollen werfe. Doch er wackelt nicht unter den aufgeregten Hintern der Studenten, die scheinbar ohne Mühe auf ihm balancieren und nicht wie ich vornüberkippen.

Die meiste Zeit aber steht er dort ohne Gesellschaft. Einsam und zerbrechlich. Wie sehr hatte ich ihm ein Erlösen von seinen Gebrechen gewünscht. Wie schön hatte ich die Vorstellung gefunden, dass er ein neues Zuhause gefunden hatte, dass er sich vielleicht sogar auf die Suche nach seiner großen Liebe begeben hatte. Wie sehr hatte ich für ihn gehofft, dass er dem grauen Flur entkommen konnte.

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